„Tatort“ aus München

Auf der Spur der Erinnerung

Von Heike Hupertz
19.06.2022
, 17:44
Unterwegs in fremder Vergangenheit: Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) im Club
Video
Experimentelle Kriminalistik: Der Münchner „Tatort: Flash“ reist in bröckelnde Gedankenwelten und führt das Publikum gekonnt aufs Glatteis.
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Wer wissen will, wie Erinnerung funktioniert, kann Literatur befragen oder die Neuropsychologie. Oder den neuen BR-„Tatort: Flash“. In allen drei Fällen ähnelt sich das Resultat. Bei Proust sind es die Madeleines oder der Duft von Eisenkrauttee, dort ist das Arbeiten mit Triggern wissenschaftlicher oder filmischer Standard. Experimentelle Kriminalistik steht dieses Mal auf dem Programm für Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die in ihrem 88. Fall immer noch offen sind für neue Methoden.

Batic und Leitmayr wälzen zunächst ganz klassisch Akten, sichten Asservate, alles unter Zeitdruck. Und beschließen, dass der Weg zur vollständigen Aufklärung eines mehr als dreißig Jahre zurückliegenden Frauenmordes, für den der einfach gestrickte Alois Meininger (stark: Martin Leutgeb) Jahrzehnte im Maßregelvollzug verwahrt wurde, nur über seinen ehemaligen Psychotherapeuten führen kann. Allerdings ist Dr. Norbert Prinz (Martin Franke) inzwischen hochgradig dement, wird rund um die Uhr betreut von seiner Tochter Nele (Jenny Schily), die nur gelegentlich der anstrengenden Pflege entflieht. Eine zweite Frau ist gerade ermordet worden, im selben Modus Operandi. Meininger muss gefunden werden.

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Nur einer kennt den „Bunker“

Dr. Prinz, so will es das reizvolle, aber auch etwas überwitzige Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser, ist die einzige lebende Seele, die Meiningers Versteck, seinen „Bunker“, kennt. Die Arzt-Patient-Beziehung war in den Achtzigern, noch bevor der Lustmörder nach einem Discobesuch im Kultclub „Flash“ seine Phantasien in die Tat umsetzte, grenzüberschreitend. Prinz besuchte Meininger im Versteck zu Therapiesitzungen. Er nahm die Gespräche auf Tonkassetten auf, in denen der Psychopath detailliert seine Vorstellungen ausführte.

Zeugenaussagen, das weiß jeder Krimizuschauer, sind im Prinzip unzuverlässig. Noch vager sind Zeugenaussagen von Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Wie weit kann man den „lichten Momenten“ trauen und wie weit den damals gesprochenen Worten? Wie weit kann man dem „Tatort: Flash“ selbst trauen, der nicht nur Dr. Prinz auf die Erinnerungsspur setzen will, sondern über seine Ermittlung jeweils nur so viel preisgibt, wie auch Verdächtige und Zeugen wissen? Also keinesfalls die ganze Wahrheit (was immer das auch sein möge). Die Inszenierung von An­dreas Kleinert spielt mit dem Verhältnis von auktorialer und personaler Perspektive, ihr Komplize ist die trickreiche, vordergründig konventionelle Bildgestaltung von Johann Feindt.

Trailer
„Tatort: Flash“
Video: ARD, Bild: dpa

Im Bereich des Neuropsychologischen bleibt dieser „Tatort“ dabei bodenständig anschaulich. Über intellektuelle und visuelle Überbelastung muss sich niemand beschweren. Batic und Leitmayr stoßen auf Prof. Vonder­heiden (André Jung) und sein „Institut für Reminiszenz-Therapie“. Vonderheiden und seine Mitarbeiterin Lechner (Anna Grisebach) arbeiten mit Kulissen, um ihren dementen Patienten Erinnerungszugänge zu schaffen. Ein Klinikraum ist ein Tanzcafé aus den Sechzigern, es gibt eine Fahrschule im Siebziger-Look. Bald auch den exakten Nachbau von Dr. Prinz’ Praxis. Auf deren Couch Leitmayr die überlieferten Ausführungen von Meininger nachspricht, wie in einer Séance.

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Ventiliert werden Fragen von Täuschung durch falsches Spiel und Wort-Trigger, der Zulässigkeit von Schein und Betrug zum „Anzapfen“ des Vergessenen. Aber auch dieser mehr „Tatort“-typische Überbau ist Finte. Das Publikum wird aufs Glatteis geführt. Ein „Roter Hering“-Verdacht (alle Beteiligten außer den Kommissaren haben seltsame Beziehungen, der flüchtige Meininger kümmert sich rührend um einen anderen Ausgestoßenen, einen Straßenhund) zieht sich immerhin durch diesen psychothrillergeneigten „Tatort“. Aber an andere BR-„Tatorte“ wie Erol Yesilkayas und Sebastian Markas „Die Wahrheit“ von 2016 oder den historischen Fall „Der oide Depp“ (2008) reicht „Flash“ nicht heran. Ein weniger eindeutiges Ende hätte dem Film besser gestanden.

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Der Tatort: Flash läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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