Der „Tatort“ aus Wiesbaden

Im Urlaub kennt dich keiner

Von Heike Hupertz
Aktualisiert am 22.11.2020
 - 13:09
Urlaub im Taunus: Kommissar Murot (Ulrich Tukur) erlebt in dieser Folge eine kurze existenzielle Verdopplung
Er liebt die Menschen, er erträgt nur ihre Nähe nicht: Im neuen „Tatort“ macht Kommissar Murot deshalb Ferien im Taunus und wird zu einem Anderen.

Das Bild an der Wand des Landhotelzimmers setzt den Auftaktton in diesem HR- „Tatort“, dem neunten Fall mit Ulrich Tukur. Murot fällt es ins Auge, als er seine Sachen ablegt. Die „Badenden bei Asnières“ von 1884, flirrender Pointilismus, der Maler Seurat ordnet seine Figuren als bewegungslose Gruppe von vereinzelten Monaden an. Die Figuren schauen nicht aufeinander, sondern auf das Wasser – auf ihre mögliche Reflexion an der Oberfläche.

Kommissar Murot macht Urlaub. Wenn Murot Urlaub macht, dann fährt er mit seinem NSU Ro 80 (ein Oldtimer aus der NSU Motorenwerke AG) in die Sommerfrische in den Taunus. Jemand wie Murot meidet das, was man so Freizeitvergnügen nennt, Menschenansammlungen sind ihm zuwider (außer bei seiner eigenen Beerdigung). Oder wie es an anderer Stelle heißt: Murot liebt die Menschen, er erträgt nur ihre Nähe nicht. Muss man ihn deswegen einen Hagestolz nennen? Gegen Frauen hat er nichts im Besonderen, vor allem, da ihm in dieser „Tatort“-Folge plötzlich eine schöne, aber merkwürdige Ehefrau, Monika (Anne Ratte-Polle), zufällt. Einstweilen aber sitzt er im Garten eines Gasthauses (gedreht wurde unter anderem in Königstein im Taunus), trägt einen Stroh-Trilby nebst Leinenanzug zu geflochtenem Schuhwerk und schreibt eine Postkarte an seine Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp): „Es heißt, die beiden schönsten Dinge sind die Heimat, aus der wir stammen, und die Heimat, nach der wir wandern. Und ich muss zugeben, wie gut es mir tut, dem vertrauten Raum zu entkommen. Es wächst der Mut, das Gewohnte abzulegen und sich gänzlich neu zu entdecken. Die Heimat, nach der wir wandern, vielleicht wandelt sie ja auch uns. Wer weiß, vielleicht kehre ich ja auch schon bald als ein anderer wieder zu Ihnen zurück.“

In Boenfelds mephistophelisch beleuchteter Gartensauna

Wächter verliest die Worte – wie Murot sie auf einer einzigen Postkarte untergebracht hat, bleibt sein Geheimnis –, die zwar rührend, aber ohne Zitatangabe, also geklaut sind. So wie vieles in „Die Ferien des Monsieur Murot“, einem neuen Murot-Kriminalfilm zum Filmzitate aufspüren und Bildungsbegrabenes heben: Die Zeilen stammen von Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1814) – doch aus dem Spiel mit Reisepoesie wird bald wörtlich genommen tödlicher Ernst. Der Anlass ist eine Schweinshaxe, deren Soße auf der empfindsamen Postkarte einen unschön prosaischen Abdruck hinterlässt. Die Haxe gehört zu Walter Boenfeld (auch Tukur, gedoubelt von Jochen Horst), einem lauten Menschen, Goldkettchenträger, Musterhemdenliebhaber und Oldtimer-Händler. Nach einer existentiellen Schrecksekunde trinken die Doppelgänger einen über den Durst und geben sich in Boenfelds mephistophelisch beleuchteter Gartensauna, Alkoholdünste schwitzend wie die Honoratioren in des Gespenster-Hoffmanns „Goldenem Topf“, Gedankenspielen hin. Rollentausch. Boenfeld schnappt sich Murots Anzug, und Murot belächelt die Absurdität von Boenfelds Klamotten, schlüpft aber hinein. Er erwacht auf der Hollywoodschaukel tatsächlich als ein anderer.

Denn Boenfeld wurde in der Nacht auf der Landstraße mit Vorsatz überfahren – als er selbst oder als Murot. Der spielt nun, während die Kollegen seine Beerdigung organisieren („es sind aber wenige gekommen“), Monika Boenfelds Ehemann und will seinen – wessen? – Mörder selbst finden. Monika, schockiert, als sie ihren Mann sieht, könnte die Täterin sein. Vielleicht sind auch die Nachbarn Peter (Thorsten Mertens) und Birgit Lessing (Carina Wiese) verwickelt. In einem denkwürdigen gemischten Tennisdoppel auf dem Court im Bad Homburger Kurpark schlägt Murot kurios auf wie weiland Jacques Tati in „Die Ferien des Monsieur Hulot“ (1953). Mit Tati, so Tukur, teile sein Murot die „Abneigung gegen die sinnlosen Umtriebe der Moderne“. Das ist ganz nach Murots Geschmack: Hier gibt es Telefone, die noch Strom aus der Steckdose beziehen. Da der Kommissar in diesem Fall über die Länge allerdings als Walter Boenfeld gröbere Facetten zeigen muss, ist „Die Ferien des Monsieur Murot“ weniger humoristisch-feinsinnig als gelegentlich grobschlächtiger doppelbödig. Anwesend ist Murot als Zitat seiner selbst – neben vielen anderen Zitaten, gesuchten Anachronismen und einem gelungenen Spaß an der Verwechslung. Grzegorz Muskala (Regie und Buch) und Ben Braeunlich (Buch) halten die zeithistorischen Ausflüge mit feinen Gummibändern des intellektuellen Scherzes zusammen. Die Atmosphäre von zeitenthobener Sommerfrische, die das Morbide des nahenden Herbstes schon mit umfängt, kreiert neben Tukurs hintersinniger Darstellung vor allem die gelungene Bildgestaltung von Carol Burandt von Kameke.

Tatort: Die Ferien des Monsieur Murot, Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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