„The Old Guard“ bei Netflix

Ach, man sieht Ihnen Ihr Alter gar nicht an!

Von Matthias Hannemann
Aktualisiert am 10.07.2020
 - 13:17
Zählt ihre Geburtstage wohl kaum mehr: Charlize Theron als Andy
Zu Lebzeiten in die Geschichte eingehen: Im Superhelden-Film „The Old Guard“ führt Charlize Theron eine Truppe Unsterblicher durch die Zeitalter.

Das mit der Unsterblichkeit ist eben eine zweischneidige Sache. Einerseits wäre es reizvoll, unsterblich zu sein – und zwar so richtig, nicht bloß in Erinnerungen am Leben gehalten, durch die Erzählungen der Nachgeborenen. Die unsterbliche Andy, die in der überraschend mitreißenden Comic-Verfilmung „The Old Guard“ von Charlize Theron („Mad Max: Fury Road“, „Atomic Blonde“) gemimt wird, nutzt ihre Gabe zum Beispiel, indem sie seit Jahrtausenden für alles arbeitet, was ihr gut und richtig erscheint.

Und sie bewegt sich im Zeitalter von Maschinenpistole und Militärjeep nicht minder galant als weiland in der Ära von Kampfaxt und Pferd. Wenn man dieser durchtrainierten Kurzhaarfrisurträgerin vom Typus Erzähl-mir-nix begegnet und sie fragt, wer sie denn sei, antwortet sie mit der Coolness einer Frau, die bereits alles gesehen hat: „Ich führe eine Gruppe von Unsterblichen an, eine Armee oder so.“ Rückfragen hebt man sich besser für jene Flüge auf, vor denen Andy eine Flasche Wodka gekippt hat, weil sie den Piloten und die Rostlaube von Flugzeug kennt.

Eine Kehrseite der Unsterblichkeit sind die seelischen Narben, die man über lange Zeit sammelt. Denn so flink der Körper von Andy und ihren Getreuen auch jede einzelne Wunde zu schließen vermag – man trauert doch unzählige Male um sterbliche Freunde. „Who wants to live forever“, sang einst ein anderer Sterblich-Unsterblicher. Der Horror der Schlachtfelder bleibt ebenfalls kleben. In Andys Seele hat sich jene Erkenntnis eingebrannt, die bei Sterblichen nur als Ahnung vorkommt: dass die Menschheit über all die Zeit nichts aus ihrer brutalen Geschichte lernt.

Ehrenfrau Andy, mit vollem Namen „Andromache, die Skythin“, hat die Unsterblichkeit daher satt. Dann sehnt sie sich nach dem raren, aber durchaus schon mal bei anderen Unsterblichen verfolgten Moment, an dem die Unsterblichkeit urplötzlich endete. „The Old Guard“ ist ein Action-Streifen, den Netflix wohl als Testballon einer Filmreihe aufsteigen lässt. Er erzählt gleich von einer ganzen Handvoll Unsterblicher, die es dann doch nur auf unbestimmte Zeit sind.

Einschränkende Klauseln in den Unsterblichkeits-AGBs

Und diese Einschränkung gibt dem Film Pfeffer, obwohl es auch schon bei anderen Erzählungen einschränkende Klauseln in den Unsterblichkeits-AGBs gab, die der einsamen Ewigkeit ein jähes Ende setzen konnten – man denke nur an die Enthauptungen des „Highlanders“.

Das Drehbuch für „The Old Guard“ geht auf die Comics von Greg Rucka zurück, der auch den von ABC verfilmten Krimi „Stumptown“ schuf. Unter der Regie von Gina Prince-Bythewood und Barry Ackroyd an der Kamera („Captain Phillips“, „Jason Bourne“) kann sich das Geschehen derart entfalten, dass auch Nachdenkliches nicht zu flach darstellt. Dafür sorgt auch die Musik, die bei allem erwartbaren Getrommel die zeitverlorene Seite des Unsterblichen-Daseins betont. Der Düsseldorfer Komponist Volker „Hauschka“ Bertelmann und Dustin O’Halloran aus Berlin, die einst für die Filmmusik zu „Lion – Der lange Weg nach Hause“ eine Oscar-Nominierung einfuhren, tragen hier mehr als nur emotionale Untermalung bei.

So hebt eingestreuter Wucht-Pop wie „Borders“ von der Rapperin M.I.A. die Tonspur von der Vergangenheit ins Jetzt. „The Old Guard“ übertrifft dank dieser Konstellation schnell die Erwartungen, die man mit einer bekannten Geschichte um irgendwelche „Wächter“ der Menschheit verbindet. Und weil auch die Kulissen stimmen – Marokko, Sudan, Afghanistan, Frankreich, London –, denkt man wirklich nur ein paarmal daran, dass die allgemeine Begeisterung für Superhelden-Storys vielleicht eines Tages genauso plötzlich vorbei sein könnte wie die Unsterblichkeit der Heldin.

Doch auch die Ewigkeit hat hier einen Anfang, und sie beginnt damit, dass Andy nach längerer Zeit des Die-Menschheit-kann-mich-mal nach Marokko gerufen wird, wo sie auf ihre Gefährten Joe (Marwan Kenzari), Nicky (Luca Marinelli) und Booker (Matthias Schoenaerts) stößt. Die Männer sind allesamt jünger als sie: Joe und Nicky wurden erst bei den Kreuzzügen, Booker erst in den Kriegen Napoleons unsterblich. Aber dass sie miteinander vertraut sind, wie man nur über Jahrhunderte miteinander vertraut wird, merkt der Zuschauer anhand der kleinen Geschenke (Gebäck und Bücher), die man einander mitbringt, dem Gekicher, den Blicken. Dass man über die Jahre einiges an Kampferfahrung sammelt, versteht sich. Die wird natürlich gebraucht: Der einstige CIA-Agent Copley (Chiwetel Ejiofor), der die Truppe schon früher bestellt hat, bittet das Söldner-Quartett um die Befreiung einer entführten Schulklasse in Sudan.

Die Aktion erweist sich als Falle. Ein Hintermann ist nämlich der mächtige Pharma-Boss Merrick (Harry Melling aus „Harry Potter“), der seinen Investoren Medikamente gegen den Alterungsprozess versprochen hat. Geht es nach ihm, will er die Truppe nach erfolgreicher Forschung für immer wegsperren. Doch Charlize Theron ist kein Versuchskaninchen. Auch schön: Noch im Abspann sieht der Zuschauer die Recherche-Pinnwand, auf der Copley alle Ereignisse der Historie aufzuführen versuchte, in denen das Quartett eine Rolle spielte. Da zeigt sich: Es sind doch die Geschichtsbücher, die das wahre Ticket zur Unsterblichkeit bieten.

The Old Guard ist bei Netflix abrufbar.

Quelle: F.A.Z.
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