<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
„Assassin’s Creed – Origins“

Spuren im Sand

Von Matthias Hannemann
 - 14:28
Spuren im Sand: Das neue Assassin’s Creed-Spiel Originszur Bildergalerie

Kaum ein Videospiel erhielt mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung außerhalb der Szene als die Saga „Assassin’s Creed“, deren erste Folge vor ziemlich genau zehn Jahren erschien. Das hat seine Gründe: Erzählweise, Optik und Musik verleihen dem Spiel eine kinohafte Anmutung, so dass es selbstverständlich eine „Assassin’s Creed“-Szene war, die 2015 das Plakat der Frankfurter Ausstellung „Film und Games“ schmückte.

Entscheidend sind die historischen Kulissen. Insbesondere die Schauplätze von „Assassin’s Creed II“ – das Florenz, Venedig und Rom der Renaissance, das Konstantinopel des späteren Sultans Süleyman – waren Sehnsuchtsorte, deren Screenshots und Ausschnitte den richtigen Code für den Zugang in eine geschlossene Gesellschaft enthielten. Sie machten nicht jeden zum Spieler, der sie irgendwo abgedruckt sah, trugen aber doch dazu bei, die Videospiel-Branche als ernstzunehmenden Teil der Kulturwelt zu legitimieren.

Die Kehrseite: Der Hersteller Ubisoft konnte vor lauter Kraft nicht mehr gehen, versuchte aber trotzdem zu rennen. Obwohl graphisch einnehmender als jemals zuvor, wurden weder das Revolutions-Spektakel „Unity“ noch „Syndicate“, ein im London der industriellen Revolution spielendes Abenteuer, von den Fans euphorisch aufgenommen.

Kulissen von atemberaubender Schönheit

Die schrille Mantelgeschichte der Reihe – ein New Yorker Barkeeper, Jahrgang 1987, wird von einem Geheimorden entführt, um mit einem Zeitreise-Apparat die Erfahrungen seiner Vorfahren wie Altaïr Ibn-La’Ahad, Ezio Auditore oder Connor Kenway zu durchleben – war seit dem Piratenspaß „Black Flag“ auserzählt. Die Stories der neuen Folgen wirkten vergleichsweise uninspiriert. Auch deshalb wurde zusehends an den ewiggleichen spielerischen Herausforderungen gemäkelt. Es fiel einfach mehr auf denn je. „Assassins Creed“ brauchte eine Pause. 2016 gab es kein neues Historien-Gemetzel. Nur der blamable Film mit Michael Fassbender kam ins Kino.

Umso pompöser meldet sich die Reihe heute mit „Assassin’s Creed: Origins“ zurück. Der Titel spielt auf die historischen Wurzeln der Bruderschaft an, von denen die bisherigen Teile erzählen. Vor allem aber: auf die Ursprünge der Weltgeschichte, wie man sie bei uns erzählt. Denn „Origins“ spielt im alten Ägypten zu Zeiten Kleopatras, ihres Bruders Ptolemaios, natürlich auch Caesars. Wieder entfaltet sich die Story also in einer Zeit größter Umwälzungen, und sagen lässt sich: die Kulissen, zwischen denen man sich frei bewegen kann, sind von atemberaubender Schönheit.

Geschichte als jedermanns Spielplatz

Detailverliebt nachgebaut wurden mythenumwobene Orte wie Alexandria, Memphis oder Cyrene, zwischen denen die Spieler wieder frei herumlaufen können. Sie besuchen Tempel wie jenen von Dendera, Pyramiden sowieso, auch die Sphinx, die Wüste ist voller Sandstürme, im Nil tummelt sich wildes Getier. Und wo gerade von bildungsbürgerlichen Sehnsuchtsorten die Rede war: Alexandrias Bibliothek gibt es auch. Allerdings wohl, wir schreiben das Jahr 49 vor Christus, nur für eine Weile.

Das Marketing feuert aus allen Rohren. Wochen vor der Veröffentlichung gab es ein Vorstellung im British Museum in London, das auf die virtuelle Zeitreise einstimmte, und eine etwas schmalere Präsentation im Multimediaraum des Brandenburger Tor Museums in Berlin. Dort sagte Matthew Zagurak, der Narrative Director des Spieles: „Wir versuchen, die Geschichte zu jedermanns Spielplatz zu machen.“ Man habe nun sogar ein „interactives Open-World-Museum“ geschaffen, das Besitzern des Spiels vom Frühjahr an kostenlos zugänglich ist.

Ägyptologen zur Konferenz eingeladen

Das waren große Worte. Aber in Sachen Historie geht das schon an. Die Qualität der historischen Kulisse stand selbst bei schwächeren Titeln bislang kaum in Frage. Die Historikerin Angela Schwarz von der Universität Siegen glaubt sogar sagen zu können, dass die Reihe „über die Jahre historisch immer anspruchsvoller“ geworden sei. Die Professorin saß im Publikum bei der Berliner Präsentation, weil sie die Inszenierung von Geschichte im Computerspiel und die Auswirkungen der Spiele auf das öffentliche Geschichtsbewusstsein untersucht. Sie kennt die Reihe vom ersten Spiel an und ist sichtlich beeindruckt, dass ein Unterhaltungsprodukt, ein von Kämpfen und Klettereien geprägtes Spiel, das in erster Linie dem Spaßfaktor verpflichtet ist (kein „Edugame“ also), den Austausch mit den Fachwelt sucht, „um die eigene Inszenierung abzusichern“. Sie will aber trotzdem daran erinnern, dass sich das geschichtliche Setting „nicht allein auf die Einflechtung historischer Persönlichkeiten und Ereignisse in die Handlung oder die wirklichkeitsnahe Nachbildung einzelner Gebäude beschränken“ dürfe. „Assassin’s Creed“ sei aus professioneller Sicht bisher immer dann bestechend gewesen, wenn es auch alltags- und sozialgeschichtliche Einblicke erlaubte – über kurze Szenen am Rande, die man auf dem Weg von einem Auftragsmord zum anderen passiert. Das könnte es künftig gern öfter und vielschichtiger geben. „Und das ist auch das, was ich suchen werde, wenn ich Origins spiele.“ So hat ein jeder seine Wünsche. Spieler, denen Kampfmechanik oder Story mehr gelten als die historische Atmosphäre, haben selbstverständlich auch welche.

Maxime Durand, der bei Ubisoft seit 2010 für die Versorgung der Produktion mit Fachwissen zuständig ist, hat für die historisch Interessierten jedenfalls alle Hebel in Bewegung gesetzt. Seit das Team Anfang 2014 mit dem Projekt begann (zum Auftakt studierte man, was sich an Filmen und Comics zum Thema auftreiben ließ), füllte er eine Datenbank, über die sich alle Autoren und Graphiker mit Auszügen aus Fachbüchern, Fotos, Erläuterungen und historischen Karten vertraut machen konnten.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

In ihr landeten auch die Mitschnitte einer Konferenz, zu der Ubisoft einige Ägyptologen nach Montreal lud. Hinzu kamen die Erkenntnisse, die sie jungen Forschern zu Sprache, Alltagsleben, Hieroglyphen und Siedlungsstrukten entlockten, und schließlich neunzehn Rekonstruktionszeichnungen antiker Stätten, die der legendäre französische Forscher und Illustrator, der heute 74 Jahre alte Jean-Claude Golvin, für das Spiel anfertigte.

Themenführungen in der Bibliothek von Alexandria

Gleichzeitig begann Durand am „Discovery Mode“ zu arbeiten, auf den er als früherer Museumsguide besonders stolz ist – eine Arbeit, bei der es nicht damit getan sei, einige Spielfunktionen ab und andere anzuschalten, wie er betont. Immer wieder war er von Lehrern angesprochen worden, die „Assassin’s Creed III“ gern im Unterricht eingesetzt hätten, würde dort nicht unablässig gemordet. So etwa die Folge, die im Hintergrund vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg handelt. Sie ist so nah wie keine andere an historischen Ereignissen, lässt Gestalten wie Washington auftreten und tippt selbst dunkle Kapitel wie die „Sullivan Expedition“ an. An Konferenzen zum Einsatz von Spielen im Unterricht nahm der Entwickler Durand ebenfalls teil.

Video starten

Trailer
Assassin’s Creed – Origins

So entstand die Idee, für „Origins“ einen schülerseelentauglichen, von allen Kampfpflichten befreiten Zugang ins alte Ägypten zu entwickeln. Sie sollen die Spielwelt frei betreten können, vor allem aber an Orten wie der Bibliothek von Alexandria an zwanzigminütigen Themenführungen teilnehmen, die zurzeit mit fachwissenschaftlicher Unterstützung erstellt werden – begleitet von einem Audioguide. Die gezeigten Inhalte entsprächen vielen Kapiteln, die man auch in Schulbüchern finde, sagt Durand, es gebe Fotos von echten Objekten und historischen Orten zu sehen: „Und über unsere Interpretation der Geschichte geben wir ebenfalls Auskunft.“

Bald muss Ägypten wirklich geschützt werden

Letzteres leuchtet besonders ein, völlig unabhängig davon, ob die „Discovery Tour“ tatsächlich das Versprechen eines „interactiven Open-World-Museums“ einlöst und wirklich mehr bietet als die bisherige „Animus“-Geschichtsdatenbank der Reihe. Denn mit der geschichtlichen Kulisse hält es „Assassin’s Creed“ wie ein historischer Film: nicht alles muss hundertprozentig rekonstruiert sein, aber schlüssig und atmosphärisch erscheinen. Das Spiel braucht Freiheiten und nicht zuletzt Orte, die sein Protagonist zum Parcours-Klettern, Lauern und Springen benutzen kann.

Bayek heißt er bei „Origins“. Er stammt von der Oase Siwa, dessen Orakel einst Alexander der Große besuchte, und ist mit der schönen Aya liiert, die wiederum Kleopatra dient und „tausend Priester ermorden“ würde, wenn es dem Schutze Ägyptens dient. Bald muss Ägypten wirklich geschützt werden.

Ob die Action-Figuren bei „Origins“ so viele Emotionen, auch feinere, beim Spieler wecken können, wie es seinen Vorgängern einst mit Ezio Auditore oder Connor Kenway, dem Sohn des Opernhaus-Mörders Edward Kenway, dem Kind der in lodernden Flammen gestorbenen Kaniehtí:io, gelang? Das lässt sich so schnell nicht sagen, dafür ist die Spielzeit von solchen Open-World-Spielen, die oftmals vierzig Stunden und mehr beträgt, einfach zu lang. Und auch, wie es um Kleopatras Nase bestellt ist, werden wir erst noch herausfinden müssen.

Assassin’s Creed: Origins (Ubisoft) erscheint an diesem Freitag für PC, Playstation und Xbox, ab 49,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenUbisoftÄgyptenLondonMichael Fassbender

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.