Serie „Paris, Police 1900“

Die Antisemiten sind überall

Von Matthias Hannemann
14.07.2021
, 18:17
Giftspritze: Jules Guérin (Hubert Delattre) hetzt mit seiner Antisemitischen Liga gegen Juden.
In der Krimiserie „Paris Police 1900“ steht Frankreich am Rande des Abgrunds. Es geht um die „Dreyfus-Affäre“ und einen Frauenmord. Ist das der Gegenentwurf zu „Babylon Berlin“?
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Frankreich, die Macht und die Frauen – wie man sich das vorzustellen hat, macht „Paris Police 1900“, eine finstere achtteilige Krimi-Produktion des Bezahlsenders Canal Plus, gleich mit der ersten Einstellung klar. Es ist der 16. Februar 1899. Der französische Präsident Félix Faure (Olivier Pajot) schwadroniert auf einem Sofa über die angespannte Lage im Land, vor ihm kniet eine Frau, auf dass sich die persönliche Anspannung des Staatslenkers löse. Dann scheidet Faure im Moment der höchsten Erregung auch schon dahin, was ihm bis heute den Spott seiner Landsleute beschert.

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Wichtiger als die Umstände dieses Todes ist indes Faures Rolle in der sogenannten „Dreyfus-Affäre“, die Frankreich seit der Verurteilung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus wegen angeblichen Geheimnisverrats 1894 erschüttert – ein Skandal mit antisemitischem Kern, den Roman Polanski im Jahr 2019 ins Kino gebracht hat. Félix Faure sprach sich gegen die Wiederaufnahme des Verfahrens aus, auch war er der Adressat, an den 1898 der offene Brief des Schriftstellers Émile Zola in der linksorientierten Zeitung „L’Aurore“ gerichtet war: „J’accuse ...!“.

Die Erregung, an der Faure in der Eröffnungsszene „Paris Police 1900“ verendet, ist deshalb auch eine politische: Der Präsident ist darüber empört, dass Dreyfus nun doch für ein Revisionsverfahren von der Teufelsinsel nach Paris gebracht werden wird. Er befürchtet Unruhen bis hin zur Revolution.

Zu den Unruhestiftern zählen dabei keineswegs nur die Anarchisten, die von der Polizei beobachtet werden: Ein Zeitungsjunge, der „L’Aurore“ verkauft, wird am helllichten Tage zusammengeschlagen, der Kiosk seines Vaters als Warnung an Dreyfus-Sympathisanten in Brand gesteckt. In einem Theater ist ein Ferkel namens Dreyfus zu sehen – um bei einer Veranstaltung des antisemitischen Hetzers Jules Guérin (dämonisch: Hubert Delattre) vor johlendem Publikum abgestochen zu werden. Serienschöpfer Fabien Nury wurde einst mit Comics wie „Es war einmal in Frankreich“ und „The Death of Stalin“ bekannt. Sein ästhetischer Blick schlägt sich in „1900 Police Paris“ in einer ausgesprochen rustikalen Bildsprache nieder.

Das gilt auch für den Beginn des Kriminalfalls, mit dem Hauptstadtpolizisten wie der stille, trotz Gesichtsverletzung ein wenig zu blasse Inspektor Antoine Jouin (Jérémie Laheurte) in diesem Klima befasst sind: In einem Koffer, den Regisseur Julien Despaux („Profiling Paris“) Stück für Stück vor der Kamera auspacken lässt, liegt der nackte Torso einer Frau. Möglicherweise handelt es sich um die Gattin eines Ministerialbeamten, der treuer Leser von Guérins Schmierblatt „L’Antijuif“ ist.

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Weiter wollen wir der Handlung hier gar nicht vorgreifen. „Paris Police 1900“ empfiehlt sich mit einer Kulisse, die wie ein lebendig gewordenes Gemälde wirkt, und einer Erzählung, die sehr dicht ist und hart und jede schwärmerische Erinnerung an die Belle Époque erfolgreich vertreibt.

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Zum zentralen Personal zählen neben dem unerfahrenen Inspektor Jouin der mit Altherrenwucht auftretende Kommissar Puybaraud (Patrick d’Assumçao), sein konzentrierter Kollege Cochefert (Alexandre Trocki), der gewaltaffine Ermittler Fiersi (Thibaut Evrard) sowie der passionierte Jäger Louis Lépine (stramm und kernig: Marc Barbé), der als neuer Polizeichef an die Seine zurückbeordert wird und die schwelene Unruhe mit allem, was es dafür braucht, in den Griff kriegen soll.

Zwei Frauen kämpfen gegen den Männerüberschuss an: die Juristin Jeanne Chauvin (Eugénie Derouand), die sich als Anwältin gegen das Gelächter der Männerwelt durchzusetzen versucht, und die legendäre Marguerite „Meg“ Steinheil (Evelyne Brochu), die in besten Kreisen verkehrt. Sie ist es, die am 16. Februar 1899 vor dem röchelnden Präsidenten Félix Faure kniet – und anschließend brisante Papiere des Präsidenten zu Geld zu machen versucht. Wir haben es mit einer durchaus sehenswerten Serie zu tun, der es nur an manchen Stellen an Zugkraft mangelt. So ist es wie so oft: Als konzentrierte Miniserie wäre „Paris Police 1900“, das schon als französisches Echo auf „Babylon Berlin“ bezeichnet wurde, besser gefahren.

Paris Police 1900, heute um 21.20 Uhr bei Sky Atlantic.

Quelle: F.A.Z.
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