„Dexter“ kehrt zurück

Er hat noch etwas zu erledigen

Von Nina Rehfeld
22.11.2021
, 12:25
Was er im wohl Schilde führt? Michael C. Hall als Dexter
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Vor acht Jahren endete die Serie „Dexter“. Sie war ein Riesenerfolg und einigermaßen umstritten. Der „Held“ ist schließlich ein Serienkiller. Nun kehrt er zurück.
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Da stand der Titelheld, in der letzten Szene der achten Staffel von „Dexter“, mit Bart, in Karohemd und Daunenweste, auf einem Holzlagerplatz im amerikanischen Nordwesten, nachdem er in Miami seinen Tod auf hoher See vorgetäuscht hatte. Und die Herzen der Zuschauer sanken. „Dexter lebt; der Rest von uns stirbt innerlich“, fasste Entertainment Weekly 2013 die Enttäuschung über das Finale zusammen.

Die Serie zählte schließlich zum Besten, was das amerikanische Fernsehen zu bieten hat, auch, weil sie so kontrovers war und ihr Held unter den vielzitierten „difficult men“, den Antihelden des großen amerikanischen Fernsehens der vergangenen zwanzig Jahre, ziemlich weit oben rangierte. Immerhin verübte der titelgebende, freundliche und ziemlich verkorkste Forensiker des Miami-Metro Police Department, Dexter Morgan (Michael C. Hall), Selbstjustiz an besonders schrecklichen Übeltätern, die der Gerichtsbarkeit entwischten – und verstrickte sich dabei sowohl beruflich als auch privat in ein immer kompliziertes Katz-und-Maus-Spiel. Dass all dies vor acht Jahren so unentschieden endete, nahmen Fans und Kritiker der Serie gleichermaßen übel. Nun folgt mit „Dexter: New Blood“ unter der Ägide von Clyde Phillips der Versuch, der Geschichte des „rechtschaffenen“ Serienkillers ein würdiges zehnteiliges Ende zu bereiten.

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Phillips war der Chefproduzent der Serie über die ersten vier Staffeln, bevor er die Zügel an Scott Buck übergab, um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, und „Dexter“ unter wechselnden Produzenten an Format verlor. Sechs Jahre nach dem glanzlosen Schluss der Serie wandte sich 2019 der neue Unterhaltungschef des Senders Showtime, Gary Levine, mit der Bitte an Phillips, das Finale mit einem abgeschlossenen zehnteiligen „Special“ würdig zu gestalten. Levine, zuvor Programmchef des Senders, befand selbst, die Serie habe nicht das Ende erhalten, das sie verdient gehabt hätte. Phillips konnte Michael C. Hall und weitere Mitglieder der Originalbesetzung für das abschließende Kapitel gewinnen. Er besteht darauf, dass dies mitnichten eine neunte Staffel der Serie sei.

Das Ende als Grund für einen neuen Anfang

Michael C. Hall sagte in einem Pressegespräch zu „Dexter: New Blood“: „Die Art und Weise, wie die Serie endete, hat viel damit zu tun, warum wir das Ganze jetzt noch einmal aufnehmen. Vielen Leuten fehlte ein Abschluss, und wir hoffen das hier zu bewerkstelligen – wir wollen die Frage beantworten, was mit diesem Typen passiert.“ In den vergangenen Jahren waren bereits mehrere Versuche unternommen worden, dem Ganzen noch eins draufzusetzen, darunter ein Vorschlag von Halls Mutter, die „ein Stück mit Dexter im Kloster im Sinn hatte“, wie sich Hall erinnert. Aber all diese Bemühungen verliefen im Sande – nicht zuletzt, wie Hall sagt, „weil genügend Zeit vergehen musste, damit sich bestimmte erzählerische Möglichkeiten auftun konnten“.

Video starten02:25
Trailer
„Dexter: New Blood“
Video: Sky Show, Bild: Seacia Pavao/Showtime

Jetzt ist nahezu ein Jahrzehnt vergangen, Dexter lebt inzwischen unter dem Namen Jim Lindsay (eine Verneigung vor Jeff Lindsay, dem Autor der „Darkly Dreaming Dexter“-Romane, auf denen die Originalserie basierte) in der Nähe einer abgeschiedenen Kleinstadt im amerikanischen Nordosten, das genaue Gegenteil also der schillernden tropischen Metropole Miami, wo er einst ansässig war. Sein aktuelles Zuhause ist nicht länger der Trailer vom Holzlagerplatz in Oregon aus dem Finale, sondern eine rustikale Blockhütte in den Wäldern des Bundesstaats New York, und wenn er nicht gerade jagt, fischt oder sein eigenes Brennholz hackt, verdient er seinen Unterhalt in einem Laden für Jäger- und Anglerbedarf in einem Städtchen, wo ihn jeder kennt und ganz offenbar schätzt. Es ist eine rechte Idylle, deren etwas angestrengte Ausmalung natürlich dazu dient, die Läuterung des einstigen Serienkillers zu unterstreichen – und die Kulisse zu bilden für den unvermeidlichen Rückfall, der im Titel bereits vorweggenommen ist.

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Der Schauplatz ist ebenso bodenständig wie die Einführung in Dexters neues Leben poetisch überhöht: In der Auftaktszene verschont Dexter nach einer Hetzjagd im Schnee einen mythischen weißen Hirsch – „um seine Muskulatur der Zurückhaltung zu kultivieren“, wie Michael C. Hall sagt – , der indes zugleich maßgeblich für den erneuten Ausbruch des „dunklen Passagiers“ wird, wie Dexter seine mörderische Sucht nennt. Der weiße Hirsch gilt in vielen Mythologien als Mahner vor Grenzübertretungen und dem Verlust der Reinheit, und überhaupt wird hier nicht selten mit dem Zaunpfahl gewinkt. Immerhin tut sich mit dem Auftauchen von Dexters Sohn Harrison (Jack Alcott), den sein Vater einst im Stich ließ und der inzwischen im Teenageralter ist, eine interessante Konstellation auf, die Dexters Menschlichkeit seinen düsteren Zwängen gegenüberstellt. Harrison hat Dexters kühle Raffinesse offenbar geerbt; nicht nur macht er seinen untergetauchten Vater ausfindig, er hält sich zudem mit geschickten Lügen mühelos den Rücken frei.

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Und dann ist da noch Dexters Halbschwester Deb (Jennifer Carpenter), die in seinem Haus herumgeistert. Deb, die neben ihrem Bruder als Mordermittlerin im Miami-Metro Police Department arbeitete und eine ebenso harte Kindheit hatte, war Dexter in Staffel sieben auf die Schliche gekommen und von schweren Selbstvorwürfen geplagt, bis sie ein unverdientes Ende als Pflegefall fand (Dexter zog schließlich den Stecker und übergab Debs Leiche dem Meer).

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Nun ist die Frau, die als so etwas wie der moralische Kompass der Originalserie fungierte, als Dexters leibhaftiges Gewissen präsent und löst damit Dexters Adoptivvater Harry ab, der einst aus seinem mörderisch veranlagten Ziehsohn einen „gerechten“ Killer zu machen suchte. „Harry war so etwas wie Dexters Leitstern“, sagt Michael C. Hall über den Mann, nach dessen Code (unter anderem: „Lass dich nicht erwischen“ und „Bring niemals einen Unschuldigen um“) Dexter zu leben vorgab. „Deb dagegen kommt aus allen Richtungen zugleich, und sie versinnbildlicht, wie sehr Dexter innerlich torkelt“, so der Schauspieler. Als Dexter nun aus dem „Zustand der andauernden Buße“, in dem er sich laut Hall befindet, entgleitet, sind die Umstände für seinen erneuten Auftritt als mörderischen Racheengel alles andere als ideal – zumal Dexter auch noch viel zu enge Beziehungen zur örtlichen Polizeidienststelle pflegt.

„Dexter: New Blood“ ist ein gelungenes Wiedersehen mit einigen der einprägsamsten Figuren der amerikanischen Fernsehgeschichte, inklusive John Lithgows Arthur Mitchell, dem „Trinity Killer“ aus der vierten Staffel. Und wiewohl zumindest die ersten Episoden des Zehnteilers an die psychologische und erzählerische Eleganz der Originalserie nicht anknüpfen können, mag sie doch zumindest, wie Michael C. Hall hofft, den Eindruck vermitteln, dass Dexters Abschlusskapitel nicht länger eine „unerledigte Angelegenheit“ ist.

Dexter: New Blood startet am Montag um 21.15 Uhr bei Sky Atlantic.

Quelle: F.A.Z.
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