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FAZ.NET-Tatortsicherung

Gefährliches Aspirin?

Von Eva Heidenfelder
 - 21:45
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Schon mehrere Tage liegen zwei Menschen tot in einem einsam gelegenen Wohnhaus bei Nürnberg, mit großer Brutalität hat ihr Mörder auf sie eingeschlagen. Der Libyer und seine Schwester kamen vor 15 Jahren nach Deutschland und galten als gut integriert.

Doch nicht nur dieser Fall erschüttert Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel). Sie muss gleichzeitig den plötzlichen und rätselhaften Unfalltod ihres früheren Kollegen Frank Leitner (Andre Hennicke) verkraften, dem sie sehr nahe stand.

Ihr Kollege Felix Voss (Fabian Hinrichs) sorgt sich indes um den Verbleib von Ahmad, dem Ziehsohn des Ermordeten. Er wurde als vermisst gemeldet – ist ihm seine Zeugenaussage in einem Prozess gegen drei rechtsradikale Jugendliche zum Verhängnis geworden?

Erneut überfrachten die Autoren den bereits vierten Franken-„Tatort“ mit vielen Handlungssträngen und Details. Wir haben einige mit Fachleuten besprochen..

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Frage 1: Ein depressiver Mann kommt mit seinem Auto von der Straße ab und verunglückt tödlich. Als Grund wird eine Kombination aus Antidepressiva und Acetylsalicylsäure vermutet, die in seinem Blut gefunden wurde. Außerdem gibt die ermittelnde Kommissarin am Ende des Films an, er sei „erstickt“ (Minute 86). Ein plausibler Hergang?

Antwort von Prof. Dr. Peter Betz (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg):

Bei den handelsüblichen Antidepressiva unterscheidet man insbesondere zwischen den tryziklischen Substanzen, den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern sowie den MAO-Hemmern. Der Effekt dieser Medikamenten-Typen ist allerdings recht ähnlich: Der Spiegel von Botenstoffen wie Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin, die antriebssteigernd und stimmungsaufhellend wirken, wird künstlich erhöht. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gibt es unzählige. In Kombination mit bestimmten Betablockern beispielsweise können sie deren blutdrucksenkende Wirkung verstärken oder den Blutdruck sogar bis zum Kreislaufkollaps rapide abfallen lassen. Auch die Wirkung von ASS kann unter Umständen durch eine gleichzeitige Einnahme von Antidepressiva verstärkt werden. Der Blutverdünner, auch bekannt unter dem Markennamen Aspirin, wird beispielsweise nach einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall gegeben und sorgt dafür, dass die Aggregation der Blutplättchen, also deren Verklumpung, gehemmt und somit die Gefahr einer erneuten Gerinnselbildung in einer Herzkranzschlagader oder einer Hirnarterie reduziert wird. Insbesondere in Kombination mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern erhöht sich jedoch das Risiko für eine Magen-Darm-Blutung. Dies ist allerdings erst bei einer längeren Einnahme zu erwarten. Von einer Wechselwirkung von ASS und einem Antidepressivum, die zum „Ersticken“ führen soll, habe ich wiederum noch nie gehört. Denkbar wäre allenfalls eine Unverträglichkeit mit ASS oder einem Antidepressivum, was im schlimmsten Fall zu einem Anschwellen der Luftwege und Atemnot führen kann oder eine extreme Überdosierung des Psychopharmakons mit atemdepressiver, also atemverlangsamender Wirkung.

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Kommissar Voss: „Wie ist das passiert?“ – Mitarbeiter der Spurensicherung: „Vermutlich schweres Eisenrohr, so circa vier Zentimeter Durchmesser. Fünfzehn bis zwanzig Schläge pro Person, nur auf Kopf und Schultern, anscheinend mit wachsender Begeisterung.“ (Minute 5).

Frage 2: Noch am Tatort hat ein Mitarbeiter der Mordkommission schon den Tathergang parat – klingt nach einem gewagten Schnellschuss.

Antwort von Prof. Dr. Peter Betz:

Eine derart präzise Aussage bereits nach der ersten Inaugenscheinnahme eines solchen Tatortes ist in der Regel nicht möglich, da bei schweren Schädel-Hirn-Traumata infolge mehrfacher stumpfer Gewalteinwirkungen zu erwarten ist, dass das Blut am Schädel bereits stark angetrocknet ist. Deshalb können weder Anzahl noch Natur der Verletzungen ohne gründliche Reinigung der Leiche beurteilt werden. Und selbst dann werden Sie nicht definitiv feststellen können, ob es sich bei dem Tatwerkzeug, mit dem auf den Schädel eingeschlagen wurde, um ein Eisenrohr eines bestimmten Durchmessers gehandelt hat – es sei denn, Sie verfügen über hellseherische Fähigkeiten. Man kann anhand des Verletzungsmusters lediglich den Schluss ziehen, dass beispielsweise ein länglich geformter gegebenenfalls auch kantiger Gegenstand zum Einsatz kam.

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Kommissar Voss: „Der Täter war ungefähr Einsachtzig. Ich sage der Täter, weil sich die Kraft der Schläge mit ihrer Anzahl steigerte. Dazu muss man wissen, dass vermutlich schon jeweils der erste Schlag tödlich war. Alles deutet darauf hin, dass der Mann das erste Opfer war, die Schwester kam aus der Küche dazu und beide waren vermutlich innerhalb von Sekunden tot.“ (Minute 11/12)

Frage 3: Bei der Fallbesprechung gibt ein Ermittler an, dass bereits der erste Schlag sofort tödlich gewesen sein musste. Eine plausible Analyse ?

Antwort von Prof. Dr. Peter Betz:

Bei einem tödlichen Schädel-Hirn-Trauma infolge mehrfacher stumpfer Gewalteinwirkung innerhalb kürzerer Zeit ist es unmöglich festzustellen, welcher Schlag final tödlich war – zumal auch eine Hirnschwellung beziehungsweise blutungsbedingte Raumforderung innerhalb des Schädels die Todesursache sein kann. Bei einigen wenigen Brüchen des Schädeldaches könnte die sogenannte „Puppe“-Regel Aufschluss über die zeitliche Abfolge der Schläge geben. So fand der Rechtsmediziner Georg Puppe heraus, dass bei aufeinanderfolgenden Schädelbrüchen später entstandene Bruchlinien an zuvor entstandenen enden. Bei einer kompletten Zertrümmerung des Schädels ist dies jedoch unmöglich. Hinzu kommt, dass selbst eine schwere Verletzung des Schädels infolge stumpfer Gewalteinwirkung nur in extremen Ausnahmen sofort zum Tod führt - und zwar dann, wenn der Hirnstamm schwer verletzt wird. Der liegt aber verhältnismäßig tief und gut geschützt im Bereich der Schädelbasis. Bei einem Schädel-Hirn-Trauma, wie es hier vorliegen dürfte, dauert es jedoch eine gewisse Zeit, bis die Hirnschwellung beziehungsweise der Hirndruck so steigen, dass es zur Kompression des Hirnstammes und somit zum Ausfall der Regulation von Atmung und Kreislauf kommt. In Abhängigkeit von der Schwere der Verletzung und dem Umstand, das das Opfer eventuell auch Blut oder Erbrochenes einatmet, kann dies Minuten bis Stunden oder sogar länger dauern.

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Kommissar Voss: „Die Tatwaffe, ein sogenanntes Stahlbetonmoniereisen, schwirrt wahrscheinlich gerade auf, was weiß ich, 300 Baustellen in der Stadt herum. Die Chance, dass jemand so was vermisst ist also null.“ (Minute 11/12)

Frage 4: Die Opfer wurden mit einem Stahlbetonmoniereisen von vier Zentimetern Durchmesser erschlagen, das der Täter in einem Eisengeschäft gekauft haben soll. Was ist das eigentlich – und taugt es tatsächlich als Mordwaffe?

Antwort von Daniel F. Ulrich (Planungs- und Baureferent der Stadt Nürnberg):

Der Begriff „Moniereisen“ ist ein veraltetes Wort für Bewehrungsstahl. Es geht zurück auf seinen Erfinder, einen Franzosen namens Joseph Monier, der übrigens den Stahlbeton erfunden hat. Mit Moniereisen werden Stahlbetonbauteile bewehrt, also verstärkt. Es gibt es in verschiedenen Längen und Stärken. 40 Millimeter ist dabei jedoch der maximale Durchmesser bei den genormten Moniereisen und recht üppig bemessen, üblicherweise wird eine Stärke von 12 bis 14 Millimetern verwendet. Moniereisen werden in variablen Längen hergestellt und sind sehr schwer. Wenn sie in der Lage sind, ein Moniereisen von 40 Millimetern Durchmesser hochzuheben und es auf etwa 30 bis 50 Zentimeter zu kürzen, ist das wie ein Schlagstock. Wenn sie damit ordentlich ausholen, dann können sie damit ganz sicher einen Menschen erschlagen. Dass die Tatwaffe in einem Eisengeschäft gekauft worden sein soll, halte ich für eher unwahrscheinlich. In Nürnberg gibt es meines Wissens nach nur noch einen Großhandel, der Moniereisen verkauft. Da können sie auch mal nur 20 Stück kaufen. Aber nur eines? Da lacht der sie aus. Das Moniereisen sollte übrigens nicht verwechselt werden mit dem Montiereisen – ebenfalls ein veralteter Begriff. Das ist eine handelsübliche Brechstange, die sicher auch als Mordinstrument taugen würde.

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Quelle: FAZ.NET
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