Der „Tatort“ aus Franken

Die Liebe, ein Missverständnis

Von Oliver Jungen
01.03.2020
, 16:36
Kommissare, einigermaßen ratlos: Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel)
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Mehr Lust, mehr Distanz: Der „Tatort“ aus Franken kreist dunkel poetisch um den alten Herzschmerz. Ein Arthouse-Krimi, der anrührt.
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Sagen Sie mal, warum lächeln Sie eigentlich die ganze Zeit? Ich begreife das nicht.“ Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) spricht aus, was wohl alle denken: Was ist so belächelnswert daran, wenn eine Frau (Anna Tenta) an ihrem Geburtstag mit zwei Stichen ins Herz – das Sushi-Messer hatte die Befragte (Anja Schneider) ihrer befreundeten Kollegin geschenkt – aus dieser Welt, und sei sie auch verlogen, hinausbefördert wurde? Was also hat sie nur, die Hauptverdächtige? Letzteres immerhin ist leicht zu beantworten: Sie hat Arthouse. Das ist eine Art Virus, übergesprungen aus letzten Glutnestern der Nouvelle Vague oder vom apfelkernspuckenden Regietheater. Es erfasst sämtliche Figuren einer Filmerzählung und macht selbst aus bodenständigen Franken ätherische Freaks, luftige Figuren, an denen dafür aber die Schwere des Seins nur umso stärker zieht und zerrt.

Allen, denen noch der Schreck des Sex-ist-auch-keine-Erlösung-„Tatorts“ vom vergangenen Sonntag in den Gliedern steckt, sei aber versichert, dass Max Färberböcks traumtänzerische, musikgetragene Reflexion über das fast notwendig scheiternde Glücksversprechen der Zweisamkeit und den Umschlag von Liebe in Verzweiflung in Haltung (zugewandt) wie Ästhetik (sanftmütig) das glatte Gegenteil von Jan Bonnys Karneval der verlorenen Seelen darstellt. Das elegant schlichte Drehbuch zu seinem inzwischen dritten Franken-„Tatort“ hat Regisseur Färberböck wieder mit Catharina Schuchmann geschrieben. In einem Punkt aber ähneln sich die Episoden durchaus: Der Fall liegt jeweils so einfach, dass er eigentlich gar kein Fall mehr ist, zumal niemand etwas leugnet. Im Gegenteil: Die Selbstbezichtigung dient als moralische Katharsis, als Protest gegen die lieblose Welt.

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Rücksichtslosigkeit gehörte wohl zur Profession der Ermordeten, einer erfolgreichen Managerin bei einem Immobilien-Trust, aber bald kommt ihre andere, vor den Kollegen geheim gehaltene (und erstaunlich oft in Kriminalfilmen ausgelebte) Seite zum Vorschein: Die High-End-Maklerin, die sich laut ihrem Chef nie Missverständnisse erlaubte, war auf erotischen Dating-Portalen unterwegs, was mit schwülstigen Softporno-Bildern zu Nina Simones „Don’t Let Me Be Misunderstood“ untermalt wird. Ein fallengelassener Liebhaber kommt neben der lächelnden Messer-Schenkerin als Täter damit ebenfalls in Frage. Und dann ist da noch der viele Jahre jüngere Klavierlehrer (Lukas B. Amberger) des Opfers, der zwar nur in seiner Musik lebt, aber ganz besonders stark neben sich zu stehen scheint.

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Fernsehtrailer
Tatort „Die Nacht gehört dir“
Video: ARD, Bild: BR; Hager Moss Film GmbH

Dem Thema Verlieben seine sonnige Honigsüße zurückzugeben, obliegt diesmal allein dem eher unbewusst poetisch veranlagten Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs), sozusagen Färberböcks Antoine Doinel, war doch Truffauts durchs Leben treibendes Leinwand-Alter-Ego ähnlich sensibel und verträumt exzentrisch. Das ungelenke, aber charmante Anbandeln mit einer Nürnberger Honigverkäuferin wird denn auch episch breit ausgemalt. Betört wie Voss ist, versteht er nicht, was – darüber ist er bei der Recherche gestolpert – „Freiheit und Unabhängigkeit im aktuellen Austausch zwischen M und F“ heißen soll. So lässt er es sich von Kollegin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) erklären: „Alles ein bisschen distanzierter, weniger Gefühl, mehr Lust, mehr Freude, und gern auch mal die Möglichkeit, eine Beziehung sofort zu beenden.“ „Alles klar, Danke, Ciao.“ Im Arthouse-Genre sind hölzernste Dialoge erlaubt, solange sie das zentrale Thema einkreisen. Tatsächlich dreht sich der ganze Film um die alte Doinel-Frage: Was geschieht, wenn inmitten der auf Anziehung und Bindung beruhenden Beziehungsfrage das Freiheitsbestreben zu groß wird? Kann es eine Person zerreißen, wenn beide Kräfte auf sie einwirken? Mit Franken hat das jenseits des Dialektkolorits in den Nebenrollen („Des is a digidales Dadum“) wenig zu tun. Aber wozu auch?

Dramaturgisch greifen Vor- und Rückblenden geschickt ineinander. Wir sehen eine Tragödie in Form eines sorgfältig komponierten Requiems. Färberböck gelingt dabei abermals das Kunststück, seinen Film mit Figuren zu bevölkern, die zugleich die normalsten und die artifiziellsten im „Tatort“-Kosmos sind, eine theatralisch verfremdete und doch übermächtige Normalität. Diesmal lässt der Arthäusler seinen sarkasmusfreien Hauptdarsteller zudem ein vor verletzter Innerlichkeit zitterndes Lamento ausstoßen, das sich als großer Abgesang auf ein halbes Jahrhundert Blut- und Fehdefernsehen zumindest anbietet: „Manchmal will man es einfach nicht mehr wissen (...) Wer wen bescheißt, wer wen betrügt, wer wen belügt, wer wen hintergeht, Geld abzieht, diese ganze Scheiße, man will es nicht mehr. Ich meine, kein Mensch kann dir doch noch sagen, wie das sich alles zusammensetzt (...) Ich hab einfach keinen Bock mehr.“ Die dann doch recht coole Antwort der Kollegin (mit Blick aufs Autoradio): „Mach mal lauter.“ Das wird passieren, jede Wette, schon nächste Woche sicherlich. Bis dahin aber tragen uns die Tränen aus dem intensiven Schluss dieses stillen Dramas.

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Der Tatort: Die Nacht gehört dir läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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