„Tatort“ aus Ludwigshafen

Und wann reiten sie in die Abendsonne?

Von Matthias Hannemann
08.03.2020
, 16:11
Auf der Spur: Lena Urzendowsky (links) und Ulrike Folkerts im „Tatort“.
Bei Hanne und Hans: Im Ludwigshafener „Tatort: Leonessa“ kommt ein Saloon-Kneipier ums Leben. Die Kommissarinnen fetzen sich wie auf dem Schulhof. Das gerät schon etwas aus den Fugen.
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Gegenden, deren Bewohner einen Sheriff vermissen, mag es im betongrauen Deutschland zuhauf geben. Auf der Rückseite eines Einkaufszentrums in Ludwigshafen, das zur Eröffnung in den Sechzigern ebenso als soziale Errungenschaft gefeiert worden sein dürfte wie die Hochhäuser nebenan, gibt es zumindest einen Saloon, dessen Besitzer bei Bedarf den Sheriff spielt – „Bei Hanne und Hans“. Auf den Barhockern liegen Sattel, um bei steigendem Pegel in den Sonnenuntergang reiten zu können.

Auch die Jugendlichen der Siedlung bekommen hier ihren Drink, obwohl sie dafür noch viel zu jung sind. Das ist immer noch besser, sagen sie in der Kneipe, als die Drogen, die sie andernfalls nähmen, und so seien die Kids auch immerhin in Sicht- und Griffweite. Theoretisch.

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An dem Morgen, an dem die Handlung des Tatort „Leonessa“ einsetzt, ist es mit „Hanne und Hans“ dann aber plötzlich vorbei – Hans bekam eine Kugel zwischen die Augen. Die seufzend eintrudelnden Kriminalhauptkommissarinnen Lena Odenthal (zu routiniert: Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (um Profilschärfung bemüht: Lisa Bitter) machen sich gemeinsam mit dem Kriminaltechniker Peter Becker (Peter Espeloer) an die Arbeit, um den Mörder zu finden, das klassische Programm.

Seit 31 Jahren im Einsatz

Die Befragung der Stammgäste übernimmt Kollegin Katja Winter (Petra Mott), weil man sich als Kriminalhauptkommissarin – Odenthal ist seit 31 Jahren im Einsatz, Stern seit immerhin sechs – ja nicht mehr mit jedem Kleinkram befassen muss. Das Ergebnis, festgehalten im Video, dürfen wir uns später gemeinsam mit den Ermittlern auf dem Dienst-Laptop ansehen: Es ist mit Ausnahme einer kurzen Schwarzweißaufnahme am Anfang und einigen Effekthaschereien am Schluss der einzige Kunstgriff eines betont nüchtern und wirklichkeitsnah inszenierten Films (Kamera Cornelia Janssen), der für etwas mehr als achtzig Minuten sogar auf Filmmusik verzichtet.

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Das Drehbuch stammt von Wolfgang Stauch, der zuletzt für den herausragenden Stuttgarter Pflegedienstkrimi „Anne und der Tod“ verantwortlich war, Regie führte Connie Walther. Von ihr dürfte bald abermals die Rede sein, wenn ihr Spielfilm „Die Rüden“ über Straftäter und ihre Kampfhunde in die Kinos kommt. In einer der Hauptrollen ist Lena Urzendowsky zu sehen, die für ihre Rolle als Sara im Pädophilen-Thriller „Das weiße Kaninchen“ einen Grimme-Preis erhielt.

Schnelles Geld für Markenklamotten

In „Leonessa“ spielt Urzendowsky die Teenagerin Vanessa, die seit dem Hauptschulabschluss nur noch mit Leon (Michelangelo Fortuzzi) und Samir (Mohamed Issa) abhängt und keine Anstalten in Richtung Ausbildung macht. Warum auch? Steht in ihrem Gesicht. Schnelles Geld für Markenklamotten lässt sich schließlich auch auf dem obersten Parkdeck verdienen: Vanessa und Leon verkaufen sich an Freier, die Sex mit Minderjährigen suchen, einen Strafrechtsanwalt zum Beispiel, den die Kommissarinnen mit heruntergezogener Hose erwischen. Die Polizistinnen hätten das Geschehen verhindern können. Odenthal schlug das, empört über das Geschehen, bei der Observation sogar vor. Aber dann wäre es eben noch keine Straftat gewesen. Und überhaupt: Die beiden Ermittlerinnen geraten über die Sache so sehr aneinander, dass Odenthal in Ermangelung besserer Argumente eine Apfelhälfte schleudert wie ein bockiges Kind. Es ist ein vergeblicher Versuch, uns emotional stärker in den Fall zu verwickeln. Am Ende wird Lena Odenthal sogar schluchzen und dabei ganz bestimmt Kopper vermissen, der seit 2018, wir vermissen ihn auch, nicht mehr zum Team zählt.

Die einzigen, die das Entgleisen der beiden Kinder vielleicht hätten verhindern können, vielleicht aber auch nicht (wir erfahren in diesem gemächlichen Gebrauchskrimi einfach zu wenig über die Filmfiguren, um das beurteilen zu können), sind deren Eltern: traurige Gestalten, die in ihren Wohnungen kauern und fernsehend oder saufend mit den Schultern zucken.

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Haben sie mit den Mord am Kneipier zu tun? Wir setzen sie auf die lange Liste der Verdächtigen, auf der schon das Duo „Leonessa“, Hansens Cowboyfrau Hanne, der alkoholabstinente, seit Jahren in Vanessa verliebte Samir und dessen krimineller Bruder stehen. Und warten ab, bis die Lösung zu Zeitlupenbildern und Schmalzpoptrompete präsentiert wird. Kleiner Spoiler: Mit den dreitausend Fotos von einem Ranchurlaub in Texas, die auf dem Rechner von Hanne und Hans gefunden werden, hat sie nichts zu tun.

Der Tatort: Leonessa läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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