Schwarzwald-„Tatort“

Die Reichen sollen weichen

Von Melanie Mühl
25.04.2021
, 15:35
Späte Liebe: Elisabeth Klingler (Anne-Marie Fliegel, links) und Elena Zelenko (Wieslawa Wesolowska)
Im Freiburger „Tatort“ ermitteln die Kommissare im Milieu der Vermögenden. Und siehe da, Geld verdirbt den Charakter. So schwarz-weiß war die Krimi-Welt selten.
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Jede Familie kämpft auf ihrem eigenen Schlachtfeld. Bei den schwerreichen Klinglers, zu deren Besitz neben einer Villa mit knarzenden Fußböden, antiken Möbeln und Gemälden eine Fabrik, die Schwarzwälder Kirschen mit Schokolade umhüllt, gehört, geht es ums Geld. Und bei Geld hört bekanntlich nicht nur die Freundschaft auf: Finanzieller Zwist entzweit zuverlässig Familien.

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So verwandeln sich auch die beiden erwachsenen Kinder der Fabrikantenwitwe Elisabeth Klingler-Rathmann (Marie Anne Fliegel) sofort in Wutbürger, als ihnen die Mutter mitteilt, dass sie die Villa ihrer Hausangestellten und „Gesellschafterin“ Elena Zelenko (Wieslawa Wesolowska) vererben wird. Gefangen in ihrer Empörung darüber, dass die Mutter einer Erbschleicherin aufsitzt, verpassen die Tochter Gesine (Jenny Schily) und der Sohn Richard (Jan Messutat) die letzte Möglichkeit einer Aussprache und treiben die Mutter aus dem Raum. Dummerweise stürzt die gebrechliche Dame nur ein paar Minuten später die Treppe hinunter und erliegt im Krankenhaus ihren Verletzungen. Für die Familien-Gang ist die Sache klar: Hinter dem mutmaßlichen Unfall steckt die „erbunwürdige“ Elena.

Die kühle Firmenherrscherin

Der Schwarzwald-„Tatort“ mit dem Titel „Was wir erben“ (Regie Franziska Schlotterer, Buch Patrick Brunken) begibt sich ins Milieu der Vermögenden, die keinen Hehl aus ihrer Geldgier machen, womit das erste Problem dieser bieder inszenierten Folge benannt ist: die klischeehafte Zeichnung der Figuren. Gesine Rathmann (Jenny Schily) gibt die kühle Firmenherrscherin, die ihr Business-Kostüm wie einen Panzer trägt, an dem alles abprallt. Selbst das Wort „Mutti“ klingt aus ihrem Mund hart. Trinkt sie zu viel Alkohol, wird sie bitter und böse.

Ihr Bruder ist aus ebenso moralisch fragwürdigem Holz geschlitzt. Verwickelt in dubiose Geschäfte mit Partnern, die man besser nicht verärgert, braucht er dringend eine Million Euro. Wenn er nicht gerade ans Geld sowie den nächsten Deal denkt, vergnügt er sich mit der Putzfrau Zofia Janczak (Janina Elkin) im Bett. Die Gelassenste in dieser Familie scheint die junge Toni (Johanna Polley) zu sein. Sie lebt in Berlin, studiert halbherzig – weich gebettet durch das Familienvermögen – und sucht den Sinn des Lebens.

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Wer nicht erbt, ist der Doofe

Dass die Ermittler Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) in ihrer nicht optimal sitzenden Garderobe im Kreise der Klinglers deplaziert wirken, ja beinahe tölpelhaft durchs Anwesen stolpern, ist gewollt, vermittelt aber den falschen Eindruck, Stil und Geld hingen zusammen. Ihren Sozialneid offenbart Franziska Tobler während einer Autofahrt mit ihrem Kollegen, als sie einen kleinen Vortrag über das ungerechte Wesen des Erbens hält: „Viel erben doch nur die, die vorher schon viel hatten und nie was dafür tun mussten.“ Wer nicht viel erbe, der wohne bei den Erben zur Miete oder putze deren Villa, so Tobler. Als sich schließlich herausstellt, dass Elena Zelenkos Eltern als Zwangsarbeiter in der Schokoladenfabrik schuften mussten und die alte Frau Klingler-Rathmann offenbar Wiedergutmachung leisten wollte, schmilzt plötzlich auch Gesine Rathmanns Herz. Doch die Tragödie hat da längst ihren Lauf genommen.

So verschnarcht man auch im Schwarzwald vor sich hin ermittelt, eine Botschaft scheint dennoch wichtig zu sein: Sensibilität fürs Gendern existiert auch hier. Beim Telefonat mit der Rechtsmedizinerin verwendet der identitätspolitisch ungeschickte Berg das generische Maskulinum, wird zurechtgewiesen und will sich mit einem Kaltgetränk entschuldigen. Fader geht’s nicht.

Trailer
„Tatort: Was wir erben“
Video: ARD, Bild: SWR

Der Tatort: Was wir erben läuft am Sonntag um 20.15 im Ersten.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl / Juli 2018
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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