„Tatort“ aus Dresden

Glück ist besiegtes Unglück

Von Oliver Jungen
06.06.2022
, 15:36
Spurenleserinnen: Karin Hanczewski und Cornelia Gröschel
Video
Kein Happy Place: Im „Tatort: Das kalte Haus“ wird eine in eisiger Beziehungskälte erstarrte Villa inspiziert – ein Kammerspiel mit pädagogischer Intention.
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Ist das schon Metaebene und Teil des künstlerischen Konzepts? Oder fehlende Koordination durch die ARD? Dass zwei „Tatort“-Episoden aufeinanderfolgen, die von derselben Regisseurin stammen, beide von klassischer Whodunit-Spannung abweichen und in denen sich jeweils eine der beiden Kommissarinnen aufgrund der Tat einem Kindheitstrauma stellen muss, ist zumindest ungewöhnlich.

Erstaunlich ist allerdings auch, dass sich der Dresdner Fall „Das kalte Haus“ ästhetisch wie dramaturgisch von der in guten Momenten an David Fincher oder David Lynch orientierten, insgesamt aber zur strapaziös plakativen Horrorshow überdrehten Bremer Episode „Liebeswut“ markant unterscheidet. Die Erinnerungen von Karin Gorniak (Karin Hanczewski) an eine von Gewalt geprägte Plattenbau-Kindheit werden beispielsweise so zurückhaltend wie nur möglich thematisiert. Der Schrecken muss aus ihren Reaktionen herausgelesen werden; verletzt und wütend zerrupft die Kommissarin einmal einen Blumenstrauß. Was genau damals geschehen ist, erfahren wir aus einem kurzen, abgeklärten Telefonat.

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Villa Richtung Möchtegernschloss

Noch ein Unterschied: Regisseurin Anne Zohra Berrached hat diesmal (gemeinsam mit Christoph Busche) auch das Drehbuch verfasst. Dass der um das Thema häusliche Gewalt kreisende Fall mehr auf emotionale Plausibilität als auf strammen Realismus setzt und sich sogar manche augenzwinkernde Volte leistet, das wird schon an jenem zur Allegorie überhöhten, leeren Haus aus dem Titel deutlich, in dem der reichlich derangierte Simon Fischer (Christian Bayer) lebt, ein wohlhabender Bergwerksunternehmer. Es ist nämlich gar kein Haus im schlichten Wortsinn, sondern eine bourgeoise Villa mit Tendenz in Richtung Möchtegernschloss, in der Algorithmen das Personal abgelöst haben. Der allgegenwärtige Smart-Home-Assistent Simo erfüllt nicht nur alle Musikwünsche („Simo, Musik an“), sondern fühlt sich auch angesprochen, wenn nach „Simon“ gerufen wird. Knallrot deuten in diesem leicht gruseligen Zukunftshaus in Gesternoptik Blutspuren auf ein Verbrechen hin.

Kein trautes Paar, nur eine Vision: Simon Fischer (Christian Bayer) und seine  Frau Kathrin (Amelie Kiefer).
Kein trautes Paar, nur eine Vision: Simon Fischer (Christian Bayer) und seine Frau Kathrin (Amelie Kiefer). Bild: MDR/MadeFor/Hardy Spitz

Es handelt sich tatsächlich um echtes Blut, auch bei dem satten Liter, der ins Bett eingesickert ist, wie Gorniak, Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und ihr angesichts des einflussreichen Unternehmers arg servil buckelnder Chef Schnabel (Martin Brambach) feststellen, und es stammt von Kathrin Fischer, der Ehefrau des Hausbesitzers, der die Polizei gerufen hat. Lebte das Opfer mit einem Psychopathen zusammen? Die Nachbarn sind sich uneins. Bayer gibt den selbstverliebten Jammerlappen mit cholerischen Ausfällen so herzerweichend verzweifelt, dass das ganz gut hinweghilft über einige alberne Regie- und Bucheinfälle: So schlägt der liebeswütige Irre mitten in der Nacht im Garten Golfbälle; seine sexuellen Vorlieben sind natürlich wieder peinlich masochistisch; das blutverschmierte Hemd trägt er eisern bis zur letzten Einstellung. Reiche Menschen sind im „Tatort“ eben nur als Karikaturen denkbar.

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Kommissarinnen im Abendfummel

Dass die auf hohem Intensitätslevel interagierenden Kommissarinnen im Abendfummel ermitteln, erklärt sich dadurch, dass sie eigentlich Gorniaks Geburtstag feiern wollten, als plötzlich der Chef aus dem Handy schnabelte, sie müssten mal eben einer Sache nachgehen, die dem Staatsanwalt persönlich am Herzen liege. Tragödientechnisch ist die Episode, in der lange unklar bleibt, ob ein Gewaltverbrechen stattgefunden hat, überzeugend dicht inszeniert, wahrt die Einheit von Raum (die Villa und ihr Garten), Zeit (eine Nacht und ein Tag) sowie Handlung (nur ein Verdächtiger) idealtypisch. Die Bildsprache der Kamera von Jakob Beurle trägt zum beklemmenden Eindruck bei: wenige Totalen, viele Blicke in verwinkelte Räume, mehr als die Hälfte des Films spielt im Dunkeln. Je heller es nach der durchwachten Nacht wird, desto mehr verdüstert sich die Erzählung, bis sie in ein überraschend dramatisches Finale mündet.

Trailer
Tatort „Das kalte Haus“
Video: ARD, Bild: MDR/MadeFor/Hardy Spitz

Ein wenig überkonstruiert wirkt die Schlusspassage, aber das kann durchaus als künstlerische Handschrift durchgehen. Anders sieht es bei der pädagogischen Szene aus, die die deutliche Botschaft noch einmal explizit macht: „Wie oft versucht ein Ehemann in Deutschland seine Frau umzubringen?“ „Jeden Tag, jeden dritten mit Erfolg.“ Und nur platt ist der Einfall, die offenbar unglückliche Kathrin (Amelie Kiefer) zur erfolgreichen Youtube-Glücksberaterin zu machen („Visualisiere deinen Happy Place“), deren Kanal Schnabel mit fast schon groupiehaftem Interesse („Das gibt’s doch nicht, das ist die Glückssucherin!“ „Es gibt auch Frauen, die leisten Großes zu Hause“) zu verfolgen pflegte. Ein hoher Preis für einen lauen Witz.

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Und doch: Die unprätentiöse, charmante Darbietung, eine theaternahe Regie und der prägnante visuelle Gesamteindruck voller Vorausdeutungen (Stollen, Bäume, aus dem Off gesprochene Sätze), die sich erst erklären, wenn die Handlung diesen Punkt erreicht hat, sorgen dafür, dass „Das kalte Haus“ die Zuschauer weniger kaltlassen dürfte als der hitzige Bremer Psychohorror der Vorwoche.

An Pfingstmontag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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