„Tatort“ aus Berlin

Karaoke und Katharsis

Von Axel Weidemann
14.11.2021
, 17:31
Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) bei einem ihrer letzten gemeinsamen Einsätze.
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Viel Sex, kaum Liebe – und Kommissare, die neben sich stehen: Der „Tatort“ aus Berlin präsentiert sich als traurige Parade erloschener Menschen.
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Zu sehen ist wenig von den Körperlichkeiten, die hier ständig und gern ausgestellt schnoddrig bis vulgär behauptet werden. Der eine macht’s mit Männern, der andere schaut zu, wie es eine Frau mit der anderen macht, und bekommt dann selbst Lust. Wieder andere werben für Sex mit ihnen als „Tiefenrausch“, während jene, um die nicht geworben wird, danebenstehen und ins Leere blicken. In diesem unübersichtlichen Treiben fragt Kommissar Karow (Mark Waschke), fest eingehüllt in sein fadenscheiniges Mäntelchen aus Zynismus, ob er sich sein „intimes Souvenir“, das ihn seit Neustem plagt, wohl ausgerechnet bei Kollegin Rubin (Meret Becker) eingefangen habe. Er hat „Matrosen am Mast“.

Im „Tatort: Die Kalten und die Toten“ sucht jeder verzweifelt nach Nähe. Verständlich, denn Berlin kann im Winter zu einem ungastlichen Ort werden, der abseits hellerleuchteter Fenster wenig Geborgenheit bietet. Was der Zuschauer von der Hauptstadt sieht, ist meist von einem grauen Schneeschleier bedeckt, durch den Stein, Beton und Asphalt jedoch stets sichtbar sind. Neben dem zugefrorenen Engelbecken in Kreuzberg wird die geschundene Leiche einer jungen Frau gefunden. Ein kurzer Blickwechsel zwischen Karow und dem Heiligen Michael, dessen Statue auf der gleichnamigen Kirche wacht, bleibt ergebnislos.

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Der Zuschauer aber kennt den ersten Verdächtigen bereits: ein junger Mann namens Dennis Ziegler (Vito Sack), der in der Tatnacht mit der jungen Medizinstudentin verkehrt haben soll, aber vorgibt, von nichts zu wissen. Seiner Mutter Doris (Jule Böwe), einer Streifenpolizistin, erklärt er, sie möge bitte seine Wohnung putzen. Auf die Frage, ob „wieder irgendwas“ war, raunzt er, sie möge sich nicht so anstellen, wenn er sie um etwas bitte. Ein Signalsatz dafür, dass es das Publikum mal wieder mit einer dieser toxischen Mutter-Sohn-Beziehungen zu tun bekommt, von denen „Tatorte“ nicht lassen können: Übertrieben genug, um den gerechten Zorn in den Herzen deutscher Mütter und Väter am Sonntagabend zu entfachen, gleichzeitig so menschelnd, dass man den ausgestreckten Zeigefinger auf die kollektive Therapiebedürftigkeit der Zuschauer auf der Brust zu spüren meint.

Auf der Suche nach sexuellen Abenteuern: Dennis Ziegler (Vito Sack) und Julia Hoff (Milena Kaltenbach) wissen mehr als sie sagen.
Auf der Suche nach sexuellen Abenteuern: Dennis Ziegler (Vito Sack) und Julia Hoff (Milena Kaltenbach) wissen mehr als sie sagen. Bild: rbb

Um sich dem Duktus und der Geschichte dieses „Tatorts“ (Regie Torsten C. Fischer, Buch Markus Busch) sprachlich anzunähern, könnte man sagen, hier ist wirklich alles im Arsch – und es wird zunehmend schlimmer. Auch bei Karow und Rubin scheint der Lack ab. Beide wirken erloschen. Wir sehen sie in Gesprächen und Vernehmungen, die von Überforderung und Gereiztheit zeugen. Der Einzige, der die von Nina Rubin herbeigesehnte Lebensfreude ausstrahlt, ist Kollege Malik Aslan (Tan Caglar), dessen Auftritt allein darunter leidet, dass ihm das Drehbuch aufträgt, den Zuschauer in jeder Szene darauf hinzuweisen, dass er im Rollstuhl sitzt.

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Die Studentin, die „sich was dazu verdient“

Also gut: Malik Aslan sitzt im Rollstuhl – ist aber hilfreicher als alle anderen Figuren zusammen. Er ist nicht nur ein begeisterter Karaoke-Sänger, sondern spürt die Konten der am Fall Beteiligten auf einer Dating-App für zwangloses Beisammensein auf. Auf ihr war nicht nur das Opfer aktiv, manchmal gegen Geld (das Klischee der leistungsstarken Studentin, die sich „was dazuverdient“, stirbt zuletzt), sondern auch Claus (Andreas Döhler), der Vater des verzogenen Problem-Sohns. Dieser ist ein leidenschaftlicher Taucher und sucht auf seinem Dating-Profil Frauen zum „Spielen, Verwöhnen und mehr“.

Doch in diesem passiv aggressiven „Tatort“, in dem sich alle Gewalt nur in den Gesichtern oder Körpern der Figuren widerspiegelt, aber nicht gezeigt wird, findet niemand zusammen: Die Kommissare finden vor lauter „Psychokram“ (Karow) weder zueinander noch in den Fall. Die Eltern des Opfers finden nicht zur Wahrheit. Nur die Mutter von Dennis weiß, was los ist, und will es doch nicht wahrhaben. Alle Figuren geben sich wie die zugefrorenen Gewässer, die hier von Theo Bierkens’ Kamera in ihrer unschuldigen Kälte inszeniert werden. Der „Tatort“ bleibt jedoch vollauf damit beschäftigt, sich durch ihre Eisschicht zu meißeln, und schafft es selten, in eine seiner Figuren einzutauchen. Auffällig sind die Kontraste: Während eine lässige, App-basierende Promiskuität nach Berliner Prägung behauptet wird, werden sexuelle Orientierungen auf eine Art thematisiert, als befände man sich in der tiefsten bayerischen Provinz.

Seitenhiebe auf Zeitgenössisches bleiben kleinlaut bis fehl am Platz: Obwohl im ganzen Film kaum je eine Maske zu sehen ist, muss ausgerechnet der leidende Vater des Opfers sagen, dass DNA-Tests ja wohl ähnlich unsicher seien wie die „Corona-Tests“. Und während Meret Becker, die sich im Juli für ihre Teilnahme an der kontrovers diskutierten Aktion #allesdichtmachen, in der Künstler und Filmschaffende die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung kritisierten, entschuldigt hatte, nun als Kommissarin stumm danebensteht, fällt Karow nicht mehr ein als: „Ja, genau“. So stehen Figuren und Schauplätze nebeneinander. Jeder agiert für sich, allein auf, unter und hinter dem Eis. Danach wünscht man den Kommissaren fast mehr, als man es sich selbst wünscht: Urlaub.

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Der Tatort: Die Kalten und die Toten läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Trailer: „Tatort“ aus Berlin
„Tatort: Die Kalten und die Toten“
Video: ARD, Bild: rbb/ARD Degeto/Aki Pfeiffer

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Weidemann, Axel
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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