Die Serie „Die Schläfer“

Gefangen in einem System, das Individualität verachtet

Von Oliver Jungen
12.08.2021
, 16:37
Unter Einsatz ihres Lebens bricht Marie (Tatiana Pauhofova, rechts) in eine russische Militärbasis ein – in der Hoffnung, ihren verschwundenen Ehemann Viktor zu finden.
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Mit Samthandschellen in die neue Zeit: Die raffinierte, pessimistische Thriller-Serie „Die Schläfer“ beleuchtet das Ende der kommunistischen Tschechoslowakei aus der Innenperspektive.
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Es muss sich frevlerisch anfühlen, aber auch ein wenig frivol, eine stolze Majestät wie Prag ihrer märchenhaften Schönheit zu entkleiden, ihr all die luxuriösen Gewänder vom Leib zu reißen, die sie sich seit der Samtenen Revolution übergeworfen hat. Jan Vlasák, ein renommierter tschechischer Bühnenbildner – nicht zu verwechseln mit dem namensgleichen grandiosen Schauspieler, der in „Die Schläfer“ eine der Hauptrollen spielt: einen ausgebrannten, zugleich liebevollen und kaltblütigen Staatssicherheitsbeamten, wie ihn sich John le Carré nicht ambivalenter ausgedacht haben könnte –, der für die Szenerie zuständige Vlasák also hat jedenfalls ganze Arbeit geleistet und die Goldene Stadt, die heute wieder fast so glänzt wie zu besten Residenzzeiten, in jene schmutzige, graubraune, obszön aufreizende Nacktheit zurückversetzt, zu der sie sich im Kommunismus erniedrigt fand.

Von der touristenüberschwemmten Altstadt sehen wir nichts. Jede Einstellung zeigt grenzenlose osteuropäische Tristesse, gern bei Nacht aufgenommen: zerbröselnde Fassaden, brutalistische Blickfänge, marode Straßen, ein ganzer Nostalgie-Fuhrpark im Tuckertakt, dazu düstere, ramponierte Wohnungen hinter lichtschluckenden Vorhängen. Auf den zweiten Blick aber ist die Einrichtung in ihrem stilechten Ostalgie-Charme exquisit. Verschlafen wirkt dieses Interieur, mumifiziert geradezu. Derweil regnet es Blätter von den Bäumen: Der Herbst des Jahres 1989 ist da – in all seiner schwermütigen Symbolik.

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Samten geht es hier keineswegs zu

Auf der Handlungsebene hingegen geht es, anders als der Titel suggerieren mag, um ein heftiges Erwachen, um die immer chaotischer werdenden Gefechte alter und neuer Machtinstanzen, wobei es nicht nur gilt, das sich abzeichnende Ende des Sozialismus ungeschoren zu überstehen, also alles Belastende loszuwerden, sondern auch bereits, sich in eine einflussreiche Position zu bringen, um im neuen, kapitalistischen Regime an den Fleischtöpfen zu sitzen.

Wendefilme gibt es inzwischen einige, aber für einen streckenweise beinahe klassisch wirkenden Spionage-Thriller, bei dem man kaum mehr mitkommt, welcher Agent nun auf welcher Seite steht, ist das Jahr 1989 eher ungewöhnlich. Wir blicken in der raffinierten, von Ondřej Gabriel (Buch) und Ivan Zachariáš (Regie) für HBO Europe kreierten Miniserie aus der politischen Innenperspektive auf den Fall des Eisernen Vorhangs.

© Youtube

Samten geht es da keineswegs zu. Das Setting ist übersichtlich: Die im (Charta-)Jahr 1977 aus der Tschechoslowakei nach London geflohenen Eheleute Victor (Martin Myšička), ein berühmter Dissident, und Marie (Tatiana Pauhofová), gefeierte Geigerin und Tochter eines bekannten Oppositionellen, geraten zwischen die Fronten, als sie im Sommer 1989 – da besitzen sie längst die britische Staatsbürgerschaft – zur Geburt der Enkelin von Maries Schwester nach Prag reisen. Dass zumindest Victor noch andere Ambitionen hat, wissen wir von Beginn an, schließlich erhält er nicht nur einen verdächtigen Brief von seiner Ex-Geliebten und steht mit einem Mitarbeiter des britischen Innenministeriums in Kontakt, sondern bekommt am Prager Flughafen auch noch Dokumente zugesteckt. Konspirativ in einer Seife versteckt, Agenten-Style.

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Der britische Diplomat (David Nykl) ist da bereits in Prag, scheint aber sehr andere Ziele zu verfolgen als die britische Agentin Susanne Clayton (Hattie Morahan). Natürlich haben auch die Russen noch ihre Aufpasser und Spione im Einsatz, aber deren Einfluss schwindet, seit im tschechoslowakischen Politapparat die Stühle wackeln. Andererseits sind die alten Kräfte, die einen Staat im Staat bildeten, immer noch da, Genosse Oberst Vlach (Jan Vlasák) und sein sympathischer Mitarbeiter Jan Berg (Martin Hofmann) etwa, die zwar weniger martialisch wirken als andere Geheimpolizisten, aber am Innenministerium vorbei arbeiten.

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Eruptionen der Gewalt

Das alles wird wichtig, als ein folgenreicher, offiziell verschleierter Unfall passiert: Während Marie im Koma liegt, verschwindet Victor spurlos. Bei den Nachforschungen nach ihrem Mann blitzt die nur halbwegs genesene Protagonistin an allen offiziellen Stellen ab und macht sich schließlich selbst auf die Suche. Das erinnert vom Plot her an die britische Amazon-Miniserie „The Widow“, aber im Gegensatz zu diesem nach Afrika verlegten Action-Thriller behält „Die Schläfer“ trotz einer nicht ganz glaubwürdigen Szene auf einem sowjetischen Militärgelände – zufällig findet die Heldin ein Loch im Zaun – seinen düsteren Erzählton überzeugend durch.

Gabriel und Zachariáš interessieren sich nicht für das Heroische, das eine Ausflucht wäre, sondern evozieren mit minutiöser Präzision das Niederdrückende an einem System, das Individualität verachtet und in dem das Misstrauen und der Verdacht universal geworden sind. Tatsächlich überwachen die meisten Figuren hier einander und werden selbst ausspioniert. Marie, fremd und verunsichert im ehemals eigenen Land, lässt das psychisch kollabieren. Es kommen ihr zwar immer wieder Personen zu Hilfe, doch die verfolgen ganz eigene Ziele. Nur Victor, der Chancen auf ein hohes politisches Amt hatte, bleibt weiterhin verschwunden. Er scheint den historischen Moment zu verpassen, während andere Dissidenten, darunter der Ex-Freund Maries (Petr Lnenicka), Karriere im Übergangsstaat machen. Doch gerade weil sich im Hintergrund die politische Konstellation ändert, klammern sich die Funktionäre des alten Regimes an das, was sie gelernt haben, und so kommt es bald zu erstaunlichen Eruptionen der Gewalt, denen auch manche Hauptfigur erliegt.

Rivalen sind sich nur einig darin, dass gelogen werden muss

Am stärksten ist die Serie immer da, wo sie den geschichtlichen Schwebezustand in all seiner Widersprüchlichkeit und Klaustrophobie ausmalt; schwächer wirkt es, wo man auf eine international anschlussfähige Spionage-Thriller-Handlung schielt und sich dabei die ein oder andere konventionelle Zuspitzung leistet, darunter zynische Folter-Szenen oder die Zwangseinweisung Maries in eine kollaborierende Psychiatrie.

Etwas zu weltpolitisch pointiert wirkt auch die Belehrung durch den britischen Agenten: „Wir haben eigentlich nie den Kommunismus bekämpft.“ „Was sonst?“ „Russland.“ Bezwingend ist dagegen das verwickelte Finale und der äußerst pessimistische Ausblick, der uns mit dem Gefühl entlässt, dass von Neuanfang im November und Dezember 1989, dem böhmischen Herbst, keine Rede sein kann – Václav Havel sehen wir denn auch lediglich bei einer frühen, optimistischen Ansprache im Fernsehen –, sondern nur von einer neuen Einkleidung des alten, obszönen Machtspiels, in dem die einflussreichen und finanzstarken Eliten aus Ost, West und Tschechien selbst nun die junge Demokratie unter sich aufteilen. Einig sind sich alle Rivalen einzig darin, dass weitergelogen werden muss, jetzt eben nur ein bisschen besser.

Die Schläfer ist von heute an in der Arte-Mediathek abrufbar. An den kommenden Donnerstagen, 19. und 26. August, zeigt Arte ab 21.45 Uhr jeweils drei Episoden.

Quelle: F.A.Z.
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