„Polizeiruf“ aus Rostock

Wie viel kann ein Mensch verlieren?

Von Heike Hupertz
19.01.2020
, 17:00
Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) machen einen grausigen Fund: Szene aus „Polizeiruf 110 – Söhne Rostocks“.
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Ein schwerreicher Selfmademan ist auf der Flucht, nicht nur vor der Polizei, sondern auch vor seiner Insolvenz. Im „Polizeiruf“ sind Bukow und König einem einst sehr erfolgreichen Verdächtigen auf der Spur.
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Für einen Jungunternehmer des Jahres sieht Michael Norden (Tilman Strauß) gerade ziemlich bescheiden aus. Nachdem ein Jugendfreund blutbeschmiert aus der Garage seiner clean-schicken Villa getaumelt und zufällig in Sascha Bukows (Charly Hübner) Armen gestorben ist, ist der hofierte Manager auf der Flucht. Vor der Polizei und der Insolvenz zugleich, da er sich mit Termingeschäften böse verspekuliert hat. Liquidität muss her, sofort. Ein Mörder könnte dieser Selfmademan außerdem sein. Mit jedem äußerlichen Karriereattribut – teure Uhr, edler Maßanzug, seltener Porsche, Niemand-kann-mir-was-Miene –, das er auf seinem Albtraumtrip in Drogendealer-Tiefgaragen und heruntergekommene Laubenkoloniebuden aufgibt, verliert er den Habitus des Selbstsicheren. Bis zur völligen Entäußerung der Person. Ecce homo, eine haltlose Gestalt, ohne Ausweis, identifikationslos im Allerwelts-Kapuzenparka.

„Söhne Rostocks“, nach einem Buch von Markus Busch („Am Abend aller Tage“) verfilmt von Christian von Castelberg, ist, mehr noch als Krimi, eine psychologische Doppelstudie mit Nebenfiguren. Die eigentliche Ermittlung läuft zwar handlungstreibend mit, aber Aufmerksamkeitsbrennpunkte bilden die Situationen, die für beide Hauptfiguren existentiell werden.

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Eine davon ist Norden. Werte sind für ihn etwas, was sich in Excel-Tabellen eintragen und mit immer neuen Formeln hin und her schieben lässt. Solidarität mit Schulfreunden übersetzt sich in gegenseitige Abzocke. Seine viel jüngere Freundin, deren Luxustrophäen er für Begleitdienste gegenfinanziert, wohnt separiert.

Die Idealismusbeauftragte ist abgelenkt

Die Maximen- und Charakterstudie liefert das Buch bedeutungsüberschussfrei aus. Nachdem der Verdächtige, vaterlos aufgewachsen, seinen unbekannten Erzeuger in einem Armengrab in Belgien gefunden hatte, kehrte er, innerlich heimatlos, vor einigen Jahren mit dem fokussierten Willen zur Vermögensbildung nach Rostock zurück. Sein Mentor wurde der Immobilienmogul Stefan Larges (Germain Wagner), der die eigene Skrupellosigkeit wenigstens mit Kunstsinn verbrämt. „Manisch-aggressiv“ sei sein Schützling gewesen, „der geborene Businessman, das hat mir gefallen. Gier ist gut, und Risiko ist so notwendig wie Selbstzweck. Am Ende ist Geld besser als Sex.“ Larges’ länglicher Vortrag zum Primat des Maximalmarktwirtschaftlichen, mit dem er bei den Rostocker Kommissaren König (Anneke Kim Sarnau) und Bukow tauben Ohren predigt, rückt die Mörderhatz noch weiter in den Hintergrund.

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Dieser „Polizeiruf“ ähnelt mehr und mehr der wilden Jagd nach dem Gral der Motivation, die ihre Jünger frisst. Die Kamera von Martin Farkas hält dagegen und gestaltet mehr die Schlaglichter der Szenerie, Genauigkeit ausleuchtend bis in die abblätternden Tapetenwinkel des Altbaus von Nordens Jugendliebe Beate Hövermann (Katharina Behrens) und ihrem siebzehnjährigen Sohn Jon (Oskar Belton).

Die Idealismusbeauftragte König, für deren Integrität nicht nur Dienststellenleiter Henning Röder (Uwe Preuss) die Hand ins Feuer legt, ist allerdings abgelenkt. Im Fall „Für Janina“ sah man vor einiger Zeit ihren unerhörten Sündenfall. Um Guido Wachs (Peter Trabner) für eine besonders widerwärtige, lang zurückliegende Tat dranzukriegen, fälschte sie aus Gerechtigkeitsgefühl Beweise, so dass er für einen anderen Frauenmord – unschuldig und stellvertretend – verurteilt wurde. Einige Folgen später holt ihre Tat sie nun ein. Wachs meldet sich aus der Haft mit vagen Drohungen, schickt Briefe. Königs wachsende Gewissensqual, ihr Wunsch, reinen Tisch zu machen, und ihre private Haltlosigkeit, die nicht weniger wirkmächtig ist als die des Verdächtigen Norden, bilden die zweite Porträtstudie des Films. Bukow wird sich einmischen. Die horizontalmoralische Geschichte der Rostocker geht weiter. Dass sie wesentlich interessanter, vor allem aber abgründiger ist als der behandelte Kriminalfall, gibt zu denken.

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Polizeiruf 110 – Söhne Rostocks, an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Fernsehtrailer
„Polizeiruf Söhne Rostock“
Video: ARD, Bild: NDR/Christine Schroeder
Quelle: F.A.Z.
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