Dortmunder „Tatort - Liebe mich“

Ein Narzisst liebt nicht

Von Heike Hupertz
20.02.2022
, 17:11
Die Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) üben sich im Teamwork
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Nichts wird mehr so sein, wie es war: Die Jubiläumsfolge des Dortmunder „Tatorts“ ist ein psychologisches Glanzstück.
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Wenn man in den zehn Jahren der Existenz des Dortmunder „Tatorts“ eines verstanden hat, dann dieses: Vier Kommissare bilden längst kein Team. Auf eigene Faust, aneinander vorbei und gegeneinander, so lautete lange die Devise im Ruhrpott. Vertrauen, stillschweigend voraus­gesetzte, manchmal spannungsreiche Grund­lage der Kollegialität in anderen „Tatorten“, gab es in Dortmund bloß als fortwährende Mangelwirtschaft.

Seit Peter Faber (Jörg Hartmann) aber seinen Jenseitszwang abgelegt hat und Martina Bönisch (Anna Schudt) nach einer übel beendeten Affäre mit dem Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchung, Se­bas­tian Haller (Tilmann Strauß), ihre Vorliebe für unverbindlichen Sex, arbeitet man etwas weniger auf Distanz. Jan Pawlak (Rick Okon) hatte in der letzten Folge, in der es um seine drogenabhängige Ehefrau ging, schon Gelegenheit zur Aufarbeitung seiner Beziehungsfähigkeit. Er nutzte sie schlecht, zum Alleingang, der ihn fast das Leben kostete. Noch ist diese Geschichte nicht ausgestanden. Nur vom Neuzugang Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) war privat bislang wenig zu erfahren.

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Toxische Unreife

In „Liebe mich!“, der außerordent­lichen Folge zum zehnjährigen Jubiläum des Dortmunder „Tatorts“, ändert sich das. Herzogs Mutter Susanne Bütow (Rosa Enskat) taucht auf. Sie verließ ihr Kind vor vielen Jahren, um mit der RAF-Nachfolgegeneration in den Untergrund zu gehen. Nun braucht sie Herzogs Hilfe. Von Bedauern keine Spur.

Um von Müttern verlassene Kinder geht es in zwei überzeugend verflochtenen Handlungssträngen des Autors Jürgen Werner. Es ist sein zwölftes Drehbuch für die Dortmunder, er kennt seine Figuren. Im Vordergrund aber stehen die üblen Wir­kungen toxischer Unreife. Regisseur Torsten C. Fischer (zuletzt „Tatort: Vier Jahre“) überträgt das komplexe Gefühls- und Machtmissbrauchsgeflecht der Vorlage in eine „Tatort“-Folge, die künftig unter den Top Ten der besten der Reihe zu finden sein sollte. In ihrer Darstellung der Ge­walt pathologischer Narzissten gegenüber Expartnerinnen, wie sie die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen drastisch in „Die Masken der Niedertracht“ beschrieb, hat die Folge Vorbildcharakter: Werner, Fischer und ihr Kameramann Theo Bierkens sorgen dafür, dass das Thema nicht bequatscht oder wegerklärt, sondern in brutal direkten Szenen vermittelt wird. Haller, einem perversen Profi der ma­nipulativen Verharmlosung, geht es al­lein um Macht und Kontrolle. Und mit Bönisch hat er sich eine starke Frau als Op­fer vorgenommen, um seine eigene Bedeutung zu stärken.

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„Liebe mich!“ knüpft direkt an den Vorgänger an. Martina Bönischs gekränkter Ex Haller stalkt sie immer noch, akzeptiert keine Zurückweisung, kreist sie ein. Die Kommissarin reagiert mit sachlichen Konfrontationen und konsequenter Kollegenprofessionalität. Hinter ihrem Rücken verbreitet Haller, sie sei depressiv, habe ein Alkoholproblem. Er verunsichert sie, er­niedrigt sie, schickt ihr eine Dienstaufsichtsbeschwerde, und, das ist das Folgenreichste, enthält ihr wichtige Beweise vor.

Versucht es gegenüber Sebastian Haller (Tilman Strauß) mit konsequenter Kollegenprofessionalität: Kommissarin Bönisch (Anna Schudt)
Versucht es gegenüber Sebastian Haller (Tilman Strauß) mit konsequenter Kollegenprofessionalität: Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) Bild: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas

Zwei tote Frauen werden auf dem Dortmunder Waldfriedhof gefunden. Der eigentliche Tatort tritt in Variationen auf, als Puppenstube, Rückblende, kulissenhafter Nachbau und Mordzimmer (Szenenbild Eduard Krajeweski). Feline Wagner, die erste Tote, verschwand vor einem Jahr. Nun trägt sie, genau wie das andere Opfer, das zwei Jahre früher vermisst gemeldet wurde, ein billiges gelbes Sommerkleid, wie es in den Neunzigern verkauft wurde. Eigentlich ein schöner letzter Ort, dieser Begräbniswald, sagt Bönisch zu Faber. „Wollen Sie später mal verbrannt werden?“ Faber darauf: Er habe schon oft sterben wollen, aber noch keinen Gedanken daran verschwendet. Und Bönisch: „Mir würde es an so einem Ort gefallen.“ So spricht man um den heißen Brei herum.

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Die offensichtliche Spur führt ins Bestattungsinstitut Ihle. Thomas Ihle (Jan Krauter) und Ehefrau Julia (Marlina Mitterhofer) sind nicht besonders hilfreich. Bei ihnen ist aller Tage Trauer, was nicht nur die schwarze Kleidung bezeugt, sondern offenbar auch auf ihre Laune abgefärbt hat. Ihre Mitarbeiter sind ebenfalls schwer be­schäftigt, gestorben wird ja immer.

Dass die toten Frauen Bönisch ähnlich sehen und ihren Mörder offenbar über ei­ne Datingwebsite kennengelernt haben, dass Bönisch mit ihm wohl auch schon verabredet war und sich der Jahrestag der Morde nähert, wird im Dortmunder Team nur unzulänglich besprochen, was wiederum zur Entführung einer der Polizistinnen führt, die bald verzweifelt um ihr Leben redet. Am Ende steht eine Es­kalation, an der empathielose Mütter und narzisstische Männer Schuld tragen, aber beileibe nicht in gleicher Weise.

Was bleibt? Faber und Bönisch ermitteln wirklich einmal gemeinsam, „fabern“ zu­sammen, spielen in Rollen Täter und Opfer und lassen sogar an einer Stelle die Vermischung von professioneller Distanz und privater Nähe zu. Insbesondere Anna Schudt und Stefanie Reinsperger geben in „Liebe mich!“ grandiose Vorstellungen ab. Im nächsten Dortmunder „Tatort“ wird kaum mehr etwas so sein, wie es einmal war.

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Der Tatort – Liebe mich! läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten

Trailer
„Tatort - Liebe Mich!“
Video: ARD, Bild: WDR

Quelle: F.A.Z.
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