ZDF-Serie „Wendehammer“

Vier Frauen und ein Todesfall

Von Heike Hupertz
12.05.2022
, 18:06
Hecken was aus: Samira (Elmira Rafizadeh), Meike (Meike Droste), Nadine (Friederike Linke) und Franziska (Susan Hoecke, von links).
Video
Das ZDF versucht sich an einer Serie à la „Desperate Housewives“ und schildert die Hölle von Hausfrauen in der Vorstadt. Besonders aufregend ist das nicht.
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Für die einen mag so das Paradies auf Erden aussehen, für die anderen ist es eher eine Horrorvorstellung: Vier Schulfreundinnen wohnen in der Vorstadt Doppelhaushälfte an Doppelhaushälfte. Ihre Männer wässern samstags alle gleichzeitig in den Vorgärten die Pflanzen, bevor sie mit dem Auto in den Tennisverein oder mit den Kindern per Lastenfahrrad zum Badesee aufbrechen. Soviel Individualität muss sein. Die Männer stammen auch von hier, es hat sie nie weggezogen. Es gab auch Abenteuerlust, im Sommer nach dem Abi, zum Beispiel beim Kumpel Andi. Der hat eine Weltreise gemacht, heute ist er Zahntechniker in Stuttgart. Na toll.

Dann, so finden Meike (Meike Droste), Franziska (Susan Hoecke), Nadine (Friederike Linke) und Samira (Elmira Rafizadeh), macht ein Eigenheim in verkehrsberuhigter Zone doch mehr her. Und es gibt noch ein Motiv, das sie in den vergangenen zwanzig Jahren dazu brachte, sich nicht allzu weit zu entfernen. Das liegt als Skelett mausetot auf dem Grund des Sees und hält in seiner Knochenhand ein Namenskettchen.

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Weniger Glamour, weniger Abgründe

Geheimnisse, Lügen, vielleicht Mord hinter der Fassade ehrbarer Bürgerlichkeit; Frauen, die gleichzeitig hervorragend backen und perfide Taten begehen können, man kennt das aus Serien wie „Desperate Housewives“ oder „Vorstadtweiber“. Irgendwann geraten die Protagonistinnen gewaltig in die Klemme, und tun unglaubliche Dinge, um Tatverdacht von sich abzulenken. „Desperate Housewives“ von Marc Cherry wurde zwischen 2005 und 2012 hundertachtzig Folgen und zwei Staffelfinalfilme lang ausgestrahlt, zum Superhit und funktionierte, neben der abgründigen Überzeichnung über Leichen gehender Hausfrauen und Vollzeitmütter (die zum Teil erwerbstätig waren, aber sehr bestimmte Familienvorstellungen hatten) vor allem wegen des süffisanten Off-Kommentars einer „besten Freundin“, deren Geheimnis hier nicht gelüftet werden soll, auch wenn es ohnehin weitgehend bekannt ist.

Auch die „Vorstadtweiber“ und aktuell die Hochglanz-Bussi-Serie „Herzogpark“ (RTL+) beziehen ihren Unterhaltungswert aus der Kolportage von Familien- und Gesellschaftsleben, je pikanter, desto besser. „Wendehammer“ ist weniger glamourös als die Vorgenannten, und definitiv weniger abgründiger, trotz Leiche im See, dafür realitätsnäher und mehr an den aktuellen Problemen durchschnittlich mittelständiger Familien orientiert. Das klingt im Ansatz öde. Soll es unterhaltsam werden, kommt es neben der Handlung auf Dialoge, Darsteller und die gelungene Verbindung von Spannung und Tempo an. Crime und Komödie gehen hier allerdings bloß eine Durchschnittsehe ein.

Trailer
ZDF-Serie „Wendehammer“
Video: ZDF, Bild: ZDF und MOOVIE GmbH / Hardy Spit

Die Bedrohung des verkehrsberuhigten Idylls kommt in Gang, als mit Julia (Alice Dwyer) eine Neue in den Wendehammer zieht. Julia ist etwas jünger als die anderen, hat Freund und Kleinkind vorzuweisen und ist gerade dabei, ihre Doktorarbeit fertig zu stellen. Ihrer Professorenfamilie genügt der Freund, ein Bauingenieur, nicht, da soll wenigstens sie die akademische Fahne hoch halten. Statt auf der letzten Seite der Promotionsschrift ist Julia jedoch gerade einmal beim Quellenverzeichnis, was unbedingt nicht heraus kommen darf. Statt einen Titel zu besitzen, möchte sie lieber zum Dunstkreis von Vorzeigemutter Meike, die unter den Hypothekenbelastungen stöhnt, Franziska, die ihr abgebrochenes Jurastudium mit zwanghafter Pingeligkeit ergänzt, Nadine, dem Postbotenschreck, und Samira, der berufsorientierten Ärztin mit Nicht-Kinderwunsch, gehören. Ihr Drängen führt genauso wie Bauunternehmer Steinerts (Heikko Deutschmann) Golfressort-Plan am See zur anschwellenden Gefahrenlage.

Während die eine sich verzweifelt um einen Kita-Platz und bald als Bürgermeister-Kandidatin bewirbt, die anderen das Examen nachholen, im Schließfach bemerkenswerte Entdeckungen machen oder panisch um ihre Gesundheit fürchten, sinkt der Wasserstand im See dramatisch. Richtig schlimm wird es in „Wendehammer“ jedoch nirgends. Das Drehbuch von Alexandra Maxeiner setzt entschieden auf Frauenfreundschaft, auch die Regie von Ester Amrami und Sinan Akkus betont die Harmonie. Für eine Prise Satire sorgt noch am ehesten die Kamera (Matan Radin, Jesse Mazuch). Vielleicht sind Serien über schlimme Hausfrauen – die hier weder allzu schlimm, sondern grundsympathisch, noch eigentlich Hausfrauen sind - auch einfach überlebt. Trotz Lastenfahrrad und Nachhaltigkeitsanspruch.

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Wendehammer ist in der ZDF-Mediathek abrufbar und läuft in Doppelfolgen heute, am 19. und 26. Mai um 20.15 Uhr im ZDF.

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Quelle: F.A.Z.
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