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Spiegel-Chefs auf Abruf

Erst das Gerücht, dann der Vollzug?

Von Michael Hanfeld
 - 11:08
Georg Mascolo (links) und Mathias Müller von Blumencron Bild: Holde Schneider

Seit Freitag Abend vergangener Woche sind die Chefredakteure des „Spiegel“ angezählt. Denn da war im „Hamburger Abendblatt“ zu lesen, Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron „sollten“ abgelöst werden. Doch weder zu diesem Zeitpunkt noch drei Tage später hatten die Gesellschafter des Magazins einen Beschluss gefasst, der die Möglichkeits- zu einer Wirklichkeitsform macht. Gleichwohl sind die beiden Chefredakteure schon durch das „sollten“ öffentlich derart desavouiert, dass man sich schon gar nicht mehr fragen muss, ob ihnen ein Verbleib an der Spitze der Redaktion noch möglich ist. Genau das dürfte das Ziel der Indiskretion gewesen sein: Erst kommt das Gerücht, dann der Vollzug, der ohne die Veröffentlichung vorab wohl viel schwieriger zu begründen wäre. Doch den entsprechenden Beschluss gab und gibt es, wie gesagt, nicht. Dafür aber reichlich Gerüchte über mögliche Nachfolger. Normalerweise sollte die Reihenfolge umgekehrt sein.

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Chefredakteure auf diese Weise hinauszukomplimentieren ist eine Stillosigkeit sondergleichen. Doch es ist noch mehr. Es ist ein Zeichen der Ratlosigkeit, die nicht nur beim „Spiegel“ herrscht, sondern in der ganzen Branche. Denn diese muss nach dem Maßstab fragen, an dem die Qualität journalistischer Arbeit zu messen ist, und für den Wert geistiger Arbeit eintreten, der in der digitalen Ökonomie in Frage gestellt wird - von Internetkonzernen, die mit den Inhalten anderer Geld verdienen, und von oberschlauen Kommentatoren, die Journalisten und Verlagen permanent vorhalten, sie hätten für das Online-Zeitalter immer noch nicht das passende Geschäftsmodell gefunden. Das freilich bislang niemand entdeckt hat, der nicht heimlich oder offen von zu Monopolisten avancierten Online-Konzernen querfinanziert oder durch Rundfunkgebühren alimentiert wird.

„Alle Optionen offen“

Bemerkenswert ist auch die in diesem Vorgang verborgene Perspektivenverschiebung: Seit wann sind Journalisten - hier die „Spiegel“-Chefredakteure - hauptverantwortlich für den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Medien? Ist der Vermarktungserfolg nicht die Aufgabe der Verlage? Einer Geschäftsführung, die sich im Fall des „Spiegel“ auffallend bedeckt hält und hilflos wirkt? Und der Gesellschafter? Also im Falle des „Spiegel“ der Mitarbeiter KG mit 50,5 Prozent der Anteile, des Verlags Gruner + Jahr (25,5 Prozent) und der Erben des Magazingründers Rudolf Augstein (24 Prozent)?

Es gebe keinen Beschluss der Gesellschafter, die Chefredakteure abzuberufen, es sei eine unglückliche Situation entstanden, und man müsse nun sehen, wie es weitergehe, es seien „alle Optionen offen“, sagte der „Spiegel“-Geschäftsführer Ove Saffe am Montag vor der Redaktionskonferenz. Das war Tag Nummer drei nach dem Aufkommen des Gerüchts - drei Tage, in denen es seitens des Verlags und der Gesellschafter weder eine Bestätigung noch ein hartes Dementi gab. Was ja wohl nichts anderes bedeutet, als dass dort Uneinigkeit herrscht. Mit Blick auf die Zukunft der beiden Chefredakteure spricht es allerdings für sich. Alle Optionen offen? Wohl eher nicht.

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Streit um die Details

Dass der Stuhl des Chefredakteurs Georg Mascolo wackle, machte hinter vorgehaltener Hand die Runde, seit er sich im vergangenen Jahr dafür stark machte, dass der „Spiegel“ im Internet eine Bezahlstrategie brauche. „Spiegel Online“, für das der Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron verantwortlich zeichnet, ist der unangefochtene Marktführer unter den deutschen Presseportalen, verzichtet bislang aber darauf, eine Bezahlschranke einzuführen. Über diesen Schritt sind die beiden Chefredakteure uneins - in der vergangenen Woche soll es darüber noch einmal zu einer hitzigen Auseinandersetzung gekommen sein. Konzepte für eine Bezahlstrategie gibt es, eine Arbeitsgruppe von sechs Redakteuren (drei Print, drei Online) hat sich intensiv mit dem Thema befasst, doch herrscht Dissens über die Frage, wie groß der Anteil des Online-Angebots sein soll, der kostenlos oder kostenpflichtig ist. Im Grundsatz scheinen sich alle einig - es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie.

Welchen Kurs man in dieser für alle Verlage zukunftsentscheidenden Frage auch einnimmt - es wäre an der Geschäftsführung, für den einen oder anderen Weg zu votieren und dann im Zweifel auch eine Personalentscheidung zu treffen. Beim „Spiegel“ läuft es anders: Es gibt keinen klaren Kurs in der Sache, dafür wird beiden Chefredakteuren der Stuhl vor die Tür gesetzt beziehungsweise man lässt von außen andeuten, dass für sie kein Bleiben sei.

Jeder zahlende Leser ist ein Gewinn

Und dabei werden dann noch Dinge herumgereicht, die den beiden Journalisten zum Nachteil gereichen sollen. Mascolo - einer der herausragenden Rechercheure des Landes, Antreiber und Talentförderer - habe einen ruppigen Führungsstil und es nicht vermocht, den Rückgang der Auflage zu stoppen, heißt es. Eine Auflage, die beim „Spiegel“ wohlgemerkt zwar nicht mehr bei einer Million Exemplare, aber bei knapp 900.000 Stück liegt. Was in Zeiten allgemein sinkender Auflagen immer noch sensationell ist.

Die Entscheidung, den „Spiegel“ zu abonnieren oder für 4,20 Euro am Montag am Kiosk zu kaufen, ist im Jahre 2013 ganz anders zu bewerten als in den Jahren 2003, 1993, 1983 oder 1973 - in einer Welt, in der einem permanent weisgemacht wird, Qualitätsinformation gebe es für lau. Wer glaubt, diese Entwicklung lasse sich mit zwei, drei tollen Titelgeschichten umkehren, lügt sich in die Tasche. Jeder einzelne Leser, der sich für die Einsicht gewinnen lässt, dass Journalismus seinen Preis hat und keine kostenlose Beilage ist, ist heute ein Gewinn.

Von dem anderen „Spiegel“-Chefredakteur, Mathias Müller von Blumencron, von dem es nun heißt, er sei ein „Stalinist“ der Kostenloskultur (was Quatsch ist), wird man sagen dürfen, dass er den erfolgreichsten Online-Auftritt der deutschen Presse überhaupt auf die Beine gestellt hat (nur „Bild“ hat online mehr Leser, allerdings mit einem ganz anders gearteten Angebot) - ein innovativer, wie besessen rund um die Uhr rotierender und auch noch umgänglicher Schwerstarbeiter. Dessen Redaktion seit einigen Jahren schon einen Gewinn erwirtschaftet und auch im für die meisten Verlage krisenhaften Jahr 2012 den Umsatz steigerte. Was nun offenbar nicht mehr so ins Gewicht fällt.

Die Geschichte wiederholt sich

Dass Mascolo und Blumencron nicht so recht miteinander können und sich als Doppelspitze seit ihrem Antritt im Jahr 2008 schwertun, was unter anderem dazu geführt hat, dass ihre Befugnisse vor zwei Jahren aufgeteilt wurden - Mascolo steht für das Printprodukt, Blumencron verantwortet den Online-Auftritt -, lässt sich nicht bestreiten. Doch wäre es ein Armutszeugnis, würde die Entscheidung über die redaktionelle Führung dieses Leitmediums am Ende darauf reduziert.

Schon beim Abgang des früheren Chefredakteurs Stefan Aust, bei dem dessen unbestrittene Verdienste kleingeredet wurden, hat der „Spiegel“ gezeigt, wie man es besser nicht macht. Die Geschichte wiederholt sich. Und diejenigen, die nun schon als Chefredakteur(in) oder Herausgeber(in) gehandelt werden, treten mit einer tonnenschweren Hypothek an, die schon auf Blumencron und Mascolo lastete. Sie lautet: Im Zweifel ist der Journalist nicht nur verantwortlich für sein eigenes Metier, sondern für sämtliche Fragen, auf die alle anderen keine Antwort haben.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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