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Spiegel TV-Dreh fürs ZDF

Statisten für Corona

Von Michael Hanfeld
17.01.2022
, 17:16
Nichts nachgestellt: Aufnahme von einem „Spaziergang“ gegen die Corona-Politik am vergangenen Samstag in Düsseldorf. Bild: Imago
Die Firma Spiegel TV hat Statisten für eine Corona-Demonstration gesucht. Sie sollten für das Magazin „Terra Xpress“ eine bestimmte Szene nachstellen. Das sorgte für Verwirrung.
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In Neustadt an der Waldnaab in der Oberpfalz sollte am morgigen Dienstag um 16 Uhr vor dem Rathaus eine Corona-Demons­tration stattfinden. Für deren Teilnehmer gab es eine genaue Handlungsanweisung. „Ihr seid“, hieß es in der Mail, „eine Gruppe von protestierenden Menschen, die auf einen Aufruf des Bürgermeisters gegen die Teilnahme an Corona-Leugner-Demos reagiert und über fünf Wochen hinweg zu Montagsdemos vor dem Rathaus aufgelaufen sind. Die Kleidung sollte darauf ausgelegt sein, sich für 1-2 Std. draußen aufzuhalten. Gerne auch selbst etwas Warmes zu trinken einpacken. #Kleidung nicht zu auffällig (feiner Mantel, glitzernde Daunenjacke, extremes Make-Up (wobei die Gesichter überwiegend nicht gezeigt werden).“

Die sachdienlichen Hinweise, die am Wochenende durchs Internet gingen, stammen nicht von der Corona-Leugner-Front, sondern, wie sich der Mail entnehmen lässt, von der Produktionsfirma „Spiegel TV“, die im Auftrag des ZDF für die Reihe „Terra Xpress“ einen Beitrag fertigt. Auf den ersten Blick sah es so aus, als würden hier bezahlte Demonstranten angeheuert, auf den zweiten stellt sich heraus, dass Statisten für eine nachgestellte Demonstration gesucht werden, für ein Honorar von achtzig Euro pro Person.

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Corona-Aufmärsche gibt es genug, die „Montagsspaziergänge“ der „Querdenker“, Machtdemonstrationen der Antifa und bürgerlichen Protest gegen den radikalen Protest. Braucht es da noch nachgestellte Szenen? Ja, sagt die Firma „Spiegel TV“ in einem Statement. Denn in der Reihe „Terra Xpress“ solle es um das Thema Zivilcourage und um den Fall des Bürgermeisters von Neustadt an der Waldnaab, Sebastian Dippold, gehen, der sich im Oktober 2020 in einem Video gegen die „Querdenker“-Szene positionierte und hernach heftigen Anfeindungen ausgesetzt sah. Dippold hatte sich in der Tat deutlich ausgesprochen. Anlässlich einer Demonstration im benachbarten Weiden sprach der SPD-Politiker in einem Facebook-Video von „Affen“, „Gesocks“ und „Nazis“. Anschließend hatte er eine Morddrohung erhalten und musste Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Bis heute, sagte er dem Bayerischen Rundfunk zum Jahreswechsel, habe er einen „festen Betreuer beim Staatsschutz“.

Das inhaltliche Konzept von „Terra Xpress“ sehe vor, schreibt „Spiegel TV“, „dass gelegentlich Szenen, die bestimmte Sachverhalte aus der Vergangenheit thematisieren, in einer kurzen Sequenz beispielhaft nachempfunden werden“. Diese Szenen würden in der Sendung „deutlich als ,nachgestellt‘ gekennzeichnet“. Im konkreten Fall solle „nachgestellt werden, wie Corona-Leugner vor dem Neustädter Rathaus aus Protest gegen die Haltung des Bürgermeisters demonstrieren“. Inhaltliche Grundlage für die Szene seien Zeugenaussagen und ein Polizeiprotokoll. Über eine Agentur sollte die Szene mit Komparsen besetzt und später in der Sendung als „nachgestellt“ ausgewiesen werden. Das Honorar für die Komparsen sei branchenüblich, man zahle selbstverständlich „keine Aufwandsentschädigung für die Teilnahme an realen Demonstrationen“ und sei vom ZDF auch nicht dahin gehend beauftragt worden, die nachgestellte Szene wäre als solche zu erkennen, man berichte „stets unabhängig“ und handele „nach strengen journalistischen Standards“. Angesichts der aktuellen Lage, hieß es auf Anfrage der F.A.Z., fänden die für Dienstag geplanten Dreharbeiten nun aber nicht statt.

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Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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