Wirbel um RBB-Podcast

Was erlauben Somuncu und Schroeder?

Von Frank Lübberding
Aktualisiert am 15.09.2020
 - 23:44
Serdar Somuncu nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund.
Die Satiriker Serdar Somuncu und Florian Schroeder setzen für den RBB einen politisch sehr unkorrekten Podcast auf. Kaum jemand nimmt Notiz – bis zwei Minuten mit derben Unflätigkeiten über Kolumnistinnen bei Twitter die Runde machen. Ein Lehrstück.

Die Erfindung des Radios setzte einen Prozess der Professionalisierung in Gang. Mit der komplexen Technik entwickelten sich journalistische Formate, von den Nachrichten bis zu den Unterhaltungssendungen. Diese waren kein Selbstzweck, sondern dienten und folgten dem Interesse des Zuhörers. Wer wollte sich schon stundenlang das sinnfreie Gerede anderer Leute anhören? Das bekam man auch zu Hause.

Geändert hat sich das alles inzwischen, weil dank der Digitalisierung jeder Radio machen kann – mit einem Podcast. Podcasts können sehr professionell sein, aber es entstehen bisweilen Werke von epischer Länge, die an die Liveübertragung von Gesprächen am Küchentisch erinnern. Alles kommt zur Sprache, selbst der größte Unsinn: Leider wird es nicht sofort wieder vergessen, sondern für die Nachwelt archiviert.

So gingen am Sonntag, 6. September, die beiden Comedians Florian Schroeder und Serdar Somuncu für den RBB und dessen Kanal „Radio eins“ mit einem neuen Podcast an den Start. Vom Sender wurden sie vollmundig als großes Doppel angekündigt. Die beiden unterzögen „mit geballter Kraft die politisch-gesellschaftliche Großwetterlage einer handfesten Analyse, die man so noch nie gehört hat“.

Das war richtig: Am Ausstrahlungstermin hörten nur wenige hundert Menschen den beiden zu. Bei dieser Resonanz blieb es auch – bis heute. Bis ein Journalist auf seinem Twitter-Account aus dem drei Stunden und zehn Minuten langen Opus Magnum einen knapp zwei Minuten langen Ausschnitt von Somuncu veröffentlichte.

„Zigeunersoße“ und anderes

In diesem geht es, kurz gesagt, um angemessenen oder unangemessenen Sprachgebrauch. Es beginnt bei der „Zigeunersoße“ und mündet – um es sehr zurückhaltend zu formulieren –, in die Frage, ob es zwischen den vermeintlichen sexuellen Aktivitäten von Journalistinnen und deren Texten einen Zusammenhang gibt.

Somuncu formuliert das sehr viel rustikaler, vielleicht um jeden Anschein zu vermeiden, das solle man wörtlich nehmen. Oder hat er sich bei dieser Invektive gar nichts gedacht, außer Frauen zu beleidigen? Eventuell dachte er sich auch etwas dabei, nämlich sein zu diesem Zeitpunkt noch fehlendes Publikum auf die Palme zu bringen.

Wobei diese Reaktion einkalkuliert ist. So fragen sich die beiden, ob sie nach dieser ersten Sendung überhaupt noch einmal auftreten dürfen. Oder ob der Podcast an bestimmten Stellen gekürzt würde. Sie sind sich jedenfalls sicher, dass die Empörungsrituale in den digitalen Medien funktionieren: Somuncu muss nur sexuell anzüglich über Feministinnen herziehen, da ist ihm der Shitstorm sicher. Obwohl er an dieser Stelle die Distanzierung einbaut: Er „meine es nicht und es ist viel wichtiger, was ich meine und nicht das, was ich sage“.

Es dauerte neun Tage, bis die Sache zündete. Dafür sorgte der Journalist Malcolm Ohanwe mit der Veröffentlichung des Ausschnitts, den wir hier nicht wörtlich zitieren wollen, auf Twitter. Jetzt passierte, was Somuncu erwartet hatte. Der Twitter-Sturm brach los. Rassismus und Sexismus sind noch die höflicheren Vorwürfe, die Somuncu gemacht werden. Die „Tagesspiegel“-Kolumnistin Hatice Akyün fand eine sprachlich kongeniale Erwiderung, die wir dann doch zitieren: Somuncu müsse „einfach mal wieder richtig durchgefickt werden, so unentspannt, wie der gerade“ sei. Schroeder wiederum gibt im Podcast Journalisten wie Gabor Steingart oder Henryk Broder einen gleichlautenden Ratschlag, was immerhin den Anschein erzeugt, hier gehe es um politische Satire.

Auf Twitter ist nun die Debatte darüber im Gange, was man noch sagen darf – und was nicht. Selbstverständlich darf man alles sagen, auch jeglichen Blödsinn. Es sollte nur nicht gegen Persönlichkeitsrechte verstoßen. Die Verteidiger Somuncus argumentieren mit der Satirefreiheit. Satire dürfe schließlich alles, etwa auch Polizisten mit Müll gleichsetzen.

Die Reaktionen auf Somuncu und Schroeder würden wohl anders ausfallen, hätte man einen anderen Ausschnitt aus dem Podcast veröffentlicht. Die beiden räsonieren zum Beispiel fast eine Stunde lang über die „Bild“-Zeitung. Deren Chefredakteur sei „der Teufel in Person in der deutschen Medienlandschaft und gehört vor Gericht“, heißt es da. Julian Reichelt sei „absolut tabulos“ und ein „Amokläufer“, die „Bild“-Zeitung eine „Kriegserklärung an die Zivilisation" und ein „Fremdkörper dieser Gesellschaft“. Mit diesem Ausschnitt hätten Schroeder und Somuncu bei denen, die sich nun aufregen, wohl Begeisterungsstürme geerntet.

Allerdings wird sich diesen Podcast kaum jemand in Gänze angehört haben. Dabei geht es in den mehr als drei Stunden genau um die Frage, die diesen bewusst herbeigeführten Shitstorm betrifft: um die Empörungslogik, für die ein kurzer Ausschnitt mit Beleidigungen reicht, um alle auf die Palme zu bringen. Es geht um die Verkürzung, die nicht einmal mehr die eingebaute Distanzierung wahrnimmt. Die längst zum vormodernen Mystizismus gewordenen Sprachsensibilität, die manche beim Hören der Worte „schlecht gebumste hässliche Schabracken“ in Ohnmacht fallen lässt.

Somuncu hat es vorhergesehen

Der Sprecher, der das sagt, nimmt das selbstverständlich selber nicht ernst. Serdar Somuncu will die Doppelbödigkeit und Verlogenheit eines Mediensystem deutlich machen, dessen Akteure immer wieder über dasselbe Stöckchen springen. Das ist ihm gelungen: Die meisten Reaktionen auf den Podcast hat Somuncu vorhergesehen.

Nur fallen die beiden Comedians zugleich dem zum Opfer, was sie vorführen wollen. Ihr Podcast ist keine Satire, er ist überhaupt kein erkennbares journalistisches oder literarisches Format. Es ist ein in Echtzeit gesendetes Elaborat ohne Struktur, in dem von Medienkritik bis zur soziologischen Rollentheorie alles Mögliche vorkommt. Dabei verstricken sich Schroeder und Somuncu in ihrem eigenen Kategoriensystem. Bisweilen ist das ungewollt komisch, wenn sich Somuncu etwa in der Auseinandersetzung mit einem veganen, rechtsdrehenden Koch als Historiker versucht. So nennt er das deutsche Kaiserreich eine „Diktatur. Das hatte mit Demokratie und Abstimmung gar nichts zu tun“.

Das dokumentiert mangelnde historische Bildung. Im Kaiserreich musste jedes Gesetz vom Reichstag beschlossen werden. Der konstituierte sich nach demokratischen Wahlen. Nur gab es keine dem Parlament verantwortliche Regierung, diese wurde vom Kaiser eingesetzt. Falls Somuncu Blödsinn mit dem Gestus des Wissenden verbinden will, ist ihm das geglückt.

Das versuchen die beiden dann auch bei der Klärung des Unterschieds zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Sie drehen so viele Volten, das dem Zuhörer ganz schwindlig wird. Da sie das noch mit einer selbstgestrickten soziologischen Rollentheorie verbinden, ist die Verwirrung perfekt. Als Zuhörer kann man halt schlecht nachvollziehen, was Schroeder und Somuncu selber nicht verstanden haben. Am Ende dieser drei Stunden fallen sie dem eigenen Redefluss zum Opfer. Was die „Bild“-Zeitung kalkuliert macht, wird zum Plaudern über die Trinkgewohnheiten in Berlin-Mitte. Es fällt das Wort „Saufziege“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Mittlerweile haben sich die beiden Helden im RBB geäußert, obwohl sie sich noch im Podcast eisernes Schweigen verordnet hatten. Das ist wohl die Angst vor der eigenen Courage, oder vielleicht auch die vor den Konsequenzen bei Witzen über „Saufziegen“. Somuncu bemüht sich im RBB-Interview, den aufklärerischen Hintergrund deutlich zu machen, wenn er über vermeintlich fehlende sexuelle Kompetenzen von Kolumnistinnen rede. Schroeder versucht sein richtiges Lachen an der falschen Stelle zu erklären. Oder war es das falsche Lachen an der richtigen Stelle? Wir wissen es nicht.

Der RBB wiederum bedauert, das Elaborat ungeschnitten veröffentlicht zu haben. Der auf Twitter kursierende Ausschnitt aus dem Podcast habe den Eindruck rassistischer und sexistischer Klischees erweckt. Man entschuldige sich auch im Namen der beiden Satiriker bei allen, die sich beleidigt oder herabgewürdigt fühlen. Die bei Twitter veröffentlichten Zitate, teilte der Sender mit, seien aus dem Zusammenhang gerissen worden und könnten ohne Kontext nicht verstanden und bewertet werden. Auch der veröffentlichte Ausschnitt des Podcasts sei als satirische Überspitzung zu sehen.

So bezeugen wir hier ein aufschlussreiches Experiment über den Zeitgeist und die Funktionsweise des heutigen Mediensystems. Schroeder und Somuncu geben darüber in ihrem drei Stunden und zehn Minuten langen Elaborat erschöpfend Auskunft, wenn auch anders als sie ursprünglich dachten. Immerhin wird eines deutlich: Professionalismus hat im Journalismus, in der Kunst und in der Satire seine Vorteile. Er reduziert vor allem die Gefahr, falsch verstanden zu werden.

Quelle: FAZ.NET
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