„Polizeiruf“ aus Rostock

Für einen Zickenkrieg sind sie nicht zu haben

Von Heike Hupertz
24.04.2022
, 16:00
Kommen ganz gut miteinander zurecht: Lina Beckmann (li.) und Anneke Kim Sarnau als Kommissarinnen
Video
Im „Polizeiruf“ aus Rostock tritt Lina Beckmann als Kommissarin Melly Böwe an. Dass sie die Halbschwester ihrer verschwundenen Liebe Sascha Bukow ist, belastet die Kommissarin Katrin König. Aber das löst sich.
ANZEIGE

Aufstehen, sammeln, geradeaus schauen, weitermachen. Vor allem kein Selbstmitleid. Zwei Monate ist Sascha Bukow im neuen Rostocker „Polizeiruf“ schon weg. Im letzten Fall, „Keiner von uns“, holte ihn seine dunkle Familienvergangenheit ein, gerade als Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und er ihre Liebe mit Plastikblumen und improvisiertem Ring offiziell machen wollten. Jetzt gibt sie sich morgens Kommandos, hört Motivationspodcasts und knetet Sauerteig, so was soll ja entspannen.

Der Sauerteig gelingt nicht wirklich

Nicht allerdings König. Wäre ihr zusammengeschlagener Sauerteig ein Verdächtiger, müsste man sich wie früher Sorgen um ihre Beamtenstellung machen. Weswegen Henning Röder (Uwe Preuss), väterlicher Vorgesetzter, sie persönlich abholt und zum nächsten Tatort fährt. Er bietet ihr im Auto den Posten der Teamleiterin an. Arbeit war und ist für König immer die sichere Nummer gewesen. In „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“ bekommt sie Vorzeichen eines Neustarts, möglicherweise als Chefin.

ANZEIGE

Der Fall: ein Doppelmord in der Einfamilienhaus-Vorstadthölle. Die Opfer sind eine Mutter und ihr schwer behinderter Sohn. Sie liegt erstochen in der Küche, ihr seit einem Mountainbike-Unfall gelähmtes Kind David (Paul Ahrens) in seinem Spezialbett, gestorben an einem Schlaganfall, weil niemand rechtzeitig seine Infusion wechselte. Der Vater zog vor einem Jahr aus, weil er das Elend des einzigen Kindes und die Rund-um-die-Uhr-Pflegebedürfnisse nicht mehr aushielt.

Trailer
„Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“
Video: ARD, Bild: dpa

Die Aufklärung scheint klar. Flüchtig ist Max (Alessandro Schuster), Davids Freund und Pflegekind der Nachbarsfamilie Genth. Jule Genth (Susanne Bormann), hochschwanger, und ihr Mann Holger (Jörn Knebel), ein eher weinerlicher Typ, kamen mit dem medikamenten- und drogenabhängigen Pflegesohn schwer zurecht. Wer den Sechzehnjährigen findet, hat den Fall gelöst. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Katrin König ist genervt, als im Haus der Genths eine alte Bekannte vor ihr steht und die Suche nach dem Jungen übernimmt. Melly Böwe (Lina Beckmann) von der Bochumer Kripo kennt nicht nur König, sondern auch das Publikum bereits. In der Folge „Sabine“ tauchte Böwe als Halbschwester von Bukow bei der Beerdigung des gemeinsamen Vaters Veith auf. Die Spannungen zwischen den entfremdeten Geschwistern waren mit Händen zu greifen. Man vertagte sich auf Irgendwann-einmal. Für eine Aussprache ist es nun zu spät.

ANZEIGE

Der Neuanfang ist gelungen

Für Königs Irritation hat das Drehbuch von Florian Oeller (aus dessen Feder auch die Folge „Sabine“ stammt) nur vorübergehend etwas übrig. Wichtiger als Befindlichkeiten sind Ermittlung und Lösung. Röder pfeift die Rostocker erst einmal zurück. Max ist im Zeugenschutz, wird von Böwe betreut. Pöschel (Andreas Guenther) und Thiesler (Josef Heynert) sollen lieber die zahlreichen Dating-Bekanntschaften der toten Mutter befragen. Der Reigen der Gelegenheitssexprotze ist beachtlich. Rike Sommer war offenbar nicht wählerisch, wenn es um Momente der Ablenkung von der Pflege ging. Dass die Tage der derben Kommentare im Präsidium vorbei sind, stellt König schon mal klar. Für einen Zickenkrieg steht sie ebenfalls nicht zur Verfügung. Genau wie die emotionalere, weichere Melly Böwe, die vor der Fahrt nach Rostock ihrer fast erwachsenen Tochter noch Muffins gebacken hat. Mit Liebe, aber offenbar ohne Expertise, wie König später merkt. Als die Kommissarinnen schon gemeinsam auf Max’ Spur sind und ihn im Bootshaus der todkranken Ursula (Anika Maurer) aufspüren.

Der Regisseur Stefan Krohmer, für eher nüchtern gefilmte Beziehungskisten und Familiendramen bekannt, und die Kamera von Carol Burandt von Kameke setzen Oellers Drehbuch als vielfach variierte Familienaufstellung überzeugend um. Nicht die Rostocker Unterwelt, nicht die organisierte Kriminalität oder ein psychopathischer Täter, sondern unterschiedliche Beziehungen von (Pflege-)Kindern und Eltern, quasifamiliäre Wahlverwandtschaften, geschenkte Fürsorglichkeiten, verpflichtende Abhängigkeiten und Verantwortungsübernahme (oder deren Abwesenheit) stehen im Zentrum von „Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“.

ANZEIGE

Fast zu deutlich agieren alle Frauenfiguren in Küchen, dem Kümmerort von Familien. Selbst Tätigkeiten wie das Backen können hier verschiedene Absichten und Wirkungen haben. Man erfährt erst einmal genug über Melly Böwe und mehr über Katrin König. Auch sie war ein Pflegekind, hat sich bemüht, den Erwartungen ihrer – liebevollen – Pflegeeltern gerecht zu werden. Das perfekte Kind sein zu müssen, sagt sie in einer Befragung, das schulde man denen, die keine eigenen haben könnten. In Zukunft hat sie es mit einer alleinerziehenden Mutter als Kollegin zu tun, die sie stets an ihre Liebe Bukow erinnern wird. Zugetan sind sich die Frauen am Ende dieses „Polizeirufs“ schon einmal. Der Neuanfang ist gelungen. Bloße Kuschelbeziehungen wird es in Rostock allerdings nicht geben.

Polizeiruf 110: Seine Familie kann man sich nicht aussuchen, Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE