„Tatort“ aus Köln

Ist Unrecht nur verrücktes Recht?

Von Heike Hupertz
17.05.2020
, 17:08
Im sehenswerten Kölner „Tatort“ ermittelt Kommissar Ballauf in der geschlossenen Psychiatrie. Regisseurin Isa Prahl setzt das schnörkellos und präzise in Szene.

„Wir sitzen beide in einem Gefängnis, Herr Ballauf. Ich in dieser Klinik und Sie in Ihrem Kopf.“ Julia Frey (stark: Frida-Lovisa Hartmann) trifft den Nagel auf den Kopf. Wegen Eigengefährdung per Gerichtsurteil in die Psychiatrie zwangseingewiesen, sieht sie sich verfolgt und bedroht. Der Gutachter erkennt darin den Beweis für ihre schizophrene Psychose. Klassischer Fall von Wahnvorstellungen. Oder vielleicht das perfekte Komplott, das sich ihre psychische Instabilität zunutze macht? Sie malt den Kommissar mit offenen Brustkorb. Max Ballauf (ebenfalls stark: Klaus J. Behrendt) sieht ebenfalls Gespenster, vielmehr das der Kollegin Melanie Sommer (Anna Brüggemann), die er in der Folge „Kaputt“ erschoss.

In den Sitzungen mit der Polizeipsychologin Lydia Rosenberg (Juliane Köhler) verliert er kein Wort, Freddy Schenk (Dietmar Bär) schweigt er an, beim Schwimmen erscheint ihm Sommers Gestalt selbst unter Wasser. Die Ermittlung in der Geschlossenen wird zu seiner Angelegenheit. In Freys Patientenakte gibt es auffällige Fehldiagnosen. Obwohl der Leiter der Klinik eine anerkannte Koryphäe ist, wie seine Stellvertreterin Dr. Koch (Adina Vetter) nicht müde wird zu betonen. Eine tote Koryphäe allerdings. Die Sache mit Julia wachse ihm über den Kopf, so lautet seine letzte SMS an den Anwalt Florian Weiss (Andreas Döhler), der mit ihrer Schwester Tine (Franziska Junge) verheiratet ist und ein Baby hat – das Kind von Julia, wie sich herausstellt. Die Abtreibung hatte man ihr verwehrt.

Während Ballauf sich für Julias Entlassung starkmacht, tut sich eine heiße Spur auf. Der Tote war wegen Vergewaltigung angezeigt worden. Man hatte die Sache mit Geld geregelt. Dem Opfer hat das nicht geholfen: Beim Putzen im Tennisverein ergießt sich das Wasser im schmutzigen Schwall über den Boden. Und weder im nächtlich beleuchteten Schwimmbad noch im Zwielicht der Sportumkleide oder, zuletzt, in einem Luxusbadezimmer lassen sich Schuld und Gewissensfragen wegspülen. Moritz Antons Bildgestaltung übersetzt (Ausnahme-)Zustände in eine klare visuelle Sprache. Das Drehbuch von Christoph Wortberg bedient zwar manches Psychiatrie-Klischee (pro Krankheit ein exemplarischer Patientenfall), lässt Fragen auffällig offen, bespielt aber auf starke Weise die Seelenverwandtschaft zwischen Julia Frey und Max Ballauf. Er möchte sie freibekommen wie sich selbst.

„Gefangen“ gehört zu den überzeugendsten „Tatorten“ des WDR aus Köln, wo man ja Sozialkritik gern mit Sozialklischee in eins nimmt, aber immer der polizeilichen Ermittlungsarbeit verpflichtet bleibt. Nach Roeland Wiesnekkers furioser Vorstellung als Ballaufs und Schenks Kollege in „Weiter immer weiter“ ist er der sehenswerteste der letzten Zeit. Regisseurin Isa Prahl setzt die Story mit genauem Blick auf ihre Schauspieler schnörkellos und präzise in Szene. Nicht mal Polizist Jütte (Roland Riebeling) muss mehr Mätzchen machen.

Tatort: Gefangen, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD.

Quelle: F.A.Z.
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