SWR-Tatort mit echtem Gangster

Einen Wolf erklären

Von Heike Hupertz
26.12.2020
, 14:53
Der SWR-„Tatort“ wagt sich unter Türsteher und killt mit einem Erklärblock den ganzen Film. Immerhin wurde nach den Dreharbeiten ein echter Gangster gestellt.

Die junge Studentin lauscht andächtig, als der rheinland-pfälzische Innenminister Lenglich (Nils Düwell) ihr den Orientierungsvortrag hält. Um die „schwarze Null“ im Landeshaushalt zu erreichen, habe die Politik in den vergangenen zehn Jahren „drastisch bei der Sicherheit gespart“. Ob sie denn in der Uni auch die Folgen dieser Maßnahme behandelt habe? Die Volontärin (Anne-Marie Lux) hat auf dieses Stichwort gewartet: „Die Polizeibehörden sind personell unterbesetzt, die innere Sicherheitslage ist deswegen angespannt.“ „Richtig“, sagt Lenglich, der früher, wie es der Zufall will, Oberbürgermeister von Ludwigshafen war: „Die von Berlin 2015 verordnete Flüchtlingspolitik“ habe die Lage weiter verschärft. Jetzt aber werde seine Regierung die Missstände bei den Sicherheitsbehörden beheben. Doch man müsse Unruhe in der Bevölkerung durch Vorkommnisse „im Bereich der Ausländerkriminalität“ vermeiden. Alles klar, weiß das Publikum, ein Rechtspopulist – aber komm jetzt mal zu Potte, Drehbuch. Welche Funktion hat diese Frau im dramatischen Gefüge? Was ist ihre Aufgabe? Wo geht die kriminelle Reise des SWR-„Tatorts“ mit dem sprechenden Titel „Unter Wölfen“ hin?

Mit der Volontärin nirgends. Sie taucht nur in der einen längeren Szene auf, ein paar Minuten nach Beginn des Films, in reiner Anspielfunktion. Thomas Bohn (Regie und Buch) bringt dieses Mal – von den 72 Folgen des Ludwigshafener „Tatorts“ stammen bisher sieben von ihm – eine weitere Nachhilferolle ins Spiel: Stefano Mazza (Roberto Guerra) ist Ermittler bei der Drogenfahndung in Mannheim. Gelegenheit für Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), ihrer Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) zu erläutern, dass der Kollege nach den Sparmaßnahmen bei der Polizei jetzt auch ihr Revier mit abdecken muss. Er revanchiert sich, indem er beide lang und breit in die Organisationsstrukturen der Türsteher- und Clubszene einführt.

Ein international gesuchter Verbrecher als Komparse

Fernsehen von gestern: So hat man früher öffentlich-rechtliche Problemfilme gestrickt. Erläutert, was man nicht gezeigt hat, und besprochen, was einem zu komplex schien, um Ideen zur szenischen Umsetzung zu finden. Im besten Falle sind solche Erklärblocks retardierende Momente und erhöhen die Spannung. Im schlechtesten killen sie den ganzen Film. „Unter Wölfen“ gehört zur zweiten Kategorie. Dabei ist das Thema „Innere Sicherheit / Auslagerung hoheitlicher Aufgaben an private Unternehmen“ interessant und wichtig, sind Kamera und Lichtsetzung gelungen (Cornelia Janssen).

Timur Kerala, Clubbetreiber, der sich seit neuestem am Aufbau eines privaten Sicherheitsdiensts versucht, wurde nachts an der Ampel entführt und totgeprügelt, sein Ferrari ist verschwunden. Carnapping mit tödlichem Ausgang. Allerdings kam er dem Security-Platzhirsch Gerhard Arentzen (Thure Riefenstein) in die Quere. Arentzen, der auf einem von Männern in schwarzen Anzügen gesicherten Güterbahngelände in einem ausrangierten Pullman-Luxuswagen residiert und sich einen scharfgemachten Rottweiler namens Lothar hält (wenn die Story zu wenig Substanz bietet, deckt man sie mit Überflüssigkeiten zu), hat Verbindungen bis ins Innenministerium. Er stellt das Wachpersonal bei Polit-Pressekonferenzen und schützt Lenglich persönlich. Odenthal und Stern nennt er „Mädchen“, was die erfahrenste unter den „Tatort“-Kommissarinnen erwartungsgemäß kaum beeindruckt. Sie verwandelt sich, so will es Bohn, im Lauf der Aufklärung all des Besprochenen zum „lonesome sheriff“. Mehrere Zeugen werden durch Maskenmänner brutal zusammengeschlagen. Keralas Ex-Frau Daphne (Annika Blendl) landet auf der Intensivstation, Tochter Tania (Lucy Loona) findet ein Heim auf Zeit bei Odenthal, bevor die Schläger auch hier alles kurz und klein hauen – und der Kater Mikesch der Kommissarin dabei auf der Strecke bleibt. Es gibt allerhand Geraune von „eine Nummer zu groß“, selbst der Oberstaatsanwalt Marquardt (Max Tidof) scheint zu kuschen. Das Ende des als „Western“ angelegten Falles sieht ungut nach Selbstjustiz aus.

Wenigstens gibt es einen spannenden Fun Fact: In einer von Komparsen wimmelnden Szene im Boxclub ist auch ein international gesuchter Verbrecher zu sehen, der nach einem Zeitungsinterview zum „Tatort“ bei Interpol in Visier geriet und im April dieses Jahres festgenommen wurde. In diesem Sinne hat „Unter Wölfen“ womöglich zumindest praktisch zur Erhöhung der öffentlichen Sicherheit beigetragen. Auch tröstlich, irgendwie.

Der Tatort: Unter Wölfen läuft am 26. Dezember um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot