Der „Tatort“ aus Berlin

Unterm Fallbeil der Geschichte

Von Heike Hupertz
10.11.2019
, 14:08
Normalerweise halten sie mehr Abstand zueinander: Meret Becker und Mark Waschke als Kommissare Rubin und Karow
Der „Tatort“ aus Berlin leistet seinen Beitrag zum 9. November: In „Das Leben nach dem Tod“ ermitteln die Kommissare in einem Land, in dem niemand mit sich im Reinen ist.
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Im Fenster des Billigsupermarkts hängt eine Vermisstenanzeige. Abgebildet ein Orden am Band, verliehen für besondere Verdienste um die Republik. Dem verbitterten Rentner, dem sie bei einem Raubüberfall in der eigenen Wohnung gestohlen wurde, kam indes mehr abhanden als dieses Erkennungszeichen seiner Lebensleistung. Verlustig ging vor dreißig Jahren sein Staat selbst. Okkupiert durch die kapitalistische Siegermacht, so sieht er es.

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Wahrscheinlich raubte die Bundesrepublik auch Teile seiner Pension, sonst würde er nicht in Feindesland leben und sich mühevoll zum schmalen Einkauf schleppen müssen. Verlustig ging sein Sozialismus ohne menschliches Antlitz als Versprechen einer geregelten Zukunft für wenige freilich nicht. Das Weltbild des DDR-Richters a.D. ist, wie es einmal war und immer sein wird. „Damals lebte man in Sicherheit“, bescheidet Gerd Böhnke (Otto Mellies) den Quartiersozialarbeiter Adnan Jasari (Slavko Popadic). Damals gab es in der DDR, jedenfalls bis 1987, noch die Todesstrafe. Guillotine oder Erschießen, erinnern sich im Berliner „Tatort: Das Leben nach dem Tod“ einige. Böhnke selbst fällte drakonische Urteile. Jetzt würden selbst jugendliche Intensivtäter verhätschelt. Jasaris Beruf sei „Kriminellenversteher“: „Gemeinsame Kreuzfahrt“ statt Strafe.

Irgendetwas stimmt nicht mit dieser Figur

Berlin geht vor die Hunde, meinen in diesem „Tatort“ nicht nur die als Verlierer Gebrandmarkten. Raubtierkapitalisten auf dem Wohnungsmarkt, mit Petra Olschewski (Karin Neuhäuser) in eindrucksvoll weiblicher Erscheinungsform. Daneben Liz und Hajo Holzkamp (Britta Hammelstein und Christian Kuchenbuch), er labil, sie exaltiert, die sich den Verhältnissen angepasst und mit einem Putzdienst selbständig gemacht haben. Dieses Mal sieht sich Hajo Holzkamp außerstande, den Dreck der anderen zu beseitigen. In einer der Mietwohnungen liegt ein alter Mann, mumifiziert, vor Wochen einsam gestorben und von niemandem vermisst. In den Räumen wimmelt es von Fliegen und Maden. An der Wand ein Gekreuzigter. Der ausgemergelte Leib am Kreuz lässt Robert Karow (Mark Waschke) keine Ruhe. Irgendetwas stimmt nicht mit dieser Figur. Oder mit seiner Wahrnehmung. Karow, dem geheimnisvollsten unter den „Tatort„-Ermittlern, lässt der Fall keine Ruhe. Der Tote ist sein Nachbar. Über Wochen hat der Kommissar nicht gemerkt, dass er Wand an Wand mit einer Leiche lebt.

Nina Rubin (Meret Becker) hat neben dem Fall, den Karow als Mord identifiziert, andere Sorgen. Die Stelle für Kriminalprävention will sie unbedingt als Mitarbeiterin für interkulturelle Angelegenheiten gewinnen. Die Zahl der antisemitischen Vorfälle in Berlin hat drastisch zugenommen, Rubin käme da öffentlichkeitswirksam recht, um Präsenz der Behörden zu zeigen – weil sie Jüdin ist. Aber sich als „Feigenblatt“ gleichwohl kaum eigne, wie Karow der Kollegin attestiert. So nah wie in diesen Ermittlungen sind sich die beiden Berliner Großstadtwölfe noch nie gekommen, vermutlich werden sie es auch nie wieder. Wie tiefe Anerkennung in Freiheit aussehen kann, auch das zeigt der RBB-„Tatort“ mit den eindrucksvoll mit- und gegeneinander spielenden Becker und Waschke nicht zum ersten Mal.

Das kluge Buch von Sarah Schnier, die überlegte Regie von Florian Baxmeyer und insbesondere die herausragende Bildgestaltung von Eva Katharina Bühler machen „Das Leben nach dem Tod“ zu einem nicht alltäglichen Beitrag zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls. Die Eikon-Produktion nimmt ihr Thema als Binnenströmung, um daneben und darüberhinaus die einzelnen Erzählstränge zu einer umfassenden Geschichte zu verbinden, in der alles mit allem zusammenhängt und doch klar unterschieden bleibt. Lange Zeit spielt „Das Leben nach dem Tod“ mit der Täter-Opfer-Frage, um sich schließlich gegen moralische Indifferenz zu entscheiden. Plumpe Parteinahme ist nicht Sache dieses „Tatorts“, Gesprächsstoffüberhang umso mehr.

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Der Tatort: Das Leben nach dem Tod läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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