„Spuren des Bösen“ im ZDF

Auf den Straßen von Wien herrscht Krieg

Von Heike Hupertz
29.01.2018
, 18:00
Im siebten Fall von „Spuren des Bösen“ mit Heino Ferch als Psychiater Richard Brock geht es um ein undurchschaubares Intrigengeflecht. Diesmal gerät auch Brocks Tochter in höchste Gefahr.

Nacht in einer Wiener Vorstadtsiedlung. Die Lage ist unübersichtlich. Es ist ruhig, auch akustische Orientierung ist schwierig. Ein paar Bewegungsgeräusche nur, heftiges Atmen. Schemenhaft auszumachen ist, dass zwei bewaffnete Männer aus einem Auto heraus ein Haus observieren. Im Haus befindet sich ein weiterer Mann, der gerade eine Waffe entsichert. Auf dem Bett neben ihm liegt ein blonder Junge aufgebahrt, ein Familienfoto auf Herzhöhe. Der Mann ruft jemanden an, aber niemand nimmt ab. Psychiater Richard Brock (Heino Ferch) schläft weiter, während sein Mobiltelefon klingelt.

Dann geht alles sehr schnell. Die Männer stürmen das Haus, ein Schusswechsel, zwei werden getroffen, einer davon tödlich. Der Verletzte flieht auf ein weitläufiges Areal langgestreckter Gewächshäuser. Seine Fleischwunde versorgt er wie ein Partisan, bevor er den Verfolgern zwischen Reihen verdorrter Pflanzen entkommt. Man würde auf Bürgerkrieg tippen. Inzwischen ist Wien blassgrau. Schwerbewaffnete Männer stürmen Brocks Wohnung und zwingen ihn gewaltsam aus dem Bett.

Sie suchen Manfred Reiser (Tobias Moretti), einen Ex-Polizisten, der sein Kind umgebracht haben soll. Bis vor sechs Jahren war er einer von ihnen, nun ist er Bezirksinspektor einer Nachbarschaft mit kostspieligen Reihenhauswürfeln, in der fast nur Kollegen wohnen. Brock und Reiser haben sich schon einmal gesehen, vor sechs Jahren, das dämmert dem Psychologen erst später. Einsatzleiter Gerhard Mesek (Juergen Maurer) klärt ihn auf: Kollege Erich Hofer (Helmuth Häusler) ist tot, Kollege Bernhard Schober (Werner Brix) mehr denn je entschlossen, den flüchtigen Reiser zur Strecke zu bringen. Brocks Telefon wird abgehört, er soll Mesek zur Psychopathologie des Täters beraten.

In der Gaststätte des Viertels, die mehr nach Polizeikantine aussieht als nach Vereinsheim des angrenzenden Fußballstadions, erleidet Brocks Polizistentochter Petra (Sabrina Reiter), die vor sechs Jahren im Einsatz angeschossen wurde, eine Panikattacke. Während Reiser weiter auf der Flucht ist, verkehrt sich für den seelenkundigen Restlichtverstärker Brock langsam das Bild, bis es kippt.

Wer jagt hier wen, und wem kann man trauen? Besser niemandem, vielleicht am wenigsten sich selbst und seiner unaufgeklärten (Vor-)Urteilsstruktur. Alle Mitspieler waren damals dabei, im Auftaktfall von „Spuren des Bösen“, der mit der Verhaftung des Sektionschefs Stefan Merz (Erwin Steinhauer) endete. Merz, der als Biedermann mit Blutdurst damals zahlreiche Morde zur Vertuschung seiner Verbindungen mit der Firma Sandag beging, lenkt seinen Stab von Getreuen auch im siebten Fall der Reihe weiter als Lebenslänglicher aus dem Gefängnis heraus. Es könnte sein, dass der alte Fall von systematischer Korruption bis in die oberen Ränge des Innenministeriums noch immer nicht gänzlich aufgeklärt ist.

Andreas Prohaska (Regie) und Martin Ambrosch (Buch) etablierten Wien mit „Spuren des Bösen“ 2012 von Anfang an als Hauptstadt der buchhalterisch höchst effizienten Verwaltung des moralischen Abgrunds. In „Wut“ geben sie dieser Sicht den bislang düstersten Anstrich, auch in der filmästhetischen Gestaltung. Erhellung als Verharmlosung wird konsequent verweigert. In manchen Szenen der weiteren Verfolgung sieht man nur unidentifizierbare Personenschatten und kann kaum die Szenerie überschauen. Wer ist wer da vor, hinter oder neben dem Gebäude? Ist da überhaupt ein Gebäude, oder taumelt hier jemand über die Ränge des Stadions? Der nicht leicht konsumierbaren, aber eindrucksvollen Kameraarbeit von Thomas Kürzl steht das minimalistisch wirkungsvolle Sounddesign von Matthias Weber nicht nach.

Was nützen Brocks hier und da eingestreute Psycho- und Hirnarealfunktionserklärungen, außer dem Verdacht, dass da einer redet und redet, um sich die Tat zu ersparen? Brock, der Psychiater, der selbst ein dunkles Paket zu tragen hat, kann nichts erklären, bis auf: das Böse ist in der Welt. Läuterung gibt es nicht, nur Überlebenskampf. Reiser und Brock, beide waidwund, müssen einander schließlich vor denen mit doppelter Lebensbuchführung retten oder zumindest erst bei dem Versuch sterben. Moretti und Ferch schreibt Ambrosch gegen Ende des Films eine gemeinsame Dialogszene in den Fall, die es in sich hat. Dass „Spuren des Bösen“ nach „Wut“ ähnlich weitergehen kann wie bisher, ist kaum vorstellbar, aber unbedingt wünschenswert.

Spuren des Bösen – Wut, heute, Montag 29. Januar, 20.15 Uhr im ZDF

Quelle: F.A.Z.
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