Apple TV-Serie „Pachinko“

Mit der Herkunft spekuliert man nicht

Von Mark Siemons
08.04.2022
, 20:36
Sunja (Yu-na Jeon) verbindet die vier Generationen der koreanischen Familie, von denen „Pachinko“ erzählt.
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Identitätspolitik auf koreanisch: Die epische Serie „Pachinko“ erzählt die Geschichte einer Familie, die bei allen Demütigungen ihren Überlebensmut nicht verliert.
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Das liegt doch alles hinter uns“, sagt der Notar in Tokio nervös, als die alte Koreanerin zögert, den Kaufvertrag zu unterschreiben – und mit den alten Geschichten anfängt: den Geschichten ihrer Familie, die wie siebenhunderttausend andere Koreaner während der japanischen Besatzungszeit nach Japan zog, um dem Elend zu entkommen, aber dort eine endlose Folge von Schikanen erlebte. Die Frau schaut den Notar an: „Wenn Sie das glauben, sind Sie ein noch größerer Idiot, als ich dachte.“

Wie viele andere ist ihre Familie auch nach 1945 noch in Japan geblieben, weil sie in Korea kein Zuhause mehr hatte, und nun rechnet die Frau ab, weigert sich vor all den sie erwartungsvoll anschauenden japanischen Bankern, ihr kleines Grundstück und Haus zu verkaufen, das sie sich in dem fremden Land erworben hat und das die Bank nun unbedingt für einen Luxushotelneubau haben will. „Jeder Topfen Blut“, sagt sie auf Koreanisch dem zwischen ihnen sitzenden Broker Solomon, der ebenfalls koreanische Wurzeln hat, sei ein Argument gegen das Unterschreiben dieser Papiere. Diese Szene in der vierten Folge der jetzt auf Apple TV+ laufenden Serie „Pachinko – Ein einfaches Leben“ ist eine Zusammenfassung der Moral des gesamten Epos: Die Vergangenheit ist keineswegs vergangen; die komplex ineinander verschachtelten historischen Erfahrungen der verschiedenen Kulturen haben unmittelbare Auswirkungen darauf, wie Diskriminierung heute erlebt wird, auch vor dem globalisierten westlichen Hintergrund.

Im Unterschied zur chronologisch erzählenden Romanvorlage pendelt die Fernsehversion von Soo Hugh ständig zwischen den Zeitebenen.
Im Unterschied zur chronologisch erzählenden Romanvorlage pendelt die Fernsehversion von Soo Hugh ständig zwischen den Zeitebenen. Bild: Apple TV

Mit den K-Dramas aus Südkorea, die nicht erst seit „Squid Game“ so populär geworden sind bei Netflix und anderswo im westlichen Mainstream, ist diese Serie über vier Generationen einer koreanischen Familie nicht zu verwechseln. „Pachinko“ ist eine amerikanische Serie mit einer entschieden amerikanischen Perspektive. Im Unterschied zur chronologisch erzählenden Romanvorlage der New Yorker Autorin Min Jin Lee, die auf Deutsch unter dem Titel „Ein einfaches Leben“ 2018 herauskam, pendelt die Fernsehversion von Soo Hugh ständig zwischen den Zeitebenen. So werden die demütigenden Erfahrungen unter der japanischen Besatzung fortlaufend in dem Selbstbehauptungskampf des Enkels in New York und in der globalisierten Hochfinanzwelt von 1989 gespiegelt. In dem selbstbewussten, anfangs fast hochmütigen Blick, mit dem der junge Broker Solomon (gespielt von Jin Ha) allen Benachteiligungsversuchen und Vorurteilen in seiner Bank begegnet, ist unverkennbar die Fremdheitsgeschichte aufgehoben, von der die Serie als ganze erzählt.

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Die Vergangenheit ist nicht vergangen

Von der ersten Einstellung an geht es in „Pachinko“ also um Anerkennung und Identität – allerdings nicht vornehmlich in den Kategorien von „race“, sondern in denen der geschichtlichen Erfahrung einer Nation. Koreaner und Japaner, die im westlichen Oberflächenblick vieler mehr oder weniger dasselbe sind („Asiaten“), werden in ihrer sehr unterschiedlichen, konfliktreichen Erinnerung hier scharf voneinander abgehoben. Um keine Vermischung zuzulassen, haben auch die Untertitel der koreanischen und japanischen Dialoge jeweils verschiedene Farben.

© KinoCheck Heimkino

„Pachinko“ ist kein Kammerspiel. An Ausstattung wird nicht gespart; mit dem Wechsel von weiträumigen Panoramen und bis ins letzte Detail durchkomponierten Szenen aus nächster Nähe, vor allem aber mit der großartigen Schauspielercrew erzeugt die Serie einen Sog, für den ein Bildschirm eigentlich zu klein ist. Es geht los mit dem Blick in ein koreanisches Fischerdorf bei Busan im Jahr 1915. Fünf Jahre zuvor war Korea von Japan annektiert worden, und die Angst vor den Polizisten und Spitzeln der Besatzungsmacht ist allgegenwärtig. Nachdem drei Söhne früh gestorben waren, bekommen Hoonie und seine Frau eine Tochter, Sunja, und sie überlebt. In der Figur Hoonies mit seiner Gaumenspalte und seinem verkrüppelten Fuß hatte der Literaturwissenschaftler Kim Seong-kon aus Seoul schon nach dem Erscheinen der Buchvorlage ein Symbol Koreas selbst ausgemacht: benachteiligt, schon durch seine geopolitische Lage, und international wenig artikulationsfähig. Aber, wie man ergänzen kann, zugleich auch widerstandsfähig und großherzig.

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Hoonie tut alles für seine Tochter. „Sie soll lernen, dass es in dieser Welt auch Güte gibt“, sagt er einmal. Die stille, tapfere Sunja ist die Figur, die die verschiedenen Zeiten des Epos zusammenhält, gleichermaßen überzeugend verkörpert von Yu-na Jeon als Kind, von Kim Min-ha als Teenager und von der Oscarpreisträgerin Youn Yuh-jung als alte Frau, die auf ihr Leben zurückblickt. Nach Hoonies frühem Tod tritt ein undurchsichtiger Mann (gespielt von dem südkoreanischen Star Lee Min-ho) in Sunjas Leben, der mit seinem vornehmen Anzug wie ein Fremdkörper inmitten des Fischmarkts wirkt, den er managt: ein zwischen Osaka und Busan pendelnder Koreaner mit stark sozialdarwinistischen Ansichten. Später werden seine Verbindungen zur japanischen Mafia herauskommen. Sunja verliebt sich, wird von ihm schwanger und heiratet dann einen idealistischen jungen Pastor, mit dem sie in das Koreaner-Ghetto von Osaka zieht.

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Parallel wird die Geschichte von Sunjas Enkel Solomon erzählt, der sich 1989 von seiner Wall-Street-Bank nach Tokio schicken lässt, um dort die störrische koreanische Grundstücksbesitzerin zum Einlenken zu bewegen. Er glaubt, mit Geld und beruflichem Erfolg den Respekt erzwingen zu können, der seinen Vorfahren versagt geblieben war. Und er meint, seine Herkunft nach Belieben für diesen Zweck einsetzen zu können. Doch das scheitert: Der Deal mit der Grundstücksbesitzerin kommt nicht zustande, und auch sonst wird ihm bei seiner Rückkehr in das Land, in dem er aufgewachsen ist, bewusst, dass er die kollektive Vergangenheit weniger im Griff hat, als er dachte.

Sunja (Kim Min-ha) heiratet den Pastor Baek Isak (Steve Sanghyun Noh), mit dem sie dann nach Japan zieht. Szenenbild aus „Pachinko “.
Sunja (Kim Min-ha) heiratet den Pastor Baek Isak (Steve Sanghyun Noh), mit dem sie dann nach Japan zieht. Szenenbild aus „Pachinko “. Bild: Apple TV

Der japanische Bankchef zweifelt an seiner Loyalität, einfach aufgrund seiner koreanischen Nationalität. Geld fungiert in dieser Serie überhaupt als eine Art Röntgengerät, um die verborgenen Energien der Gesellschaft sichtbar zu machen. Pachinko ist der Name für einen japanischen Glücksspielautomaten, und so wie manche andere Koreaner, denen der Zugang zu angesehenen Berufen in Japan verwehrt war, hatte sich auch Solomons Vater auf diesen Geschäftszweig verlegt und damit viel Geld gemacht. Doch noch immer haftet diesem Erfolg, wie Solomon feststellen muss, ein sozialer Makel, der Geruch des Verächtlichen an.

Das alles ist hochsymbolisch, und vor allem in den ersten Folgen übertreibt es die Serie etwas mit den Bedeutungen. Fast jede einzelne Szene ist da mit einer Botschaft aufgeladen, was es manchmal erschwert, sich der Entwicklung der Figuren so unbefangen zu überlassen, wie sie es verdienen. So wird der weiße Reis, den Sunjas Mutter zum Abschied besorgt, zum Symbol für den Geschmack der Heimat, der Sunja im hohen Alter plötzlich dazu bewegt, nach all den Jahren wieder ihre Geburtsstadt zu besuchen.

Der muntere Eröffnungsclip jeder Folge konterkariert diesen elegischen Ton scheinbar. Zu den beschwingten Klängen von „Let’s Live for Today“, einem Hit der Grass Roots von 1967, tanzen die Hauptdarsteller da wie entfesselt in ihren Kostümen, aber befreit von ihren Rollen, in der Pachinko-Halle von Solomons Vater. Der Song mahnt, nicht den Verstand zu komplizieren, indem man dem Geld nachjagt: „Mach dir keine Sorgen um morgen, hey hey hey, shah-la la-la-la-la, lebe für heute“. Das kann wie ein ironisches, fast sarkastisches Gegenstück zu der Beschlagnahmung der individuellen Schicksale durch die Geschichte wirken, von der „Pachinko“ erzählt. Vielleicht kann dieser Tanz aber auch als eine Bekräftigung des Überlebensmuts gelten, den diese Serie zugleich feiert.

„Pachinko – Ein einfaches Leben“. Auf Apple TV+.

„Pachinko – Ein einfaches Leben“. Auf Apple TV+.

Quelle: F.A.S
Autorenporträt / Siemons, Mark
Mark Siemons
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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