„Polizeiruf“ aus Rostock

Verliert die Kommissarin ihren Verstand?

Von Heike Hupertz
Aktualisiert am 14.06.2020
 - 16:37
Sascha Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau)
Furios und glaubwürdig: Seit zehn Jahren ermitteln Sascha Bukow und Katrin König im Rostocker „Polizeiruf 110“. Feiern können die Polizisten das aber nicht – sie stehen vielmehr vor dem Abgrund.

Seit zehn Jahren ermitteln Sascha Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) im Rostocker „Polizeiruf 110“. Seit einer Dekade, in welcher der Kommissar und die Kommissarin, der Straßenkötertyp und die Oberkorrekte, einander misstrauten, wider Willen Verlässlichkeit einübten, gemeinsam vor Gericht standen, ihre unterschiedlichen Rechtsbegriffe und ihr Vertrauen durchs moralistische Fegefeuer schickten und, in der vor einiger Zeit gesendeten Folge „Für Janina“, schließlich ihre Überzeugungen zu tauschen schienen. „Für Janina“ war Königs Sündenfall. Weil dem Biedermann Guido Wachs (Peter Trabner) ein lange zurückliegender Mädchenmord nicht nachzuweisen war, schob ihm König ohne Wissen Bukows falsche Beweise in einem anderen Mordfall unter. Wachs wurde verurteilt. Für König hatte ihre Tat keine Konsequenzen. ARD-intern wurde das heftig diskutiert.

Königs Tat und des Mörders „unschuldige“ Buße sollte nicht das letzte Wort bleiben, hieß es beim zuständigen NDR. Allerdings ließ man sich Zeit. Es gab erst einmal ganz andere Ermittlungen. Und dann begann Wachs, seiner Nemesis aus dem Gefängnis Briefe zu schreiben. Zu Gott habe er gefunden. Sühne und Buße müssten sie beide leisten, Täter einer wie die andere. Gestehen, um endlich frei zu sein im Kopf. In seiner Zelle klammerte er sich an die Bibel, in deren ausgehöhltem Inneren sich freilich anderes verbarg als die Bergpredigt. Vor dem Fenster stand zerlesen Nietzsches Manifest des amoralischen Übermenschen.

Dubiose Ideen

Wachs schrieb und schrieb weiter. Von seiner Ehe, an deren Zerbrechen König schuld sei. Er wisse, wie schwer die Kommissarin an ihrer Last trage. Er verlangt einen Besuch im Gefängnis und hat einen Auftrag für König, die ihn in Seidenbluse und mit Lippenstift zurechtgemacht besucht, obwohl sie einen anderen Frauenmörder verfolgt. Nadja Flemming (Xenia Rahn), ehemalige Siebenkämpferin, wurde im Rostocker Hafengebiet erstochen, an der Stelle, an der König kurz zuvor beim Joggen von zwei Männern niedergeschlagen worden war. Nadjas Ex-Mann, Versicherungsvertreter Klaus Flemming (Helgi Schmidt), lebt mit gemeinsamem Kind und neuer Frau Annie (Victoria Schulz) in einer Neubausiedlung. Während das Polizeiteam mit Chef Henning Röder (Uwe Preuss) und Kollege Volker Thiesler (Josef Heynert) Königs Angreifer sucht, beobachtet Bukow, wie seine Partnerin anscheinend den Verstand verliert. Sie verfolgt dubiose Ideen im Fall Flemming, ist absent, zittert. Ob sie betrunken sei, fragen Verdächtige.

Was die Kamera von Andreas Höfer in extremen Gesichtsnahaufnahmen und verzerrt subjektiven Bildern aus Königs Wohnung zeigt, entstammt der Psychothriller-Ästhetik. Die Kommissarin unter Druck schluckt Pillen, auf ihrer Haut breitet sich ein blutiges Kainsmal aus. Im Keller sitzt ein Mann, der grobkörnige Kamerabilder aus Königs Wohnung in Wachs’ Zelle überträgt. Im Kern geht es in diesem Schuld-und-Sühne-Drehbuch von Florian Oeller um Machtmanipulation und Rache, die auch Bukow und seinen Vater, den ehemaligen Verbrecherkönig Veit Bukow (Klaus Manchen), zerstören soll. Im Bukow-Strang der Geschichte leistet sich die Folge „Der Tag wird kommen“ einen mit Drohnenhilfe exzellent inszenierten Showdown auf der Halbinsel Wustrow. Auch Polizeikollege Anton Pöschel (Andreas Guenther) wird mittelbar zu Wachs’ Werkzeug.

Ob die Auflösung des Falles von Nadja Flemming plausibel ist, sei dahingestellt. Psychologisch fügt sich der Fall jedenfalls nahtlos in den Genremix aus Thriller und Polizeifilm ein. Eoin Moore, der maßgeblich für die Entwicklung des Rostocker „Polizeirufs“ verantwortlich zeichnet, löst Königs existentielle Krise als Regisseur ohne esoterische Mätzchen auf. Zentral ist eine Szene, in der sich Wachs’ Ex-Frau im Gefängnis aus der toxischen Manipulation des Mannes mit Vernunft frei redet.

Charly Hübner glänzt als der Typ, der Til Schweiger irgendwann gern wäre. Anneke Kim Sarnau, die für ihre furiose Darstellung beim Deutschen Fernsehkrimifestival den Preis als beste Schauspielerin gewann, spielt den extremen Kampf ihrer Figur ohne Netz und doppelten Boden, frei von Mitleids- oder Opferposen. Wer König und Bukow schon länger kennt, sieht mit der Episode „Der Tag wird kommen“ eine Art vorläufiges Finale, das viele andere Serien auf die Plätze verweist.

Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten

Polizeiruf 110: Der Tag wird kommen, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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