Tatort-Sicherung

Üben Ermittler an Schaufensterpuppen?

Von Eva Heidenfelder
16.12.2018
, 21:46
Sitzt auch alles perfekt? Ausbilderin Constanze Hermann (Barbara Auer) testet einen Strick vor einer Unterrichtsstunde für Polizeischüler.
In Hanns von Meuffels letztem „Polizeiruf“ übt die nächste Ermittler-Generation mit Bühnenrequisiten und wird über die Kennzeichen von Pornografie aufgeklärt. Ist so viel Realismus realistisch?

Matthias Brandt ist in seinem letzten Münchner „Polizeiruf“ als Kommissar Hanns von Meuffels nicht ganz bei der Sache. Sein ungeklärter Beziehungsstatus mit Constanze Hermann (Barbara Auer) setzt ihm zu.

Die sitzt mittlerweile in Nürnberg an der LKA-Akademie und denkt sich fiktive Schauplätze für den Nachwuchs aus. Der muss in nachgestellten Wohnzimmern und Bädern tote Schaufensterpuppen untersuchen und dabei herausfinden, ob es sich um Mord handelte oder nicht.

Meuffels neue Assitentin Nadja (Maryam Zaree) kommt frisch aus der Ausbildung und wird im aktuellen Mordfall erst einmal darüber aufgeklärt, wann ein Bild pornografisch ist und woran sie erkennt, dass ein Täter nicht im Affekt, sondern gezielt handelte.

Doch lernen Mordermittler ihr Handwerk wirklich wie geschildert? Und sind die Schlüsse, die im „Polizeiruf“ gezogen werden, die richtigen? Fachleute haben uns weitergeholfen.

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Frage 1: Im aktuellen „Polizeiruf“ aus München müssen Polizeischüler beim LKA in einer Art Theaterkulisse fiktive Szenarien analysieren. Wie lernt der Nachwuchs das Handwerk wirklich?

Ergo war es doch Mord! Polizeischüler Leon (Max Koch, 4.v.l.) weiß besser als seine Kollegin Jessica (Anna Drexler, 4.v.r.), wie er den inszenierten Tatort interpretieren muss.
Ergo war es doch Mord! Polizeischüler Leon (Max Koch, 4.v.l.) weiß besser als seine Kollegin Jessica (Anna Drexler, 4.v.r.), wie er den inszenierten Tatort interpretieren muss. Bild: Bayerischer Rundfunk

Antwort von Werner Kraus (Pressesprecher der Polizei München):

Zunächst einmal ist das LKA, also das Landeskriminalamt, in Bayern zur Sicherung und Auswertung feiner Spuren zuständig. Dort wird also auch niemand zum Mordermittler ausgebildet. Ermittlungen zu Todesfällen übernimmt die Kriminalpolizei der jeweils zuständigen Dienststelle, auch die erste Spurensicherung leistet sie. In einer solchen Fachdienststelle werden Polizisten nach ihrer Ausbildung, in der sie zunächst zu Generalisten werden, natürlich ganz speziell auf ihren Einsatz in dieser Abteilung hin geschult. Auch durch Fort- und Weiterbildungen in unserem zentralen Fortbildungsinstitut der bayerischen Polizei in Ering, vertiefen sie das für ihren jeweiligen Einsatzort nötige Fachwissen. In Ering beispielsweise gibt es Lehrsäle mit fiktiven Szenarien und die Arbeit mit Puppen ist auch durchaus üblich. Ich habe selbst beispielsweise im vergangenen Jahr in einem fiktiven Katastrophenszenario an Puppen gelernt, wie man Ausweisdokumente und andere Hinweise auf die Identität von Opfern ordnungsgemäß sichert. Aber eine LKA-Schule in Nürnberg, in der standardmäßig Ermittler für mögliche Tötungsdelikte ausgebildet werden, gibt es nicht.

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LKA-Schüler Leon: „Das Messer. Kein Blut am Griff. Sie kann sich nicht selbst beide Pulsadern aufgeschnitten haben. Wenn ich mir die Pulsadern öffne, schießt das Blut heraus. Wenn ich das Messer dann in die andere Hand, sprich die blutüberströmte nehme, müsste Blut am Griff sein.“ (Minute 6/7)

Frage 2: Einer der Schüler schließt in seiner Analyse Selbstmord mit Verweis auf fehlendes Blut aus. Hat er Recht?

Die Frage, ob es eine geplante Hinrichtung oder eine Tat im Affekt war, wird in dieser Mordermittlung zur Lösung des Falls beitragen.
Die Frage, ob es eine geplante Hinrichtung oder eine Tat im Affekt war, wird in dieser Mordermittlung zur Lösung des Falls beitragen. Bild: Bayerischer Rundfunk

Antwort von Prof. Dr. Randolph Penning (Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München):

Das ist immer so eine Mär, die vor allem in Filmen gerne verbreitet wird: Dass das Blut nur so spritzt, wenn eine Pulsader geöffnet wird und dann das ganze Badezimmer im Blut schwimmt. Das ist nicht richtig. So etwas passiert nur, wenn eine große Ader durchtrennt wird, zum Beispiel die Halsschlagader. Die hat meist einen Durchmesser von einem halben bis zu einem ganzen Zentimeter, da spritzt schon eher eine Fontäne heraus. Aber die Pulsadern sind nur wenige Millimeter dick und liegen etwa einen Zentimeter tief. Um sie überhaupt zu öffnen, braucht es einen beherzten Schnitt, und dann strömt das Blut auch nicht sofort literweise heraus. Deshalb dauert es ja auch oft eine gute halbe Stunde, bis jemand verblutet ist – wenn das überhaupt passiert, denn die kleinen Gefäße ziehen sich nach einer Verletzung zusammen und dann fließt nur noch langsam oder gar kein Blut mehr. Bei der Halsschlagader reichen mitunter ein paar Minuten bis zum Exitus. Und meiner Meinung nach muss auch nicht zwangsläufig Blut auf dem Messer sein, wenn damit die Adern am zweiten Handgelenk geöffnet werden. Wenn man sich nicht durch einen Querschnitt die Sehnen durchtrennt, kann man auch die Hand, an der die Pulsadern bereits geöffnet sind, noch sehr koordiniert bewegen und da wie erwähnt das Blut eben nicht herausspritzt, muss man nicht zwangsläufig das Messer besudeln.

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Hanns von Meuffels: „Das war ein geplanter Mord, eine regelrechte Hinrichtung, zwei aufgesetzte Kopfschüsse.“ (Minute 43)

Frage 3: Ein reales Opfer wird erschossen. Der Ermittler vermutet, anders als seine Kollegin, dass der Täter nicht in Panik, sondern geplant gehandelt hat. Der Grund: Der Frau wurde erst frontal in Oberschenkel und Brustkorb geschossen, dann wurden ihr zwei aufgesetzte Schüsse in den Kopf zugefügt. War hier nicht eher ein schlechter Schütze am Werk?

Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) hatte Recht. Gemeinsam mit seiner neuen Assistentin Nadja (Maryam Zaree) ist er dem wahren Täter auf der Spur.
Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) hatte Recht. Gemeinsam mit seiner neuen Assistentin Nadja (Maryam Zaree) ist er dem wahren Täter auf der Spur. Bild: Bayerischer Rundfunk

Antwort von Prof. Dr. Randolph Penning:

Ein aufgesetzter Schuss klingt zunächst eher nach einem Fangschuss. Wenn das Opfer also bereits außer Gefecht gesetzt ist und der Täter sichergehen will, dass es auch wirklich stirbt. Dann setzt er die Pistole direkt am Kopf an. Geplante Hinrichtungen erfolgen meiner Erfahrung nach beispielsweise im organisierten Verbrechen aber eher von hinten durch einen Genickschuss. Bei einem aufgesetzten Schuss muss der Täter ja sehr nah an das Opfer heran, das ihn dann möglicherweise aber auch verletzt. Dazu würde wiederum der Schuss in den Oberschenkel passen, der das Opfer erst einmal handlungsunfähig machen soll. Mit einer Schussverletzung im Oberschenkel kann ein Mensch in der Regel nicht mehr laufen. Andererseits wurden bei dem Massaker in Srebrenica vielen Opfern aus sadistischen Gründen zuerst in die Knie, in die Hüfte, ins Sprunggelenk oder in den Oberschenkel geschossen, damit sie vor ihrem Tod noch litten. Erst dann wurden sie mit einem Genickschuss getötet. Ein frontaler Schuss in den Brustkorb klingt wiederum eher nach Panik, denn damit riskiert man ja in einem hohen Maß den Tod des Opfers. Ich würde das geschilderte Szenario als geplante Tat, die aus dem Ruder gelaufen ist, beurteilen, nicht als gezielte Hinrichtung.

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Meuffels: „Die vier da, die wissen nicht, dass sie fotografiert werden. Ganz verschwommen. Sicherlich heimlich aufgenommen. (…) Das ist kein Bild, mit dem Handel betrieben werden sollte, da sieht man ja gar nichts.“ (Minute 18/19)

Frage 4: Ein Mann wird mit Bildern erpresst, auf denen er beim Gruppensex zu sehen ist. Der Ermittler glaubt nicht an ein pornografisches Bild, sondern an Erpressung, weil das Bild unscharf ist. Weil die Fotografierten nicht wussten, dass sie fotografiert werden, benutzt er den Begriff „dokumentarisch“. Was sagen Sie dazu?

„Sie scheinen sich ja gut auszukennen“: Meuffels hat seine ganz eigenen Vorstellungen von Pornographie.
„Sie scheinen sich ja gut auszukennen“: Meuffels hat seine ganz eigenen Vorstellungen von Pornographie. Bild: Bayerischer Rundfunk

Antwort von Philip Siegel (Journalist und Autor des Sachbuchs „Drei Zimmer, Küche, Porno“):

Die Aussage, ein Bild, auf dem sexuelle Handlungen zu sehen sind, sei nicht pornografisch, sondern dokumentarisch, wenn die Abgebildeten wohl nicht wussten, dass sie fotografiert werden, erschließt sich mir nicht. Pornografie zeigt zunächst einmal sexuelle Handlungen, das wäre hier ja der Fall. Dass ein verschwommenes Bild für den Handel ungeeignet ist, ist wiederum logisch. Man hätte aber die Erpressung viel leichter begründen können und zwar durch den Umstand, dass mit pornografischen Bildern an sich heute keine müde Mark mehr zu machen ist. In den 1970er-Jahren waren pornografische Bilder ein kleiner Schatz, der beispielsweise von den Niederlanden nach Deutschland geschmuggelt und teuer verkauft wurde. Heute stehen Millionen von Bildern gratis im Netz und überhaupt sind Fotos fast schon out, die Leute schauen sich viel häufiger pornografische Videos an.

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Wie fanden Sie den neuen „Polizeiruf“ aus München?

Quelle: FAZ.NET
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