<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Serie „Little Fires Everywhere“

Quo vadis, verzweifelte Hausfrau?

Von Oliver Jungen
Aktualisiert am 22.05.2020
 - 15:20
Noch scheint im Leben der Übermutter Elena Richardson (Reese Witherspoon) alles in Ordnung. Aber nicht mehr lange.
Mit „Little Fires Everywhere“ legt Reese Witherspoon als Produzentin eine sensible Serie über die Redefinition der Familie seit den Neunzigerjahren vor. Das geht aber nicht ohne großen Knall.

Sie hatte ihn immer schon drauf, den „All-American-Look“ aus der Ikonographie der gehobenen weißen Mittelklasse. Als ein falscher Knopfdruck die bis dahin wenig bekannte Reese Witherspoon 1998 in die adretten fünfziger Jahre beamte, in die Schwarzweiß-Stadt „Pleasantville“, rieb man sich die Augen: Anders als Tobey Maguire, ihr Filmpartner, der vor allem niedlich verdattert dreinblickte, passte Witherspoon so perfekt in diese Scheinwelt, dass sich die eigentlich ja kindische Idee, dieselbe von ihr in die Luft jagen zu lassen, fast natürlich anfühlte. Ähnliches gilt für „Walk the Line“ (2005), wo dem alkoholkaputten Johnny Cash eine glaubhaft starke June Carter entgegentritt; Witherspoons blitzende Augen sind das Geheimnis des Films. Von Beginn an war da nämlich auch der Widerspruch, eine Unzähmbarkeit und Unabhängigkeit, die ihren ganz direkten, wenngleich immer noch gut frisierten Ausdruck vielleicht nur in der Verkörperung einer heroinsüchtigen, promisken jungen Frau in dem von Witherspoon selbst produzierten Film „Wild“ (2014) fand.

Zuletzt ist die Oscar-Preisträgerin in der vielgelobten HBO-Serie „Big Little Lies“ hervorgetreten, einer Art Sozialdrama-Remake von „Desperate Housewives“ samt Notwehrmord. In der narrativen Entwicklung zwar etwas unentschieden, wurden darin einigermaßen ungeschönt Gewalt, Unehrlichkeit und Übererziehung als Probleme moderner Familien-Partnerschaften thematisiert, ohne zu moralisieren. Fünf sehr verschiedene Mütter standen im Fokus, geschrieben hatte die Serie ein Mann, David E. Kelley, ein für Anwaltsstoffe renommierter Autor, was vielleicht die Überfrachtung mit Erzählsträngen, Kriminal-Plot und Melodramatik erklären mag.

„Little Fires Everywhere“ ist sozusagen das ganz und gar weibliche Pendant zu „Big Little Lies“. Die von Witherspoon mitproduzierte Serie spielt unverkennbar Mitte der neunziger Jahre: Eve Enslers „Vagina-Monologe“ werden gelesen; die Musik klingt nach Nostalgieradio; Frisuren, Telefone und Klumpcomputer wurden von der kürzlich im Alter von 54 Jahren verstorbenen Regisseurin Lynn Shelton, Michael Weaver und Nzingha Stewart liebevoll in Szene gesetzt. Zugrunde liegt Celeste Ngs gleichnamiger Roman aus dem Jahr 2017, der in der Adaption durch Liz Tigelaar auf gegenwärtige Identitätsdebatten hin geöffnet wurde: „Cultural Appropriation“ spielt eine zentrale Rolle, ebenso die Haltung, dass Privilegierte nicht klagen dürfen.

Video starten

Trailer
„Little Fires Everywhere“

Witherspoon mimt (wieder) eine gutbetuchte, weiße Supermutter, wie man sie aus der Orangensaft-Reklame kennt: Stets lächelnd und unermüdlich bemüht um das Wohlergehen ihrer sechsköpfigen Vorzeigefamilie in Shaker Heights, Ohio, hat sie den Lebenstraum von einer publizistischen Karriere gegen einen unbedeutenden Teilzeit-Job beim lokalen Käseblatt eingetauscht. Ihre Ehe mit Anwalt Bill (Joshua Jackson) erschöpft sich in Abendbrotgesprächen und Kalendersex. Befriedigung zieht Elena, die Perfektionistin, allein aus ihrer Mutterrolle, aber in dem Maße, in dem die Kinder selbständig werden und auf Konfrontation gehen, gerät ihre Identität ins Wanken. Die Älteren, Lexie (Jade Pettyjohn) und Trip (Jordan Elsass), populäre Highschool-Schüler, führen bereits ein weitgehend autarkes Leben, nur Sohn Moody (Gavin Lewis) nimmt noch mütterliche Ratschläge an. Das schwarze Schaf ist die aufbegehrende Tochter Izzy (Megan Stott), für deren Homosexualität weder Mitschülerinnen noch die eigene Mutter Verständnis aufbringen.

Als Elena aus ihr selbst nicht ganz ersichtlichen Gründen die der Arbeiterklasse entstammende, nomadisch lebende afroamerikanische Künstlerin Mia (Kerry Washington) und deren hochgebildete Tochter Pearl (Lexi Underwood) in einer ihrer Wohnungen einquartiert, gerät ihr bisheriges Leben aus den Fugen. Es hat etwas Bedrohliches, wie sich Mias Kamera in die Scheinwelt der Oberklasse vorarbeitet. Die Annäherung der beiden Frauen ist anregend erzählt, nämlich ohne die tiefen Klüfte zwischen Schichten und Hautfarben außer Acht zu lassen. Mia, die Stolze und Freie, die ein eher freundschaftliches Verhältnis zur eigenen Tochter pflegt, wird zur Rivalin – die Mikroaggressionen nehmen konstant zu – und zugleich zum heimlichen Rollenvorbild für Elena. Dass Mia eigene Probleme hat, zeigen nicht nur ihre Albträume. Hinter der Fassade einer klassenübergreifenden Freundschaft sehen wir gebrochene, nur partiell sympathische, aber vielschichtige und eben deshalb bezaubernde Figuren. Mias geheimnisumwitterte Vergangenheit hätte es da gar nicht gebraucht.

Dass das Ideal der bilderbuchkapitalistischen Familie in Flammen aufgehen wird, wissen wir seit den ersten Szenen: Lichterloh und metaphorisch brennt da das gewaltige Haus der Richardsons. Der lange Rückblick nimmt sich Zeit für viele kleine Brände und Glutnester, Abwege und Lügen. Was den Reiz der ziemlich amerikanischen, kontraststarken, aber glänzend gespielten Serie ausmacht, sind die vergifteten Konfrontationen und intensiven Annäherungen der Protagonistinnen (samt ihrer Töchter), Gespräche voller Übergriffe, Missverständnisse und instinktiver Solidarisierungen. Schwächer wird es, je mehr die Handlung ausgreift. Wie man ein vor der Feuerwache abgelegtes Baby zum Zentrum einer Serienerzählung macht, hat zuletzt die Edel-Soap „This Is Us“ vorgemacht; hier wird durch ein nahezu gleiches Setting lediglich ein weiteres Schlachtfeld eröffnet, auf dem sich – über viele Unwahrscheinlichkeiten hinweg – die Protagonistinnen in salomonischer Bedeutungsschwere beharken können. Solche Überdramatisierungen und einige thesenhafte Dialoge können die Begeisterung etwas bremsen, dazwischen aber finden sich anrührende Momente, die ohne viele Worte zeigen, was Mutterschaft eigentlich bedeutet: Aushalten, selbst wenn man schon in Flammen steht. Oder kurz: Wenn schon Supermom, dann bitte Reese Witherspoon.

Little Fires Everywhere ist von heute an auf Amazon Prime abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.