Hamburger „Tatort“

Woher soll die „große Freiheit“ kommen?

Von Heike Hupertz
09.02.2020
, 16:50
Von illegalen Machenschaften weit entfernt: Auch das Hamburger Rotlichtviertel hat sich verändert und ist „clean“ geworden. Dennoch befragt Julia Grosz (Franziska Weisz) eine Prostituierte zum Mord eines jungen Clanmitglieds.
Video
Längst hat der feierwütige Mob aus Jungeselinnenabschieden und Touristen die Hamburger „Große Freiheit“ übernommen. Der „Tatort: Die goldene Zeit“ trauert einem Kiez nach, den es nurmehr in Liedern gibt.
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La Paloma, ade. Der Hamburger Kiez, das war wohl einmal. Jetzt kommen am helllichten Tag nur noch Touristen und lassen sich von Dragqueens gegen Geld über die Reeperbahn führen. Die Nacht reservieren Horden von Junggesellen und Bräute mit Krawallbedarf. Einmal die Sau rauslassen, das Milieu beglotzen und pauschal eingepreist inmitten der „Großen Freiheit“ abstürzen. Hamburgs St. Pauli, so zeigt es dieser „Tatort“ vom NDR, ist zu einer Partymeile und einem regelrechten Menschenzoo geworden, seit in den Achtzigern Kokainhandel, Aids und schließlich Araberclans der Straße die zweifelhafte Kiezromantik ausgetrieben haben. Bloß noch Wildpinkeln und das Müllproblem treiben die Anwohner in ihren Gentrifizierungsapartmentblocks auf die Barrikaden.

Ansonsten ist Schicht. Das echte Geschäft des Frauenhandels bleibt unsichtbar. Der alte Kiezkönig Egon Pohl (Christian Redl) residiert im Pflegeheim, bekommt Sauerstoff und betatscht die Pflegerinnen. Seine Tochter Carolin Seling (Deborah Kaufmann) fördert junge Künstler. Die Laufhäuser sind Zeugnisse des Siegeszugs abwaschbarer Oberflächen. Vom Amt bestätigt, gibt es offizielle Qualitätsprostitution mit sozialer Rundumbetreuung der selbständigen Mitarbeiterinnen, die eigene Sanitärräume und geregelte Pausenzeiten erwarten oder den Arbeitgeber wechseln. Verlogener geht es kaum.

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Eine „Kiezballade“ in schmutzigem Licht

Jemanden wie „Eisen-Lübke“, den legendären Sicherheitschef des Pohl-Clans mit der Umsatzmaschine „Lovedome“ (Flatrate auf fünf Stockwerken), braucht keiner mehr. Im Teilzeitruhestand betreut Lübke (Michael Thomas) den Fuhrpark der Pohls und trauert in der Kneipe der Bardame Katharina Vanas (Jessica Kosmalla) alten Zeiten nach. Den überlebten Soundtrack liefert „Am Tag, als Conny Kramer starb“. Bis der Juniorchef des Patriarchen von einem vierzehnjährigen rumänischen Auftragskiller erstochen wird. Vermutlich eine gezielte Demütigung des albanischen Konkurrenten Krenar Zekaj (Slavko Popadic). Ein Mord mit Botschaft: Um Euch zu erledigen, brauchen wir nur ein Kind.

Trailer
„Tatort: Die goldene Zeit“
Video: ARD, Bild: dpa

Eine „Kiezballade“ nennt der Drehbuchautor Georg Lippert den „Tatort: Die goldene Zeit“, ein in schmutziges Licht getauchtes Nostalgiestück ist er allemal. Hart wird es für den Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), der vor dreißig Jahren unter Lübkes Fittichen als Nachwuchstürsteher reüssierte, bevor er die Seiten wechselte. Geblieben sind Fotos von damals, Lübkes „Kiez-Köter“-Autobiographie („Rauhe Zeiten“) und Vorstellungen von Ehre, die schon damals Schutzbehauptungen waren. Als Lübke den kindhaften Mörder Matei Dimescu (Bogdan Iancu) findet, will er seinem greisen Chef ein letztes Mal Treue beweisen.

Die Regisseurin Mia Spengler, die hier ihren ersten „Tatort“ inszeniert, hat Jahre auf dem Kiez gelebt. Ihrem Film merkt man das auch an. Mit ihrem Kameramann Moritz Schultheiß kreiert sie einen Genrelook, der im Hongkong-Kino, bei Filmen wie „Fallen Angels“ oder „Chungking Express“ von Wong Kar-Wai, Anleihen nimmt. Stärker als die Story selbst, die den befangenen Falke und seine kühl-vernünftige Teampartnerin Julia Grosz (Franziska Weisz) mit ihrem Mitarbeiter Thomas Okonyo (Jonathan Kwesi Aikins) auf Tour durch die Gemeinde schickt, sind Atmosphäre, erzählte Räume und Orte und eine überraschende Entwicklung zwischen Lübke und dem Mörderjungen Matei. Angeregt wurde Autor Lippert zu seiner Geschichte von einem Interview mit einem ehemaligen Leibwächter Udo Lindenbergs. Bei Spengler wird daraus kein rührseliges Seemannsgarn, sondern ein knallhartes Milieudrama.

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Der Tatort: Die goldene Zeit läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD.

Quelle: F.A.Z.
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