„Tatort“ aus Köln

Gauner sind die besten Schauspieler

Von Heike Hupertz
06.02.2022
, 13:36
Fragezeichen: Moritz Seitz (Thomas Heinze) wurde aus der Haft entlassen, kann jetzt wieder alles werden wie früher – mit seiner Frau, in ihrem Haus mit Pool?
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Der Kölner „Tatort: Vier Jahre“ handelt von einem Mord und dem Schicksal zweier dafür Verurteilter, von denen einer wohl zu Unrecht ins Gefängnis ging.
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Bretter, die Welt bedeuten. Verkleidung, die Menschen kenntlich macht. Wenn Schauspieler in Filmen oder auf der Bühne Schauspielende geben, dann kann die Doppelbödigkeit von Fiktion und Realität apart werden. Oder peinlich wirken. Vergnüglich wird es für viele, wenn sich professionelle Wichtigkeit und Selbstbezogenheit zur Exaltiertheitsspirale vereinen. Das Vorurteil: Wer diesen Beruf wählt, ist Narzisst, der sein Inneres veräußert und als Planeten nur um sich selbst kreist. Doch wenn sich zur Übertreibung freilich Selbstironie gesellt, fängt der Spaß an. Wer erinnert sich noch an die satirische ZDF-Serie „Lerchenberg“ mit Sascha Hehn als „er selbst“? Eben. Und wenn es sich beim „Spiel-im-Spiel“ um Stars der Zunft handelt, wie auch im Kölner „Tatort – Vier Jahre“, in dem Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) in einschlägigen Kreisen zunehmend misstrauisch hin und her ermitteln, ihr Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) durch Abwesenheit glänzt und stattdessen eine angesäuerte Staatsanwältin, Melanie Novak (Renan Demirkan), den Hauptkommissaren die allerletzte Chance gibt, den wahren Täter im Mordfall Thore Bärwald (Max Hopp) zu ermitteln, dann ist die Story safe. Aber nicht die Wahrheit.

Zwei Verurteilungen gibt es im Fall Bärwald, wenn „Vier Jahre“ mit vielfach geschnittenen Handlungsschnipseln auf zwei Zeitebenen einsetzt. Das bleibt nicht übermäßig orientierungsherausfordernd, der Zeitverlauf glättet sich bald. Gezeigt werden zwei Prozesse für denselben Mord, zwei Mal lebenslänglich mit verminderter Schuldfähigkeit. Der erste mutmaßliche Mörder hat schon vier Jahre abgesessen, als der zweite die Schuld auf sich nimmt, nach dem Prozess ebenfalls einfährt und der andere, der stets seine Unschuld beteuert hat, entlassen wird. Schenk und Ballauf, beide Male beteiligt, beide Male Prozessbeobachter, glauben dem Zweiten, dem geständigen Ole Stark (Martin Feifel), kein Wort. Spätestens, als er im heruntergerockten JVA-Befragungsraum wie in einem künstlich zurechtgeschrumpften Bühnenzimmer zerfurcht und melodramatisch den „Woyzeck“ inszeniert. Um abzulenken? Das mit dem „im Himmel donnern helfen“, habe er sich in der Schule gemerkt, meint Ballauf gewitzt, während Schenk die Show bloß beäugt. Da sage noch jemand, literarische Bildung habe keinen praktischen Nutzen. Hier begründet sie die dringend benötigte Reflexionskompetenz der fiktiven Kölner Realitätsforscher-Polizisten.

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Die Klärung des Ganzen wird nicht einfach

Zwischen den zahlreichen Aufführungen der Verdächtigen – „die können das, die machen das beruflich“ – und dem dargestellten „Echten“ im Krimispiel dieses „Tatorts“ zu unterscheiden, darum geht es ziemlich unterhaltsam in „Vier Jahre“ auch für das werte Publikum. Das Drehbuch von Wolfgang Stauch und die Regie von Torsten C. Fischer bleiben dabei trotz der vorgeknöpften Spielereien bodenständig, so wie man es vom Kölner „Tatort“ kennt. Das mehr „Murot’sche“ (HR-„Tatort“), das Absurditätsmoment, geben sie nur in augenzwinkernden Prisen zu. Viel Gestaltungsraum hat dagegen die Kamera von Holly Fink. Sie erdet die Handlung leitbildlich durch das immer wieder verschiedene Um- und Einkreisen des Ortes, an dem der Mord in der Silvesternacht 2018, als im Garten des Schauspielerpaares Seitz die Egos Jahrmarkt feierten, stattfand. Ein ungewöhnlich geformtes, blaugestrichenes Loch im Garten. In Wirklichkeit, so heißt es im Pressetext, handele es sich um einen Bombentrichter.

Die Klärung des Ganzen wird nicht einfacher dadurch, dass Carolin (Nina Kronjäger), die Ehefrau des ersten Verurteilten Moritz Seitz (Thomas Heinze), des beliebten TV-„Tierarztes Dr. Schröder“, in einer Polizeiserie eine Beamtin spielt, von echten Polizisten wie Frank Heise (Florian Anderer) beraten wird und daher weiß, worauf es beim Spurenverwischen tatsächlich ankommt. Als Moritz entlassen wird, arbeitet sie als Bedienung, Frank ist bei ihr eingezogen, Nachbar Keller (Manfred Böll) beobachtet nach wie vor das burleske Treiben, und Tochter Lene (Sarah Buchholzer) versucht zu vergessen, dass sie in der Nacht des Mordes etwas durchaus Schmierenkomödienhaftes mit Bärwald hatte. Starks Frau Betti (Franziska Arndt) hält das prekäre Paar mit einem Kiosk über Wasser.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, auch das gehört zum Spiel mit Schauspielerstereotypen. Heute gecastet, morgen vergessen. Glamour und Fall, Lieben und Leiden. In „Vier Jahre“ sieht man vor allem den Kollegen Heinze, Feifel und Hopp und der Kollegin Kronjäger die feine Kunst an, spielend mit Gewissheit und Zweifel zu jonglieren. Nachdem gefühlt neun von zehn „Tatorten“ im Moment von „Gierbankern“ und verbrecherischen Finanzmachenschaften handeln, wirkt „Vier Jahre“ wie ein prima Ausflug ins gehobene Boulevard-Theater, in dem Unterhaltung Trumpf ist.

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Der Tatort: Vier Jahre läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Trailer
Tatort: Vier Jahre
Video: ARD, Bild: ARD

Quelle: F.A.Z.
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