Stasi-Dokumentation in ARD

Ich hatte das Gefühl, die wissen alles

Von Regina Mönch
04.01.2012
, 12:58
Ein neuer Dokumentarfilm der ARD handelt von verratenen Schülern und bereitwillig denunzierenden Lehrern. Er zeigt die Perfidie, mit der Kinder in der DDR als Spione missbraucht wurden.

Kerstin Voss war sechzehn Jahre alt, als man sie aus dem Speisesaal ihrer Internatsschule in Wickersdorf holte und im Zimmer des Direktors mit unbekannten Herren einer unbekannten Behörde konfrontierte. „Ich hatte das Gefühl, die wissen alles über mich.“ Sie wussten es auch, kannten ihre Eltern (gute Genossen, die ihre Tochter für zu aufmüpfig hielten); sie hatten ihre Schulakte gelesen, die offenbar „Beurteilungen“ des Mädchens seit ihrer Kindergartenzeit versammelte. Der Direktor hatte diese den Herren - „gegen Quittung!“ - bereitwillig ausgehändigt. Das Mädchen hatte Wickersdorf bisher als freien Ort erlebt, als Gemeinschaft, die es vom Druck im Elternhaus erlöste. Das änderte sich jetzt. Sie wurde „Inoffizieller Mitarbeiter“, eine von etwa achttausend Minderjährigen, deren sich die Staatssicherheit im Auftrag der SED bediente.

Perfider Kindesmissbrauch als Staatsaufgabe, das gehört zu den finstersten Kapiteln dieser Dunkelmännerorganisation. Die Führungsoffiziere waren dafür an der Stasi-Hochschule in Potsdam, Studiengang „Operative Psychologie“, ausgebildet worden. Es gab spezielle Fachbücher und Handreichungen für das zerstörerische Handwerk. Und es gab die stillen, bereitwilligen Helfer, die Schulleiter und Lehrer und zuweilen sogar Eltern, die nur sahen, was sie sehen sollten, und selbstgerecht wie Schulleiter Barth aus Wickersdorf sich bis heute darauf berufen, dass sie nichts damit zu tun hatten - die „Realität“ sei eben so gewesen.

Die wenigsten Jugendlichen gewann man für diese Dienste, weil sie Spaß daran fanden oder von vornherein als ideologisch gefestigt im Sinne der Stasi galten. Sie wurden erpresst, hatten nicht selten Probleme zu Hause, waren labil und zudem in einem Alter, das von Unsicherheit geprägt ist. Das Leben lag vor ihnen, aber kaum einer wusste, wie er das, was er sich erträumte oder erhoffte, erreichen könnte. Auch darum „reagierten“ die sorgsam ausgewählten Kandidaten meist wunschgemäß auf „wissenschaftlich“ erprobte Einschüchterungsszenarien.

Es galt, bekennt ein ehemaliger Führungsoffizier im Interview, unkontrollierbarem Eigensinn, jugendlicher Aufmüpfigkeit „entgegenzuwirken“. Wie erfolgreich das Ausspionieren war, ist ungewiss, die Profis vom Staatssicherheitsdienst nahmen alles, was sie hörten, und dichteten zur Not etwas dazu. Planerfüllungsdruck. Die Kinderspione aber haben sie mit Sicherheit beschädigt, kaum einer wagt bis heute, darüber zu sprechen; die Schande, missbraucht worden zu sein, sitzt tief.

Marko Hermesdörfer war, als ihn die Stasi bedrängte, über seine Schulkameraden zu berichten, der Prüfungsstress wegen des Abiturs noch hinzukam und die Einberufung in die Armee drohte, am Ende. Ein schwerer Unfall kostet ihn fast das Leben, ein Unfall, der wahrscheinlich nur passiert ist, weil der sensible Junge so verzweifelt war. Marko hatte mit Freunden an den Dresdner Oberbürgermeister Berghofer geschrieben und ihm begeistert über den Besuch einer französischen Schulklasse berichtet. Sie baten darum, eine Schulpartnerschaft aufbauen zu dürfen. Einer der französischen Schüler hatte zu Hause einen Aufsatz über den Besuch in Dresden geschrieben und war dafür von seiner Heimatstadt Straßburg ausgezeichnet worden. Marko aber geriet deshalb ins Netz der Stasi, die Ungemach witterte, wenn sich jeder seine Freunde selbst auszusuchen begann.

Annette Baumeisters Film über die „Stasi auf dem Schulhof“ ist eine erschütternde Dokumentation zerstörter Biographien, über junge Opfer eines ungeheuerlichen Kontrollsystems, an das sie zuallererst von jenen verraten wurden, die ihre Schutzmacht hätten sein sollen: den Lehrern. Annette Baumeisters knappes, präzises Porträt des Schulleiters der einstigen Eliteschule Wickersdorf ist dafür ein schreckliches Beispiel. Das Gift der pervertierten Pädagogik dürfte lange nachgewirkt haben, als schlimmes Erbe an vielen Schulen im Osten Deutschlands, die überwiegend mit demselben Personal wie zu DDR-Zeiten weitermachten und alles daransetzten, eine öffentliche Debatte darüber zu verhindern.

Stasi auf dem Schulhof läuft heute Abend um 23.55 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Regina Mönch
Freie Autorin im Feuilleton.
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