„Da 5 Bloods“ bei Netflix

Rache, Recht und Beute

Von Dietmar Dath
12.06.2020
, 12:33
Männer an der Grabstätte ihrer Hoffnungen: Isiah Whitlock Jr., Norm Lewis, Clarke Peters, Delroy Lindo und Jonathan Majors (von links) haben in den Bergen von Vietnam das Ziel ihrer gefährlichen Suche erreicht.
Not und Unrecht hängen zusammen: Spike Lees drastischer Film „Da 5 Bloods“ erzählt vom Vietnam-Krieg – und zugleich von den Gesellschaftsbeben der amerikanischen Gegenwart.

Einen der Filme, die das Jahr 2020 dringend braucht, hat Spike Lee der Welt schon vor fünf Jahren angeboten: „Chi-Raq“. Der Filmtitel ist ein Kofferwort aus „Chicago“ und dem amerikanischen Wort für Irak. Die Leute in der Hölle, von der Lee da erzählt, nennen ihre Stadt so, weil dort während des Irak-Kriegs mehr Amerikaner, nämlich, wie sie selbst sagen: African Americans, mit Schusswaffen getötet wurden als amerikanische Soldaten am Golf. Für junge schwarze Männer stehen in Chi-Raq drittklassige Schulen, aber dafür erstklassige Gefängnisse bereit; ihr Wirtschaftsraum hat keine Banken, die Existenzgründerkredite gewähren, nur Wucherer und Kriminalität; sie können sich einer Gang anschließen oder zum Militär gehen, wenn sie erwachsen werden wollen. Lees Film zeigt urbane Rollstuhlfahrer, von denen man nicht weiß, ob sie Kriegsheimkehrer sind oder Opfer der Heimatfront.

Heute, 2020, hetzt der rechtskonservative Kabelsender Fox News, man solle sich doch nicht über rassistische Polizeigewalt aufregen, wenn man die vielen toten Schwarzen nicht beachte, die durch andere Schwarze ums Leben kommen. So, so – gut: Spike Lee hat sie beachtet und in „Chi-Raq“ die Realität gezeigt, in der spielende kleine Mädchen auf der Straße ins Kreuzfeuer geraten, Ergebnis stadt- und wirtschaftspolitischer Regulierung und Deregulierung, die in nur fünfzig Jahren aus dem Krieg der weißen Herrschaft „gegen Armut“ einen Krieg „gegen das Verbrechen“, in Wahrheit: gegen die Armen gemacht hat (nachzulesen etwa in der Abhandlung „From the War on Poverty to the War on Crime: The Making of Mass Incarceration in America“ von Elizabeth Hinton aus dem Jahr 2016). Das zu ändern wird aufwendig und teuer; ein paar linksliberale Knie zu beugen und das dazugehörige Haupt zu senken ist gewiss billiger, deshalb sieht man derlei Performance jetzt in allen Bildmedien.

Besser, man schaut sich Spike Lees neuesten Film an, „Da 5 Bloods“, der, nachdem Lee für „Chi-Raq“ das Genre der afrofeministischen Rap-Sex-Tragikomödie erfunden hat, schon wieder eine neue Filmgattung inauguriert, nämlich den Black-Lives-Matter-Kriegsveteranenkrimi. „Da 5 Bloods“, der außerhalb des Wettbewerbs im coronahalber abgesagten Festival von Cannes hätte laufen sollen und jetzt von Netflix zugänglich gemacht wird, handelt von vier schwarzen Vietnam-Feldzugsüberlebenden, die nach einem halben Jahrhundert an die alte Front zurückkehren, um die Gebeine eines gefallenen Kameraden zu suchen – und einen Mordshaufen Goldbarren, mit dem die CIA seinerzeit vietnamesische Ureinwohner bestechen wollte, den Amerikanern beim Kampf gegen den Vietkong zu helfen.

Die vier Schatzgräber meinen es mit der Beute so ernst wie mit der Rückführung der sterblichen Überreste ihres toten Freundes Norman, in Rückblenden gespielt von Chadwick Boseman, den alle Welt als Marvels „Black Panther“ kennt. Lees Kernensemble besteht aus sicheren Spitzenkräften: Norm Lewis spielt Eddie, einen Geschäftsmann mit Hang zu idealistischen Reden; Isiah Whitlock Jr. verkörpert Melvin, einen gemütlichen Bären, der im Ernstfall weiß, was zu tun ist, wo die Handgranaten fliegen; Clarke Peters gibt den weise-melancholischen Otis, der bei der Rückkehr nach Vietnam erfährt, dass ihm seine damalige einheimische Geliebte eine Tochter geboren hat, die unterm Stigma ihrer Herkunft nach dem Krieg schwer leiden musste. Der widersprüchlichste Charakter ist Paul, ein schwarzer Trump-Wähler mit „Make America Great Again“-Mütze, über den Mélanie Thierry als französische NGO-Minenräumerin einmal sagt, sie fürchte ihn mehr als alle im Boden vergrabenen Sprengfallen.

Da geht es lang: Clarke Peters (links) und Delroy Lindo in „Da 5 Bloods“.
Da geht es lang: Clarke Peters (links) und Delroy Lindo in „Da 5 Bloods“. Bild: DAVID LEE/NETFLIX

Der gewaltige Delroy Lindo erweckt diesen Mann zum Leben, als hinge sein eigenes davon ab, und spricht schließlich am Ende seines schweren Weges einen apokalyptischen Monolog, der in die Filmgeschichte eingehen wird. Dieser Riese aus Schmerz, Hass und wahnsinnig gewordenem Humor ist wohl die größte Gestalt, die der begnadete Figurenformer Spike Lee je in Szene gesetzt hat: kein Held, kein Schurke, sondern ein lebenslang Betrogener, der sein Recht, das er fordert, nicht mehr von seiner Rache an allem und jedem unterscheiden kann, weil man seine Seele vergewaltigt hat, „mit Salz in der Vaseline“, wie er finster sagt. Falls der Oscar noch irgendetwas mit einer Meilensteinauszeichnung für Kinokunst zu tun hat, gehört er Lindo dafür sicher; der Film kann ihn nicht bändigen, nur gerade noch im Bildraum festhalten, als lebende Abbreviatur der Tragik erniedrigter und brutalisierter schwarzer Männlichkeit in Amerika seit vierhundert Jahren.

In „Chi-Raq“ hat Spike Lee noch die Konturen weiblicher schwarzer Widerstandsmacht in dieser verheerenden Dauerkrise des schwarzen maskulinen Selbstbewusstseins gezeichnet; die göttliche Teyonah Parris als Lysistrata stand dabei für die Hoffnung, dass eine Emanzipation von im Leid erstarrten Geschlechterrollen eine Zukunftsperspektive für die Emanzipation der geschundenen Gesamtminderheit bieten könnte. Der Gedanke hat viel für sich, in der heutigen Kulturlandschaft der Vereinigten Staaten repräsentieren ihn Schauspielerinnen wie Parris oder Regina King, Musikerinnen wie Janelle Monae oder Beyoncé, Schriftstellerinnen wie N.K. Jemisin oder Nicky Drayden.

„Da 5 Bloods“ ergänzt das Bild nun um die komplementäre Männeraufgabe: Väter müssen ihren Söhnen das gelebte Leben weitergeben, Erfahrungen, Niederlagen, Erfolge, damit darauf aufgebaut werden kann – die belastete, gestörte, verletzte Beziehung zwischen dem vom Schicksal monströs zugerichteten Paul und seinem Sohn David, dem Jonathan Majors ein unvergesslich liebendes, verstörtes und hilfloses Gesicht gibt, gehört zu den essentiellen Erzählsträngen des Films, als Mikrobild der historischen Dimension von Moral: Freiheit und Würde gibt es für Entrechtete nur im Kampf, aber kämpfen mussten Amerikas schwarze Männer eh immer, wenn nicht für sich, dann für die Herrschaft ihrer Unterdrücker, ob in Vietnam (wo zehn Prozent der amerikanischen Truppen schwarz waren, aber nur zwei Prozent der höheren Dienstgrade) oder zu Beginn der Geschichte jener Großmacht: Der erste Tote im Befreiungskrieg gegen die Engländer, aus dem die Vereinigten Staaten hervorgingen, hieß Crispus Attucks und war afrikanischer Abstammung.

So etwas erfährt man in „Da 5 Bloods“ ganz nebenbei. Dokumentarisches ist mit entspannt enzyklopädischem Gestus eingeflochten, unaufgeregt wie die filmgeschichtlichen Referenzen zwischen „Apocalypse Now“ (1979) und „The Treasure of the Sierra Madre“ (1948). Anstatt seine Hauptdarsteller mit Computerschnickschnack, dem selbst Autorenfilmgiganten der Jetztzeit nicht mehr widerstehen können, in Rückblenden offensiv zu verjüngen, spielt Lee mit den Zeitebenen lieber per Bildformat: Die Vergangenheit ist im Unterschied zur Breitwandgegenwart quadratisch, passend zu den Fernsehfarben, in denen die Zeitgeschichte unserem Youtube-Bewusstsein präsent ist.

Glänzendes Handwerk, schwermütige Schönheit: Die singende Stimme von Marvin Gaye wird zur eigenen Filmrolle; Veronica Ngo erlaubt Lee als Vietkong-Propagandasprecherin Hanoi Hannah eine Liebeserklärung an eine kaum noch gegenwärtige Sorte Gesellschaftskritik, die den Zusammenhang zwischen Schweinereien daheim einerseits und auf der Weltbühne andererseits „Imperialismus“ nennt; und Jean Reno als schmieriger französischer Schieber tropft vor teuflischer Spielfreude – unfassbar eigentlich, dass und wie dem Regisseur inmitten dieser ästhetischen Pracht nie seine politischen Inhalte aus dem Fokus rutschen. Sie dürften mit denen des erhitzten Ausbruchs der schwarzen Kinder- und Jugendbuchautorin Kimberly Jones identisch sein, der dieser Tage über die sozialen Medien ein Millionenpublikum erreicht: Erzählt uns nichts davon, wie gewalttätig wir sind und dass wir unsere eigenen Nachbarschaften verwüsten – wie sollen African Americans denn überhaupt glauben können, irgendwas sei „ihr Eigenes“, wo Eigentum doch einen Gesellschaftsvertrag voraussetzt, bei dem Vergehen gegen dieses Eigentum von der Staatsmacht geahndet werden?

In dem Unrecht, um das es hier geht, tritt diese Staatsmacht einer Menschengruppe als Besatzungsmacht gegenüber und schießt auf mit Spielzeugwaffen hantierende Kinder oder bestraft Kleinkriminalität ohne Gerichtsverfahren mit dem Tod oder richtet Menschen auf bloßen Straftatverdacht hin, ohne fürchten zu müssen, dass das geahndet wird. Wo das passiert, gibt es eigentlich keine Polizei, sondern nur eine besonders gut bewaffnete Gang in Uniform, keinen Gesellschaftsvertrag und folglich auch kein Eigentum, sondern nur unentrinnbare Gesetzlosigkeit.

Nichts Neues: Jeder Ansatz zu einer schwarzen „Gründerzeit“ nach der formalrechtlichen Abschaffung der Sklaverei wurde mit Gewalt vernichtet – wer das nicht weiß, soll „Wilmington, North Carolina, 1898“ googeln oder „Tulsa 1921“ oder „Forsyth County 1912“ oder „Rosewood 1923“, um etwas über Ereignisse in einer Epoche zu erfahren, in der die heute ältesten und stabilsten weißen Vermögen der Vereinigten Staaten gebildet wurden.

Was damals geschah und was heute geschieht, ist leicht zu verstehen, niemand braucht dazu zwanzig Semester Volkswirtschaftslehre oder Politologie. Denen, die sich in dieser Sache noch dumm stellen, mag ein Film, der sie spüren lässt, was sie nicht hören und lesen wollen, ebenso helfen, wie es die Kämpfenden ermutigen kann. Spike Lees „Da 5 Bloods“ ist so ein Film – mit schwenkstabilen emotionalen Blickrichtungswechseln, verbürgten Tatsachen, genialem Künstlerzugriff, rhythmischem Raffinement, allseitiger Freiheit zu Fahrt und Zoom durch gesellschaftliche Gewaltlandschaften und polemischem Groove – etwas, das die Kunst dieser Zeit braucht wie ihre politische Lage, etwas, das man so dicht, reich, stark lange nicht gesehen hat: ein Klassiker des politischen Spielfilms.

Da 5 Bloods läuft von heute an auf Netflix.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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