„The Billion Dollar Code“

David gegen Googliath

Von Oliver Jungen
07.10.2021
, 19:59
 Juri Müller (Marius Ahrendt) und  Carsten Schlüter (Leonard Scheicher,r.)  haben etwas Großes erfunden, den Reibach machen andere.
Video
In mitreißenden Bildern erzählt „The Billion Dollar Code“ eine zumindest halbwahre Story über die Vorgeschichte von Google Earth. Eigentlich jedoch handelt diese gewitzte deutsche Netflix-Serie von unserer digitalen Naivität.
ANZEIGE

Da ist Netflix, hier sind wir. Und unsere Posemuckel-Sender. Manchmal aber bootet das High-End-Programm des schwerreichen Streaming-Giganten sozusagen vom falschen Laufwerk, und dann startet eine weltweit ausgestrahlte Netflix-Serie mit einem Ausschnitt aus einem Fernsehbericht des Hessischen Rundfunks von 1958. Und das ist alles andere als nebensächlich, im Gegenteil, es zeigt, dass hier zwei potente Showrunner – Oliver Ziegenbalg (Buch) und Robert Thalheim (Regie) – eins und null zusammenzuzählen vermögen. Denn der acht Sekunden lange Ausschnitt, in dem auf die Z 22, die siebte, erstmals Röhrentechnik verwendende Rechenmaschine von Konrad Zuse, hingewiesen wird, ist weniger der Startschuss für einen Schnelldurchlauf durch das Computerzeitalter zum Supergrass-Partystampfer „Alright“ („we are young, we run green“): Commodore 64, Klumphandy, Windows, iPhone (so ähnlich beginnen sonst Werbeclips für neue Sparkassen-Apps). Was wir hier vor uns haben, das ist vielmehr so etwas wie der Algorithmus dieser mitreißenden Miniserie.

Mit dem Kauz Zuse fing es an

Denn mit dem Solitär Zuse war all das, was nun erzählt wird, vor achtzig Jahren bereits da: der genialische deutsche Kauz, der in Wohnzimmer-Fummelei den Computer erfand, dann aber nicht Schritt zu halten verstand und von schwerreichen amerikanischen Büromaschinenfirmen rüde abgedrängt wurde, bis er überschuldet aufgab und sich mit expressionistischer Ölmalerei über Wasser hielt. Aber er fand genug Zeit, wenigstens den eigenen Mythos („Vater des Computers“) zu pflegen. Es sieht so aus, als habe sich diese Geschichte auf anderem Level jüngst wiederholt, und zwar inklusive der Mythisierung, zu der die Serie „The Billion Dollar Code“ selbst gehört.

Große Begeisterung - Terravision funktioniert. Die große Ernüchterung folgt.
Große Begeisterung - Terravision funktioniert. Die große Ernüchterung folgt. Bild: Netflix

Im wilden Berlin der Neunziger nämlich – da geht Thalheim ästhetisch in die Vollen; wenn schon Nostalgie, dann so – hatten einige junge, grünschnabelige Studenten eine derart abgedrehte Idee für ein Medienkunstprojekt, dass sie dafür von Professoren verlacht wurden („Pac-Man-Scheiße“), aber mit unbändigem Willen einen Finanzier fanden, nämlich ausgerechnet die bei Hackern des Chaos Computer Clubs als Erzfeind verschriene Deutsche Telekom.

ANZEIGE

Was soll die „Pac-Man-Scheiße“?

Köstlich anzusehen: Bernhard Schütz als Postbeamter 1.0, der eigentlich eher auf den Bildschirmtext setzt (man denke an das Bekenntnis Wilhelm II. zum Pferd, „das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung“), aber dann doch eine Million D-Mark lockermacht. So entstand über viele Hürden und technische Schwierigkeiten hinweg die Software Terravision. Mittels eines Riesenglobus ließ sich die Erde auf einem Bildschirm in alle Richtungen drehen. Durch einen komplexen Algorithmus verschaltete Satellitenaufnahmen machten es möglich, an jedem beliebigen Punkt bis auf Straßenniveau hineinzuzoomen. Wen das an eine weitverbreitete Anwendung aus dem Hause Google erinnert, der hat die Dimension des Projekts erfasst, denn die Entwickler besitzen seit 1995 ein Patent auf diese Form der digitalen Visualisierung. Es handele sich um eine der großen Erfindungen des Internetzeitalters, eine dieser Milliarden-Dollar-Ideen, damit steigt die Serie ein: „Wir wurden darum betrogen. Aber das werden wir jetzt ändern.“ So sagt es einer der Beteiligten, der da längst – und weit erfolgreicher als Zuse – in Kunst macht. Zumindest den Mythos will man nun zurück. Mit viel Elan stürzt sich die Erzählung in die Entstehung der Idee, die halb im Ecstasyrausch dröhnender Technonächte, halb im Hirn eines Außenseiters geboren worden sein soll. Dem zunächst sehr klassisch wirkenden Nerd-Setting – der Hacker Juri Müller (Marius Ahrendt und Mišel Matičevič) ist der typische Soziopath zwischen „Mr. Robot“ und „A Beautiful Mind“ – gewinnen die Serienmacher eine ganz eigene, hervorragend gespielte Dynamik ab, weil es dabei zentral um die Freundschaft zwischen Juri und dem künstlerischen Visionär und Hobbyprogrammierer Carsten Schlüter (Leonard Scheicher und Mark Waschke) geht. Diese wird einer jahrelangen Zerreißprobe ausgesetzt. Beide fühlen sich vom anderen hintergangen.

ANZEIGE

Der Gründer-Rausch des Silicon Valley

Arrangiert ist das klug auf zwei Zeitebenen: In die Nacherzählung des großen, ab 2014 in Delaware tatsächlich so ähnlich gegen Google geführten Prozesses, der einer langen, teuren Vorbereitung bedurfte (Lavinia Wilson und Seumas Sargent geben die amerikanischen Anwälte der zerstrittenen Berliner Freunde), sind viele Rückblenden eingelassen, die von der Entwicklung des Algorithmus handeln. Den präsentierten die Erfinder weltweit, auch in der damals führenden kalifornischen Firma für Digitaldesign, Silicon Graphics, deren Hippie-Chef Brian Andersson (Lukas Loughran) sich als Seelenverwandter Juris gab, aber wenig später für Google den Earth-Algorithmus entwickelte.

Wie geht es vor Gericht für Schlüter (Mark Waschke, vorn) und Müller (Misel Maticevic, rechts) aus?
Wie geht es vor Gericht für Schlüter (Mark Waschke, vorn) und Müller (Misel Maticevic, rechts) aus? Bild: Netflix

Es gelingt der Serie, den rauschhaften Idealismus der Gründerjahre im Silicon Valley in bombastischen Bildern zu evozieren und zugleich anzudeuten, dass darunter längst neoliberalistisches Marktdenken rumorte. Dem gegenüber steht die Berliner Naivität, die es nicht fassen kann, dass der angehimmelte Weltmarktführer ihr kaltschnäuzig die Tür vor der Nase zuschlägt. Ein deutsches Trauma.

ANZEIGE

Gesellschaftliche Revolutionäre sind aber auch Carsten und Juri nur der Selbsteinschätzung nach, obschon sie uns en passant vor Daten-Monopolismus warnen; sie wollen bloß ihren Teil vom schmutzigen neuen Reichtum abhaben. Auch Gegenspieler Brian ist gar nicht so einfach im Evil-Don’t-Be-Evil-Schema zu verorten. Gleichwohl werden die Terravision-Pioniere als sympathisch und moralisch integer gezeichnet, denn natürlich hält ein solcher Film zu David, nicht zu Goliath. Diese Parteinahme ist freilich dramaturgisch geschickt legitimiert, indem Carsten Schlüter als Erzähler fungiert. Wir sehen hier eben seine Version der Dinge. Auf der Zielgeraden erlauben sich Ziegenbalg und Thalheim dann eine listige Krümmung im Raum-Zeit-Kontinuum, ein nachwirkendes Doppelbild. Das alles ist mindestens so aufregend wie der dramaturgische Bogen selbst.

Wie steht es um den Faktencheck?

Hält das alles einem Faktencheck stand? In wichtigen Teilen tut es das in der Tat, auch wenn die Serie den erzählerisch tragenden Konflikt zwischen den (Vor-)Vätern der Erd-Google frei erfunden hat. Auch gehörten eigentlich zwei Entwickler und zwei Gestalter zum Terravision-Kernteam der bis heute sehr erfolgreichen Berliner Designagentur Art+Com. Auf alle vier ist das Patent von 1995 und seine Erneuerung in den Vereinigten Staaten von 2013 ausgestellt.

Video starten02:10
Filmtrailer
„The Billion Dollar Code“
Video: Netflix/Youtube, Bild: Netflix

Auf wen davon sich die Serienmacher beschränkt haben, ist leicht zu dechiffrieren: auf den Gestalter Joachim Sauter, einen Medienkünstler von Rang (zuletzt an der Universität der Künste Berlin), der von der frühen interaktiven Installation „Der Zerseher“ bis zu seinen großen kinetischen Skulpturen von sich reden machte und vor wenigen Wochen viel zu jung gestorben ist, sowie auf den Programmierer Pavel Mayer, der zwischenzeitlich für die Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus saß. Auch ist Brian Andersson nicht nur das Abbild von Michael T. Jones, des Goo­gle-Earth-Entwicklers (der ebenfalls in diesem Jahr gestorben ist), sondern zugleich des Software-Ingenieurs Brian McClendon. Beide arbeiteten bei Silicon Graphics, als das Berliner Start-up dort gebauchpinselt seine Erfindung präsentierte.

ANZEIGE

Überhaupt sind die Zusammenhänge im Detail komplexer, als die Serie es zeigt, aber dass Google Earth und Terravision – die Einspieler der Software sind original – einander auch bei genauerer Hinsicht frappant ähneln, ist kaum von der Hand zu weisen. Sehr eindrücklich wird zudem gezeigt, dass Geschworenenverfahren, die auf weite Strecken einer Show ähneln (an Juri verzweifelt der Gebärden-Coach), ein fragliches Instrument in technisch anspruchsvollen Patentrechtsstreits darstellen.

Aus diesem selbst von den Beteiligten kaum für verfilmbar gehaltenen Stoff eine der interessantesten, atmosphärischsten, glaubhaftesten Serien des Jahres gemacht zu haben, das ist schon an sich eine enorme Leistung. Dass es sich auch noch um eine Produktion aus Deutschland handelt, das von den USA serientechnisch ähnlich klar abgehängt wurde wie in der Digitalindustrie (und auch das nicht zuletzt aufgrund kleinbürgerlicher Visionsaversionen und Ignoranz, in diesem Fall der Posemuckel-Sender), fügt dem allen eine spezielle Note hinzu. Man reibt sich jedenfalls die Augen: So gut kann deutsches Fernsehen sein? Kann es natürlich nur, wenn auch die Budgets stimmen. „The Billion Dollar Code“ ist fulminante, intelligente Unterhaltung, ja, aber ein wenig ist es auch Arbeit am Trauma.

The Billion Dollar Code ist von Donnerstag an auf Netflix abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE