„Polizeiruf“ aus Brandenburg

Genderclash im Sonntagskrimi

Von Heike Hupertz
30.01.2022
, 16:30
Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, links) befragt Ulf Grutzke (Lars Rudolph), den Vater des Opfers, zu seinem letzten Treffen mit seinem Sohn.
Männersache? Genderwahn? Der „Polizeiruf 110“ aus Frankfurt an der Oder stellt Kommissar Adam Raczek einen neuen Kollegen an die Seite. Der fordert sein Selbstverständnis in jeder Hinsicht heraus.
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Für Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) vom deutsch-polnischen Kommissariat in Swiecko beginnt der neue Fall mit einer Rollenverwirrung. Mit Grenzfällen kannte er sich zwar aus, seit er mit Olga Lenski (Maria Simon) in spannungsreicher Berufspartnerschaft Fälle rund um Frankfurt/Oder klärte, aber seine Männlichkeit kratzte das nicht. Raczek war – die längste Zeit, nun ist er geschieden und lebt im Provisorium – der Ernährer-und-Beschützer-Mann mit Frau, Kind und Heim, ein „Mansplainer“ aus Überzeugung, weswegen ihn die nicht selten gestresste alleinerziehende Lenski für ignorant und gestrig hielt.

Die Diät mit Spareribs und Bier schlägt durch

Nun ist Lenski mit ihren Ansichten weg, den letzten Fall klärte Raczek erstaunlich sensibel fast allein. Als er nun allerdings am Tatort des blutigen Mordes von Sebastian Grutzke (Oskar Bökelmann) in Slubice eintrifft, nervt ihn als Mann einfach alles. Was auch an seiner zermürbenden Schlaflosigkeit, der beginnenden Pillensucht und seiner schlechten Fitness, oder möglicherweise an der Diät aus Spareribs und Bier liegt.

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Alles scheint wie inszeniert, um ihn hochzunehmen. Die Kollegen von der Spurensicherung gendern. Eine junge Polizistin wirft ihm im Vorbeigehen den Glottisschlag vor die Füße. Die Mordwaffe war ein kitschiges Porzellantier, nun ein Fall für das Scherbengericht. Man macht sich über ihn lustig. Dass man ihm aber den wichtigsten Zeugen, den „Highlander“, als Jux präsentiert, kann sich auch Raczek nicht vorstellen. Einen Kollegenwitz später – „ihr seid Polen, ihr könnt nicht gendern“ – begreift der Hauptkommissar, dass sein Zeuge Vincent Ross (André Kaczmarczyk) nicht nur wie selbstverständlich Rock und Augen-Make Up trägt, sondern gleichzeitig sein neuer Kollege von der Berliner Polizeihochschule ist. Ross könnte nicht nur Raczeks Sohn sein, sondern irritiert in jeder Hinsicht. „Genderfluid“, wo der Hauptkommissar an Grillabenden als Ausweis der Männer-Bündnisfähigkeit festhält, „touchy“, wo Raczek den festen Schulterschlag bevorzugt, und der „Körperarbeit“ zugetan, wo der Ältere die nächste Tablette einwirft und das Beste hofft. Außerdem für Raczeks Begriffe unverschämt selbstsicher und leichtgläubig im Umgang mit Verdächtigen.

Zäh ist jedoch die Mordgeschichte

Der Harte und der Softe, der Problembär-Mann und der Typ, dem Geschlechtergrenzen unwichtig sind, so hat man sich beim RBB die neue deutsch-polnische Ermittlerkonstellation ausgedacht. Oder die Ermittler:innen-Konstellation? Nimmt man den Neuansatz aus Frankfurt/Oder ernst, dürfte auch das egal sein. Anika Wangard und Eoin Moore (auch Regie), die gerade Charly Hübners Ende im Rostocker „Polizeiruf 110“ großartig zu Wege gebracht haben, erzählen die „alter-Mann-neuer Mensch“-Konstellation jedenfalls mit der angemessensten Selbstverständlichkeit, die man/frau/divers sich so vorstellen kann. So weit, so okay. Man/frau/divers wird sehen, wie sich der Gender-Konflikt weiter entwickelt, der am Ende dieses Falles in den kommenden weist.

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Die Aufklärung ist zäh

Zäh ist jedoch die Mordgeschichte in „Hildes Erbe“, überaus zäh die Aufklärung, die auf zahllosen Fingerabdruckuntersuchungen von Porzellanfiguren, Schuhbeweissicherung, Arzneimittelproben und plötzlich auftauchenden Verwandten beruht. Unendlich lange telefonieren Raczek und Ross vor allem mit den Kollegen Polizeihauptmeister Wolle Neumann (Fritz Roth), „Komisarz“ Wiktor Krol (Klaudiusz Kaufmann) und sprechen mit Gerichtsmediziner Marian Kaminski (Tomek Nowicki). Vom Tod Grutzkes führt die Spur direkt in seine grotesk dysfunktionale Familie. Vater Ulf (Lars Rudolph) lebt zunächst irgendwo in Berlin auf der Straße, wo er wohl besser geblieben wäre, Bastians Schwester Emma (Ada Philine Stappenbeck) scheint psychisch schwer angeschlagen und kehrt vor dem Eingang der Viadrina zuverlässig um. Alle drei hatten jahrelang keinen Kontakt zu Oma und Mutter Hilde (Tatja Seibt), die in ihrem brandenburgischen Haus inmitten ihrer Porzellanfiguren vor sich hin stirbt, trotz nahendem Erstickungstod Kette raucht und ihre Nachkommen brutal beschimpft und drangsaliert. Als Köder der manipulativen Niedertracht dienen zwei Plastiktüten, randvoll mit 800.000 Euro die Hilde ihrer Pflegerin Sandra (Isabel Schosnig) vermachen will.

Die Rollen sind ins Absurde überzeichnet, die Kamera von Florian Foest fängt Hildes gewalttätige Auftritte als Höllenfamilien-Spektakel ein. Der Musikeinsatz von Warner Poland, Kai-Uwe Kohlschmidt und Wolfgang Glum setzt kommentierende Kontrapunkte, die Bandbreite reicht von smoothem Jazz bis zu großem Orchester. Das klingt manchmal wie der letzte Versuch der Dramatisierung. Irgendwann fällt es schwer, noch Interesse für die durchgeknallten Grutzkes und ihre boshafte Matriarchin aufzubringen. Die Lösung bleibt vergleichsweise egal, genauso gut hätte es auch ein:e andere:r sein können. Wenn Witze ums Gendern der größte Fall von Aufregung im RBB-„Polizeiruf 110“ bleiben sollten, dann kann man sich den Aufriss in Zukunft sparen.

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Polizeiruf 110 – Hildes Erbe, Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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