„Tatort“ aus München

Die sind hier alle voll am Paniken

Von Matthias Hannemann
26.01.2020
, 17:08
Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) rücken mit dem SEK an.
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Hochspannung bis zur letzten Minute: Im „Tatort“ aus München werden die Kommissare Leitmayr und Batic zu einem Amoklauf gerufen und müssen bei „unklarer Lage“ ermitteln.
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Schwer zu sagen, was hier eigentlich beklemmender ist: Ist es die Vorstellung, dass ein Amoklauf oder ein Anschlag unmittelbar bevorstehen könnte, ein Blutbad, wie es 2002 an einem Gymnasium in Erfurt geschah (sechzehn Tote plus Täter, der sich selbst erschoss), 2009 an einer Schule Winnenden (fünfzehn Opfer plus Täter) oder 2016 am Olympiaeinkaufszentrum in München, wo ein rechtsradikaler Täter neun junge Menschen und sich selbst umbrachte?

Oder ist es die Sensationsgier, die überall dort, wo im Münchner Tatort „Unklare Lage“ Polizisten anrücken, durch staatstragend dreinblickende Medienvertreter und Zaungäste mit gezückter Handykamera zum Ausdruck kommt? Sie spornt einen Menschen, der in seiner Wut zu allem bereit ist, im Zweifel bloß an: „Ein einzelner unterhält die ganze Welt.“

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Die öffentliche Aufmerksamkeit, die den neuen Fall von Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslaw Nemec) begleitet, hat aus Polizei-Sicht jedenfalls nicht nur Vorteile, zu denen allenfalls die rasche Identifizierung gesuchter Personen gehört. Sie führt dazu, dass das Team um die Einsatzleiter Karola Saalmüller (Corinna Kirchhoff) und Walter Ohnsorg (Axel Pape) keinen unbeobachteten Schritt machen kann, erfordert fortwährendes Nachdenken über die richtige Kommunikationsstrategie, und das alles unter den Bedingungen der Empörungsgesellschaft, die Kritik üben wird, wie immer der Einsatz auch läuft. Ausgelöst wurde dieser durch den Anruf aus einem Linienbus, mit dem dieser hochspannende und wirklichkeitsnah anmutende „Tatort“ beginnt: ein Fahrkartenkontrolleur wurde getötet. Der Täter ist weg. Er flüchtet, während Spezialkräfte anrücken und den Bus durchsuchen, in einen Rohbau, wird dort aber gestellt und erschossen.

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Tatort: Unklare Lage
Video: ARD, Bild: ARD

Der Puls der Ermittler bleibt trotzdem hoch: Der junge Kerl, dessen Gesicht nicht mehr erkennbar ist, hatte eine große Menge Munition im Gepäck. Sowohl sein Funkgerät als auch Zeugen, die bei seinem Einstieg in den Bus einen Komplizen gesehen haben wollen, deuten darauf hin, dass noch ein weiterer Gewalttäter irgendwo in München herumläuft. An einer Schule? Das steht zu befürchten, als der Name des Mörders aus dem Bus nach dem veröffentlichten Foto einer Überwachungskamera endlich bekannt wird. Der Neunzehnjährige, erzählen die Eltern, die das Geschehen in ihrem Schockzustand noch gar nicht begreifen, hatte der Schule vor wenigen Wochen den Rücken gekehrt – nach dem Vorbild seines großen Bruders Maik, der einst das Gleiche getan hatte.

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Schon zeigt uns die Kamera von Florian Emmerich, der sein Handwerk unter anderem als „Kameraoperateur“ bei Actionfilmen wie der „Bourne Verschwörung“ und „Mission Impossible IV“ lernte und diesen „Tatort“ in dunkles Polizeithrillerblau taucht, verängstigt unter ihren Pulten kauernde Schüler. Auch die haben ihre Telefone im Anschlag, tauschen per Whatsapp Sätze mit Freunden wie „Die sind hier alle voll am Paniken, ist das ein Amoklauf?“. Sie filmen schwer bewaffnete SEK-Männer, deren Schatten vor dem Fenster des Klassenzimmers zu sehen sind. Doch es ist nicht gesagt, ob das Geschehen tatsächlich auf einen Amoklauf an einer Schule hinausläuft.

Die Lage ist so unübersichtlich, wie es der Titel verspricht. Das Drehbuch stammt von Holger Joos, der sich schon die rauhe Münchner „Tatort“-Folge „Der Tod ist unser ganzes Leben“ und die Reichsbürger-Folge „Freies Land“ ausgedacht hat. Regie führte Pia Strietmann, die mit diesem Film ihr „Tatort“-Debüt gibt. Beide sorgen dafür, dass Spannung und Tempo von der ersten bis zur letzten Minute halten. Sie haben einen kernigen Polizeifilm gedreht, mit wortkargen Ermittlern und einem wummerndem, pochenden Soundtrack, bei dem einem Hören und Sehen vergeht.

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Tatort: Unklare Lage, Sonntag, 26. Januar, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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