„Tatort“ aus Frankfurt

Manche Fälle vergisst man nie

Von Heike Hupertz
19.04.2020
, 17:50
Kommissarin mit Vergangenheit: Hannelore Elsner als Suchende im „Tatort: Die Guten und die Bösen“.
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Das Gewissen, die Skeptikerin, die Büßerin: Im „Tatort: Die Guten und die Bösen“ sehen wir Hannelore Elsner in einer ihrer letzten großen Rollen. Sie spielt eine Kommissarin, die nicht aufhört, nach Gerechtigkeit zu suchen.
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Da sitzt sie, die Türhüterin vor dem Gesetz aus Kafkas Erzählung. Das Tor steht weit offen, aber man kann nicht durch, zuerst muss man die Hüterin studieren und befragen. Sie ist eine untere Bewacherin des Gesetzes, wie sie sagt. Das Bild der Kamera fokussiert sich neu: Jetzt ist die Frau selbst die Fragende vor dem Gesetzestor, durch das sie hindurch will, um Recht zu bekommen. Und scheitert. Sie fragt weiter, auch nach der eigenen Rolle. Sie spricht in ein Diktiergerät, arbeitet sich beharrlich vor.

Hannelore Elsner spielt im Frankfurter „Tatort“ die Türhüterin, nicht die allergrößte Rolle, aber eine der wichtigsten in diesem Fall von Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch). Hannelore Elsner war krank, sie verstarb kurz nach den Dreharbeiten. Am 21. April jährt sich ihr Todestag zum ersten Mal. In „Die Guten und die Bösen“ ist sie eine ganz heutige Zweiflerin, vor allem aber eine Figur aus dem Kafkaschen Erzählkosmos von Schuld qua Menschsein. Elsner spielt Elsa Bronski, eine pensionierte Kommissarin, die sich im Keller des Präsidiums eine Aktenkammer gebaut hat. In der sitzt sie wie der Leib des Gewissens in einer Monstranz ungelöster Fälle.

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Sie arbeitet sich ab an ungelösten Fällen ihrer Karriere, Akte für Akte, Tag für Tag. Wie lang braucht man wirklich für bestimmte Wege? Wo wirkt ein dreißigjähriges Alibi in der Rückschau fadenscheinig? Warum geht sie nicht in Pension wie andere auch? „Da ist noch zu viel Zeug in meinem Kopf“, das ist Bronskis einzige Erklärung. Gefährte ist ihr Hund, der inmitten der Kellerpfützen mit dem Ball spielt. Und es sind die vielen Toten, deren Mörder nicht überführt werden konnte.

Moralische Fragen – handfest diskutiert

Hannelore Elsner spielt ihre Rolle, das Gewissen, die Skeptikerin, die Büßerin des Frankfurter Polizeipräsidiums mit zarter Präzision, ohne große Geste, reduziert auf das Wesentliche. Nichts Damenhaftes, keine Grandezza verleiht sie ihrer Elsa Bronski, aber durchaus wehmütigen Witz. Das Leben bleibt unvollendet, selbst im Tod, solange sie niemanden überführt hat. Behielten wir sie nur für diese vermächtnishafte Rolle in Erinnerung, sie wäre eine große Schauspielerin gewesen.

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Aber in ihren ungefähr zweihundert Rollen war viel mehr. Schon in den Neunzigern gab sie „Die Kommissarin“, einmalig komisch war sie in „Alles auf Zucker!“, herausragend im Psychodrama „Die Unberührbare“, elegant-spöttisch in Matti Geschonnecks „Ein großer Aufbruch“, in dem der Tod als größter Witz auftrat. Viele Genres lagen ihr, doch in den späteren Filme sieht man ihre Strahlkraft am deutlichsten. In „Die Guten und die Bösen“ geht es um das, was im angelsächsischen Raum „unfinished business“ heißt, Vorkommnisse und Fälle, die Polizisten so an die Nieren gehen, dass nachher nichts mehr so ist wie vorher. Für die beteiligten Ermittler war etwa der Mord an Jakob von Metzler ein solcher Fall, auch ohne die anschließenden dienstlichen Konsequenzen. Im Polizeifilm- und Krimigenre wird das Thema immer wieder bespielt, etwa in dem „Polizeiruf 110: Und vergib uns unsere Schuld“, in dem sich Karl Markovicz als Mörder und Matthias Brandts Hans von Meuffel ein Sühneduell liefern. Während aber „Und vergib uns unsere Schuld“ eine eher römisch-katholische Zielrichtung hat – es geht um die persönliche Beichte –, mag es „Die Guten und die Bösen“ auf der Handlungsebene pragmatischer, diskutiert moralischen Fragen handfest und lösungsorientiert.

Und über die Maßen anschaulich: Das Präsidium, in dem Janneke und Brix mit Karaoke und Schnaps die Nacht durchzechen (mit einem kurzen Gesangsauftritt von Zazie de Paris) wird umgebaut. Das Unterste ist zuoberst gekehrt. Überall sind Bauplanen, tauchen Handwerker auf, führen Türen ins Nichts. Werkzeuge verstellen den Weg, die Bürocontainer für die Interimszeit sind noch nicht geliefert. Fast alles findet auf den Gängen statt, die Ermittler sind froh, wenn sie eine Sitzgelegenheit finden. Improvisieren ist angesagt. Ausgerechnet jetzt ist mit Frau Dor (Dennenesch Zoudé) eine Beraterin im Haus, die Kommunikationsförderung coacht. „Change Management“ ist ihr Spezialgebiet, mit einer Frage will sie den Veränderungsprozess anstoßen: „Was sind ihre Werte als Polizist?“ Später sollen Videos gedreht werden fürs Intranet. Brix und insbesondere Janneke reagieren spöttisch, aber die Frage rumort in ihnen. Klar: Als Teil des Systems sind sie die Guten. Aber was heißt das?

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Wie bleibt der Begriff des Guten intakt?

In diese Unortsstimmung (Kamera Jan Velten, Szenenbild Manfred Döring) bricht am Morgen die Nachricht eines Mordes ein. Der Kollege Ansgar Matzerath (Peter Lohmeyer) fährt die Kommissare zu einer Waldhütte, in der ein nackter, gefolterter Toter gefesselt auf einem Stuhl sitzt. Matzerath gesteht sofort. Er besteht auf kaltblütigem, vorsätzlichem Mord, obwohl die Kollegen ihm im Verhör Brücken bauen. Der Tote hatte Matzeraths Frau vor Jahren in seiner Gewalt und fünf Tage und Nächte bestialisch vergewaltigt. Es war Elsa Bronskis Fall, sie hatte den Täter nicht ermitteln können. „Die Guten und die Bösen“ wendet sich dem Thema Selbstjustiz zu, aber anscheinend mehr, um das Thema Rache abzurunden. Drehbuchautor David Ungureit will auf anderes hinaus. Während alle anderen ein relativierendes Verständnis von Gut und Böse haben, sind Matzerath und Bronski Systemdenker. Wer das System durch die Tat in Frage stellt, muss als Böser bestraft werden. Nur dann bleibt der Begriff des Guten intakt. Regisseurin Petra K. Wagner macht in diesem Film, einem Projekt der früheren HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen, aus dieser Reflexion kein dröges Proseminarwerk, sondern einen außergewöhnlich visuellen Film, der entscheidende Quentchen von Selbstironie enthält.

Trailer
Tatort: Die Guten und die Bösen
Video: HR, Bild: HR/Degeto

Das Präsidium im Abrisszustand spielt die leerstehende ehemalige Neckermann-Zentrale im Frankfurter Gewerbestadtteil Fechenheim. Ein Gebäude, dem man außer guten Dialogen eigentlich nichts hinzufügen muss. Die schmalen Flure, so heißt es, sind hier 250 Meter lang. „Fishbowl“-Besprechungen, wie sie die um ihre Kontrolle gebrachte Frau Dor empfiehlt, sind hier nicht möglich, „Arbeiten 4.0“ bleibt ein Fremdwort. Nötig bleibt eine Vorstellung was das Gute am „Die Guten sein“ ist.

Als Zuschauer weiß man vieles von Anfang an, vor allem: Wer der Mörder ist. Auch seine Motive erschließen sich bald. Das Zentrale sind die Figuren. Ermittler, die sich schwer tun mit ihrem „Mission Statement“. Weil es mit gewisser Berufserfahrung nicht mehr leicht vorzubringen ist. Matzerath und Bronski geben Janneke und Brix zu denken. Macht das einen Unterschied in der Praxis? Man möchte es hoffen. Und ohne Hannelore Elsners Darstellung wäre dieser, ihr letzter Fall, fundamental unvollständig.

Der Tatort: Die Guten und die Bösen läuft am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD.

Quelle: F.A.Z.
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