„Tatort“ aus Münster

Der Kater seines Lebens

Von Oliver Jungen
16.01.2022
, 16:12
Leidet unter substanziellen Kopfschmerzen: Thiel (Axel Prahl) muss an seinen alten Fall in Hamburg zurückdenken.
Video
Frank und high: Der „Tatort“ aus Münster erfreut wieder einmal mit einem teuflisch vertrackten Drehbuch. Und macht seine Helden endlich zu Duzbrüdern.
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Boerne kennt den Limbus schon. Vor einem guten Jahr durfte der bornierte Professor, Jan Josef Liefers’ Paraderolle (neben der des Corona-Dösels), eine gegenüber der ewig gleichen Slapstick-Dramaturgie des Münster-„Tatorts“ infernalisch gut geschriebene und gewieft surreal inszenierte Nahtoderfahrung machen, die ihm, dem aufgeblasenen Gimpel, so wie einst James Stewart alias George Bailey in „Ist das Leben nicht schön?“, zeigte, dass seine Mitmenschen ihn tatsächlich arg vermissen würden, bisse er holterdiepolter ins Gras. Das hatte Boerne emotional durchgerüttelt.

Diesmal ist Thiel (Axel Prahl) dem Teufel nah, der ihm seinen fauligen Odem ins Oberstübchen pustet. Am Ende dieser ebenfalls raffiniert konstruierten und erfrischend vielseitig inszenierten Episode (Buch Thorsten Wettke, Regie Francis Meletzky), so viel sei flüsternd verraten, menschelt es wieder, und zwar so sehr, dass Thiel seinen Boerne beherzt beim Karl-Friedrich packt und dieser den Kollegen frank und freigeistig Frank nennt, und das zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren zumindest ansatzweise glaubhaft. Die Hölle ist ja traditionell für mehr Verbrüderung gut als das Paradies. Ganz nebenbei erbringen der gehörnte Thiel und der besorgte Boerne den Beweis, dass in den bei aller Beliebtheit seit Jahren auserzählt wirkenden Figuren doch noch einiges an Potential steckt, wenn man nur den richtigen Zugriff findet.

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Verstörender, als man es aus den „Hangover“-Filmen kennt

Es beginnt, wie alles Mephistophelische, mit trübem Blick und schwankenden Gestalten. Das Thiel’sche Oberstübchen erweist sich als gänzlich ausgeräuchert; solch ein Blackout ist selbst für St.-Pauli-Fans ungewöhnlich. Der Verkaterte weiß nur noch, dass er abends zuvor in Schock und Trauer am Tresen versumpfte, weil es eine Hirntumor-Diagnose zu verarbeiten galt. Sie betrifft den alten Thiel (Claus D. Clausnitzer), Graf Koks mit dem Taxi, der hier als sterbenskranker Koala-Liebhaber reüssiert, dem der Sohn, der eigentlich die Diagnose überbringen sollte, die wie immer verlangten Rauschmittel diesmal nicht verweigern wollte. Er hatte also Boerne angerufen, der nun auch vor ihm sitzt. Der schwenkt eine Dose Erbensuppe mit Einlage, der Abbildung auf dem Etikett nach vermutlich aus einem alten Hexenkessel geschöpft, aber das beängstigende Wurstgebräu ist nur Tarnung. Es handelt sich vielmehr um das primitive Dope-Versteck von Thiels „Vadder“, das ihm die letzten Tage versüßnebeln soll. Was aber geschah nach dem Anruf bei Boerne? Da setzt der Filmriss ein.

In marternden Flashbacks, bildtechnisch schön schrullig einmontiert (das Trashige an der an Video-AGs erinnernden Negativfilter-Technik setzt einen flotten Kontrapunkt zur melancholischen Tumor-Erzählung), schießen Thiel nun unablässig Erinnerungsfetzen ins Hirn. Sie sind noch verstörender, als man das aus den „Hangover“-Filmen kennt. Thiel selbst taucht verzerrt darin auf, ein Wirt, der zum Wildschwein mutiert, und zudem ein Toter. Der Tote, der sich dann tatsächlich im Wald findet, erweist sich als ehemaliger Vorgesetzter Thiels, den er vor Jahrzehnten wegen Mordes an seiner Frau ins Gefängnis gebracht hatte. Erfrischend jonglieren Wettke und Meletzky mit gut abgehangenen Traditionen wie der Amnesie-Handlung, einem komplexen Rache-Plot, etwas Horror-Mystery und dem perfekten Verbrechen. Der Witz ergibt sich hier allein aus der gelungenen Situationskomik inmitten tragischer Umstände.



Trailer
„Tatort: Des Teufels langer Atem“
Video: ARD, Bild: dpa

Ein wichtiges Detail ist schnell erahnbar (und mildert die Tragik), aber geschickt weitet sich das Rätsel bis kurz vor der Auflösung immer weiter aus. Irgendwie beteiligt scheinen auch eine Onkologin (Kim Riedle) und eine Rechtsmedizinerin (Judith Goldberg) zu sein. Thiel, sich selbst sauber indizienmäßig überführend, muss gegenüber Kommissarin Annika Kröger (Banafshe Hourmazdi) bald einräumen, wohl an einem Verbrechen beteiligt gewesen zu sein. Boerne, Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) und Alberich (Christine Urspruch) sind freilich nicht gewillt, das einfach so hinzunehmen. Sie schlagen dem nach Thiel greifenden Dämon unerschrocken auf seine Nachtschattenfinger. Wettke und Meletzky nutzen den sonntäglichen Krimieintopf also gewissermaßen nur als Versteck für eine weit mehr als bloß halluzinogene Droge: die des großen Wurfs. Im Kern nämlich dreht sich diese Episode, die ohne viele Faxen und Kalauer auskommt, um echte Freundschaft.

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Ästhetisch ist das alles abwechslungsreich dynamisiert, wechselt gekonnt zwischen Großaufnahmen und apart schrägen Ausschnitten (Kamera Bella Halben). Mehrfach stolpern die Ermittler, wie man es aus „Sherlock“ kennt, rekonstruierend in der Szenerie der Tatnacht herum. Die Regie nimmt sich Zeit für ihre Einstellungen, auch das neben der fast durchweg tiefdunklen Einfärbung ein willkommener Unterschied zu einer sonst oft eher hampeligen Volkstheater-Erzählweise der Episoden aus Münster. Selbst die ausgreifend erklärende Auflösung hat ihren Reiz, weil sie das Ausgedachte und Inszenierte gar nicht verbirgt, sondern in einer Art Theatersituation auf leerer Bühne geradezu ausstellt. So nah waren einem diese Figuren, die hier gewissermaßen abgeschminkt auftreten, noch nie, nicht einmal in „Limbus“. Die Chose endet wohl mit einem Begräbnis, aber einen Thiel’schen Kater muss niemand befürchten.

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Der Tatort: Der Teufels langer Atem läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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