„Tatort“ aus Hannover

Dem Gewaltherrscher ein Ende bereiten

Von Heike Hupertz
20.03.2022
, 17:34
Zeugin eines Verbrechens: Hanna (Valerie Stoll).
Video
Der „Tatort: Tyrannenmord“ ist unter dem Vorzeichen des Angriffskriegs, den Wladimir Putin in der Ukraine führt, gespenstisch aktuell. Hier will sich die Bundesregierung mit einem Despoten aus Südamerika arrangieren. Doch das funktioniert nicht.
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Für die fiktive Bundesregierung, die im neuen NDR-„Tatort“ politische Eiertänze aufführt, zählt der Kompromiss mit Gewaltherrschern zur Geschäftsgrundlage. Manche nennen es politischen Realismus. Frieden macht man schließlich mit Feinden, aber vorteilhafte Handelsabkommen mit lupenreinen Diktatoren?

Möchte der Tyrann eines ausgedachten südamerikanischen Staates, der Oppositionelle foltern und töten lässt, in Hannover mit seiner deutschen Frau schöne Tage im Luxushotel verbringen, so haben die Sicherheitsbehörden Gewehr bei Fuß zu stehen. Was Falke (Wotan Wilke Möhring) gewaltig stinkt, der mit Kollegin Grosz (Franziska Weisz) den Einsatz zum Schutz des Präsidenten Mendez koordinieren soll. Trotz „Sympathy for the Devil“-Klingelton. Vor allem wird er sauer, als die Entourage des Diktators verlangt, Demonstrationen zu verhindern. Ein paar mehr Beamte bietet er der Verbindungsoffizierin an und eine knackige Lektion in Freiheitsrechten. In den Wind gesprochen – sie revanchiert sich mit maliziösem Lächeln.

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Der Sohn des Tyrannen besucht das Internat

Dass Juan Mendez (Riccardo Campione), der Sohn des Tyrannen, in einem Internat eine Autostunde entfernt anonym die Vorzüge humanistischer Bildung in der Tradition Humboldts und Schillers genießt, erfährt Falke erst, als der Siebzehnjährige verschwindet. Aus der Anstalt „Rosenhag“, in der Reitpferde und Egalitarismus zum widerspruchsfrei geglätteten Basispaket der Schülerversorgung gehören. Hier wird dem Ermittler der Dorfpolizist Wacker (Arash Marandi) zur Seite gestellt, ein sympathischer Profiler in spe, der am Ende dieses Falles lieber wieder Vandalismus an Bushaltestellen begutachtet. Es gilt Zehenspitzenmodus – die Politik nicht stören, die Entführer finden und den Schlamassel unter der Decke halten –, während Grosz den diplomatischen Part übernehmen soll. Dann wird Juan mit herausgeschnittener Zunge tot aufgefunden. Hanna (Valerie Stoll), Juans Freundin, kommt ins Reden. Die Sache wird immer merkwürdiger.

Dies nicht nur, weil die Internatsleiterin Marie Bergson (Katarina Gaub) ihren ungewöhnlich kurzen Draht zur Innenministerin nutzt. Ihr Mann Andreas (Christian Erdmann) ist ein waschechter Sozialist, der unter den künftigen Top-Führungskräften als „PoWi“-Lehrer Alle-sind-gleich-Stimmung verbreitet. Manche sind selbstredend gleicher. Die Vorzeigeschüler August Finkenberger (Anselm Ferdinand Bresgott), der Sohn eines Richters mit Hang zur Kindesmisshandlung, der ein vom Lehrer auffällig beklatschtes Referat zur „Moralischen Pflicht des Tyrannenmords“ hält: „Gewalt ist eine Lösung“, so sein Fazit. Die Beispiele hätte er besser mit mehr Sorgfalt gewählt: Den ermordeten israelischen Friedensnobelpreisträger Yitzhak Rabin in diesem Zusammenhang zu erwähnen (als Beispiel für die Destabilisierung des Friedensprozesses im Nahen Osten) hätte man sich sparen können.

Trailer
Tatort: Tyrannenmord
Video: ARD, Bild: NDR/Marc Meyerbroeker

Das Thema des Tyrannenmords lässt sich wegen des Angriffskriegs, den Putin in der Ukraine führt, mit neuer Dringlichkeit betrachten. Die Aktualität dieses „Tatorts“ kann der Autor Jochen Bitzer („Der Fall Jakob von Metzler“) zwar nicht erahnt haben, aber sein Schüler August bezieht sich immerhin schon auf den Berliner „Tiergartenmord“ und den Fall Nawalny. Angeregt zu seinem Drehbuch wurde Bitzer, so heißt es, durch den nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong-un und dessen Schulbesuch in der Schweiz. Auch andere Despoten wussten und wissen das System europäischer Bildung zu schätzen.

Hier liegt spannungsreiches Potential, das „Tyrannenmord“ nur zum Teil nutzt. Christoph Stark (Regie) inszeniert den „Tatort“ zwar nonsensfrei, die Kamera von Eeva Fleig ist überzeugend konzentriert. Aber im Gegensatz etwa zu dem stimmigen politischen NDR-„Tatort: Verbrannt“, in dem Falke, damals mit Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) ein Verbrechen aufklärt, das an den Fall Oury Jallohs erinnert, der im Polizeigewahrsam in Dessau verbrannte (Buch Stefan Kolditz, Regie Thomas Stuber), ist „Tyrannenmord“ nicht rundum überzeugend. Der Problemaufriss gelingt, dann aber trüben Schwächen bei der Konstruktion von Zusammenhängen und überflüssiges Nebenpersonal (reiche Eltern) den guten Eindruck. Vor allem aber hört „Tyrannenmord“ auf, als es interessant wird. Vom weiteren Schicksal von Juans Bodyguard Carlos (José Barros), der eine zentrale Rolle spielt, hätte man gern mehr erfahren. Inklusive der unausbleiblichen diplomatischen Verwerfungen auf höchster Ebene.

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Der Tatort: Tyrannenmord läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten

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Quelle: F.A.Z.
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