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Sitcom „Ramy“

Zwischen Allah und YouPorn

Von Oliver Jungen
 - 11:14
Im Zentrum steht die mit der eigenen doppelkulturellen Identität hadernde Figur namens Ramy Youssef, die zwar autobiographisch inspiriert ist, aber verfremdet wurde

Ramy Youssefs Vater, ein gläubiger Muslim aus Ägypten, kam als junger Mann in die Vereinigten Staaten, schuftete rund um die Uhr und war nach zehn Jahren zum Hotelmanager in New York aufgestiegen. Jeden Tag blickte sein Sohn, ebenfalls gläubiger Muslim, aber zugleich amerikanischer Big Town Boy, auf ein Foto, auf dem der eigene Vater stolz die Hand des Hotelbesitzers schüttelt, eines schrägen Onkels – namens Donald Trump. Da hat man sie bereits, in der Nussschale einer Kindheitserinnerung, die kaum noch entwirrbar verknäulten kulturellen Ambivalenzen, die das Leben von Einwandererkindern nicht nur in New York prägen und denen man auf verschiedene Weise, am schönsten aber sicher mit charmantem Humor, entkommen kann.

Da Ramy Youssef aber nicht nur ein pointensicherer Stand-up-Comedian ist, der sein Fernsehdebüt gleich in Stephen Colberts „Late Show“ hatte, sondern auch ein richtig guter Schauspieler, der etwa in der Serie „Mr. Robot“ mit von der Partie war, traute ihm Hulu eine komplette eigene Serie zu, die deutlich gewitzter ist, als es das Label Integrations-Sitcom andeuten würde. Man könnte die von Youssef gemeinsam mit Ari Katcher und Ryan Welch geschriebene Reihe ein modernes Pendant zu Woody Allens jüdisch überformter Selbstsuche aus den siebziger Jahren nennen, diesmal eben aus islamischer Perspektive, aber hier wie dort vor allem New Yorker Alltagsleben porträtierend.

Schwierige Selbstverortung zwischen Familientradition und Säkularismus

Im Zentrum steht eine so sympathisch wie neurotisch mit der eigenen doppelkulturellen Identität hadernde Figur namens Ramy, die zwar autobiographisch inspiriert ist, aber verfremdet wurde (die Trump-Anekdote kommt gar nicht vor). Der Protagonist ist hin- und hergerissen zwischen religiöser Prinzipientreue, die selbst in seinem muslimischen Umfeld sonst niemand wirklich ernst nimmt, aufgeklärten Zweifeln an den Riten des Islams (es beginnt gleich mit der Frage, ob Fussel zwischen den Zehen beim Moscheebesuch wirklich ein Einfallstor für den Teufel sind) und einer jugendlichen Lebensbegierde, die sich in Partys, Dates und – ein Kernthema geradezu, weil im Konflikt mit nahezu allen Religionen stehend – Selbstbefriedigung manifestiert.

Die großen Lebens- und Glaubensfragen werden, darin besteht der Witz, mit der Weltsicht der Generationen Y und Z kurzgeschlossen. Schon der Gottesbeweis Ramys dürfte den meisten Imamen den Bart zu Berge stehen lassen: Dass ihn eine alte Freundin just in dem Moment kontaktierte, als er zu ihrem Facebook-Foto onanierte, hält Ramy für ein Zeichen. Es müsse also eine höhere Macht geben.

Stets an Ramys Seite sind drei herzensgute, meist katastrophal endende Ratschläge erteilende Freunde (Mohammed Amer, Dave Meherje, Steve Way), einer davon schwerstbehindert und Christ, sowie die eigene Familie: die religiösen, liebevollen und gerade deshalb nervenden Eltern (Hiam Abass, Amr Waked), die selbstbewusst säkulare, aber um jede kleine Freiheit kämpfen müssende Schwester (May Calamawy) und ein geschwätziger, Frauen verachtender, Juden hassender und doch geschäftlich prächtig mit ihnen auskommender Schmuckhändler-Onkel (Laith Nakli).

Die ersten Episoden kreisen um einzelne Themen wie die arrangierte Ehe, islamischen Antisemitismus, Ramadan oder vorurteilsbehaftetes Beäugtwerden als schlafender Terrorist. Eine der gruseligsten Szenen findet sich in der als Rückblick angelegten 9-11-Folge: Den jungen Ramy macht im Jahr 2001 die allgemeine Hysterie so kirre, dass er davon träumt, wie Usama Bin Ladin im Wohnzimmer auftaucht, um ihn für den Dschihad zu rekrutieren. Abermals gilt es, sich qua Onanie zu befreien.

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„Ramy“

Ein wiederkehrendes Thema sind die stets scheiternden Affären des Helden, was damit zu tun hat, dass Ramys Freundinnen, ob Jüdinnen, Musliminnen oder verheiratete Frauen, für seine Verhältnisse viel zu zielstrebig und sorglos auf Sex aus sind. Die in dieser Hinsicht weniger erfolgreichen Freunde treibt Ramys Verkorkstheit, mit der er die besten Beischlafgelegenheiten verspielt, zur Verzweiflung. Es ist freilich nicht Glaubensstrenge, die den Protagonisten im pulsierenden Großstadtleben so verloren wirken lässt, sondern seine fundamentale Unentschiedenheit.

Ramys Ja-aber-Natur führt zu endlosen Missverständnissen und köstlich verdrehten, in entgeisterten Aporien endenden Dialogen. Auch für einen Angehörigen der Minderheit scheint es kaum noch möglich, sich politisch korrekt auszudrücken. Doch obwohl der Held weiß, dass die Lösung hieße, Klappe halten und genießen, sitzt ein vermutlich über Fußfussel eingedrungener Teufel in seinem Kopf, der alles diskutieren will.

In der zweiten Hälfte nimmt die Serie deutlich Fahrt auf, weil die Charaktere etabliert sind und sich nun alle Themen fröhlich mischen bis hin zum großen Finale, das im heutigen Ägypten spielt, wo es ebenfalls sehr viel diesseitiger und alkoholisierter zugeht, als der vermeintliche Heimkehrer vermutet. Und doch wartet hier eine Überraschung auf ihn, die in der zweiten Staffel näher erkundet werden dürfte.

„Ramy“ ist nicht die erste Fernsehsendung über kulturell-religiöse Dilemmata, mit denen viele Einwanderer der zweiten Generation umzugehen haben – eine schwierige Selbstverortung zwischen Familientradition und Säkularismus –, aber in ihrer schauspielerischen Eleganz und karikaturfreien Unaufdringlichkeit sicherlich eine der besten.

Ramy ist von heute an auf Starzplay/Amazon Prime abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
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