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Starzplay-Serie „Les Misérables“

Touristen in ihrer eigenen Geschichte

Von Lili Hering
 - 19:11
Das Ensemble von „Les Misérables“: Dominic West, Lily Collins und David Oyelowo (von links).

Ein Schlachtfeld voller toter Körper, in Bleu-Blanc-Rouge gekleidet: Am Morgen nach der Schlacht bei Waterloo stehlen Plünderer Ringe und Schuhe von Leichen. Die Zeit: 1815, Napoleon ist am Ende, die Revolution lange vorbei und ihre Erkenntnisse bald wieder vergessen. Nicht vergessen aus dieser Zeit jedoch, und zahllose Male gespielt, verfilmt, gesungen: die Geschichte Jean Valjeans und der „Misérables“, der Elenden und Armen im Paris des frühen 19. Jahrhunderts.

Im Serienformat der BBC zeichnen acht Folgen in etwas mehr als sechs Stunden den Jahrhundertroman Victor Hugos nach. In ihm geht es um Jean Valjean, das ultimative Vexierbild des „bad boy/good guy“ der französischen Romantik. Weil er ein Stück Brot gestohlen hatte, saß er fast zwanzig Jahre in Haft. Als er entlassen wird, ist er ein gebrochener Mann. Die Handlungsstränge, die bei Hugo in Kapiteln aufeinanderfolgen, laufen in der von Andrew Davies geschriebenen und von Tom Shankland inszenierten Serie parallel ab: Während Valjean (Dominic West) durch die Begegnung mit einem Bischof den Glauben an das Gute im Menschen wiedererlangt, wird die Näherin Fantine (Lily Collins) von ihrem Liebhaber verführt, dann mit der kleinen Tochter Cosette sitzengelassen. Einige Jahre später hat Valjean es zum angesehenen Bürgermeister und Wohlstand gebracht. Javert (David Oyelowo), sein ihm übelgesinnter Gefängniswärter, der nun Polizeioffizier ist, bleibt ihm auf der Spur. Fantine überlässt ihre Tochter der geldgierigen Familie Thénardier zur Obhut. Bald verkauft sie ihre Haare, dann ihren Körper. Nach Fantines Tod nimmt sich Valjean Cosettes an und zieht mit ihr nach Paris, wo er immer noch von Javert gesucht wird und sich Cosette nach einem weiteren Zeitsprung als junge Frau verliebt. In zusammengeraffter Form geht es um Liebe, Tod, Verlust und Menschlichkeit.

Valjean und Javert, West und Oyelowo, sind interessante Gegenspieler, obwohl Drehbuch und Inszenierung ihnen wenig Spielraum geben. Javert, selbst Sohn eines Kriminellen, ist überzeugt, dass Kriminelle allein aus Boshaftigkeit handeln. Valjean bezeugt das Gegenteil. Er, der für eine kleine Tat drakonisch bestraft wurde, sieht sich als Niemand, keiner Liebe würdig – und gibt selbst so viel davon. Die künstlichen Sprechpausen in den Begegnungen, die Verfolgungsjagden durch die dunkle Hauptstadt, die melodramatische Streichermusik und die vielen Tode: Auf einem Kitsch-Spektrum von „Les Misérables“, das sich vom Roman bis zur neuesten Musical-Verfilmung Tom Hoopers erstreckt, ist die Serie – zwar ohne Gesang – sicher im oberen Teil zu vermerken. Und wenn sie sich gegen Ende keinem Happy End nähert, regnet es in Strömen.

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„Les Misérables“

Paris scheint hier aus einem Platz, einer Kirche, zehn Straßen und hundert Statisten zu bestehen: eine Kleinstadt, in der sich Gut und Böse klarer zeichnen lassen. Priester und Nonnen sind ausnahmslos gütig, Polizisten herzlos. Gut und Böse spiegeln sich in den beiden Figuren: Valjean tat das Falsche, ist aber ein guter Mensch, während sich Javert moralisch überlegen wähnt, in Wahrheit aber von Bosheit bestimmt ist. Am Ende gelangt er zu der Einsicht, dass er sich in Valjean getäuscht hat. Das alles ist in Schwarzweiß gezeichnet, wer auf Ambivalenzen hofft, wartet vergebens.

Die Hauptdarsteller sprechen in dieser BBC-Produktion britisches Englisch in verschiedenen Dialekten. Um sie herum parlieren alle Französisch. So werden die Darstellerinnen und Darsteller zu Touristen in ihrer eigenen Geschichte, die ab und an Ausrufe in ihrer vermeintlichen Muttersprache mit englischem Akzent vortragen.

Das wenige Licht, das die düstere Szenerie beleuchtet, kommt von Öllampen oder Kerzen. Die Baracken, Fabriken, Holzhäuser und Straßenzüge sind hübsch verdreckt und die Pariser Kanalisation ein Moloch. „Les Misérables“ zeichnet die Armut allzu idyllisch, aber unterhält als konventionell erzähltes Geschichtsdrama. Eine Geschichte über soziale Klassen, über Auf- und Abstieg in einer Welt, in der Großzügigkeit ein Zeitvertreib für jene ist, die es sich leisten können. Das sind die wenigen Momente, in denen die Serie zeitgemäß wirkt: in der nicht unermüdlichen Betonung der Ungerechtigkeit, der himmelschreienden Unterschiede zwischen Arm und Reich. Das Noble und das Dreckige, das Hugo beschrieb, sind hier etwas heruntergebrochen: dort der Samt und hier der Schmutz.

Les Misérables ist auf dem Kanal Starzplay bei Amazon Prime verfügbar.

Quelle: F.A.Z.
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