„Polizeiruf 110“ aus München

Tödliche Spekulation

Von Heike Hupertz
08.12.2019
, 18:08
Verzweifelung: Verena Altenberger als Polizeioberkommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff.
Ein paar Polizisten wollen auch mal ihren Schnitt. Sie spekulieren mit Insiderwissen an der Börse. Oberkommissarin Eyckhoff soll sie dingfest machen. Für Verena Altenberger ist das im Münchner „Polizeiruf“ abermals eine große Rolle.

„Für jemanden, der nicht im Wertpapiergeschäft tätig ist, beweist du eine bemerkenswerte Auffassungsgabe“, lobt Lukas Posse (Wolf Danny Homann) von der Börsenaufsicht die Polizeikollegin, die mit ihm einen angeblich schweren Fall von Insiderhandel in der Münchner Polizei aufklären soll. Bessie Eyckhoff (Verena Altenberger), Polizeioberkommissarin, wegen Personalknappheit als Springerin immer da eingesetzt, wo eine Ermittlungslücke gestopft werden muss, geht der Fall nicht wegen des herablassenden Lobs an die Nieren, sondern wegen der Doppelmoral, mit der in dieser Ermittlung große Chuzpe und kleine Vorteilsnahme unterschiedlich gerechnet werden.

Bei der Abhöraktion gegen eine Börsenstar-Firma wegen Insiderhandels sind einige Polizeikollegen schwach geworden. Eyckhoffs Teampartner Wolfgang Maurer (Andreas Bittl), der das Eigenheim beleiht, um vom großen Kuchen auch einmal zu profitieren; die alleinerziehende Mutter und Polizistin Meryem Chouaki (Berivan Kaya), die Münchner Mieten bezahlt, um ihr Kind nicht vor den Freunden zu beschämen; Tobias Rast (Dimitri Abold), der sich als Escort-Mann ein Zubrot verdient; Roman Blöchl (Robert Sigl) und Frührentner „Calli“ Callum (Sascha Maaz), der eine Erbschaft aufs Spiel setzt, um mitzuspekulieren; wussten durch die Überwachung des Unternehmens SPE von einer geplanten Fusion.

Über einen Makler haben sie gekauft, soviel sie konnten, um ihre Beamtenbesoldung aufzubessern. Mitgerissen starren sie nach ausgelassener Party auf den Schirm, der ihnen den Kursgewinn der Aktie in Echtzeit anzeigt, bis plötzlich der Handel ausgesetzt wird und die Luftschlösser im Nebel der Realität verschwinden. Nur Eyckhoff hat nichts gewagt. Nicht wegen unantastbarer Integrität, sondern weil sie komplett blank war. „Hinhängen“ will sie niemanden. Mit Börsenaufsichtsmann Posse (nomen est omen) ist sie sich einig, kreative Auswege zu finden. Wer wurde schließlich geschädigt (Eyckhoff: „Ehrlich – es geht nicht um Gerechtigkeit oder Wahrheit“)? Aber die Vernichtungsbewegung ist in Gang. Das Börsenspiel fordert Opfer. Ungeschoren bleibt man erst ab einem gewissen wirtschaftlichen Volumen und mit herausragenden Verkaufstalenten (SPE-Chief Executive Officer selbstgerecht lachend: „I could sell sand to the arabs“). Oder man ist von Beruf Chef-Tochter wie Arlena Fastnacht (Emma Jane).

Wer einen traditionell moralinsauren „Polizeiruf“ in Brecht-Nachfolge erwartet, ist bei „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ falsch gewickelt. Sozialkritisch einfach macht der Film es weder dem Zuschauer, noch lässt sich seine Haltungsnote simpel ausrechnen. Die ersten Minuten, inszeniert von Dominik Graf nach dem Drehbuch von Günter Schütter, gleichen einer synästhetischen Attacke auf Fernsehgewohnheiten. Danach sortieren sich verschiedene Zeitebenen, bilden sich für den Zuschauer Anker der Spannungsdramaturgie, erschließt sich manch unmittelbare visuelle Symbolik, zeigt sich die genrezitierende Bildsprache deutlicher und entfaltet sich das topoihafte Sounddesign – um gleich darauf, wie von den Furien möglicher Marktanteilsquote gejagt, davonzugaloppieren.

Die Tour de Force des Auftakts muss man überstehen wollen, aber der Gewinn könnte immens sein. Versatzstücke Dominik-Graf’scher Eigenzitate (Klappuhren, Italowesternzooms, Verfolgungen, die an „Flucht in die Karpaten“ erinnern), die Musik von Sven Rossenbach und Florian Van Volxem mit dem von Matti Rouse gesungenen Titelsong „May You Pass Through Well“ und die stilprägende Kamera von Martin Farkas drehen das im Fernsehen selten bearbeitete Thema Wirtschaftskriminalität durch den handschriftlichen Ästhetisierungswolf. „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ irritiert in vielerlei Hinsicht, aber eben das gibt Raum für produktive Spekulationsrezeption. Eindeutig eine Schau ist wiederum Verena Altenberger als Polizeioberkommissarin, die nicht als immerzu starke Frau über allen Missetätern steht, sondern als erschütterbare Person eine Ermittlerin neuen Zuschnitts spielt.

Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen, an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, ARD.

Quelle: F.A.Z.
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