Neuer „Tatort“ aus Münster

Nastrovje, Nikolaus!

Von Heike Hupertz
22.12.2019
, 14:15
Halloween ist zwar längst vorbei, trotzdem hat der Weihnachtstatort aus Münster ein paar Gruselmomente: Hier sind die Ermittler auf Spurensuche auf dem Friedhof.
Oh, gruseliger Glühwein: Im „Tatort“ aus Münster feiern Thiel und Boerne märchenhafte Weihnachten auf Russisch. Der Krimi ist sogar größtenteils familientauglich.
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Advent in Münster. Die halbe Stadt ist schwer erkältet. Selbst das Gericht muss niesanfallbedingt dichtmachen. Weihnachtsfriede herrscht allerorten. Vom Turm der Lambertikirche baumeln die Wiedertäuferkäfige funkelnd wie uralte Christbaumkugeln. Vor den Weihnachtsmarktbuden zwingt die Staatsgewalt Klemm (Mechthild Großmann) ihren Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Professor Boerne (Jan Josef Liefers), mit pappsüßem Glühwein in Stimmung zu kommen. Für zwischen den Jahren plant sie die Suche nach der verlorenen Zeit. Im vierten Anlauf. „Na dann Proust“, ermuntert sie Boerne. Banause Thiel ist schon hinüber und bereit, das „Weihnachtskrematorium von Bach“ aufzulegen. Dass das weinartige Zuckergebräu Albträume verursacht, in denen grausige Nussknacker, der wilde Krampus und das unbarmherzige Väterchen Frost Horror-Hauptrollen spielen, wird ihm noch aufgehen. Orator Boerne hält es sicherheitshalber mit der klassisch russischen Seele. Bei ihm laufen Tag und Nacht Volkslieder in den Schmachtvariationen des Bassisten Fjodor Schaljapin, per Grammofon und mit Platten, die vermutlich aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts stammen. Gelegenheit, sich Russischkenntnisse anzueignen, die in diesem Fall nützlich sein werden.

Inzwischen trägt Mitarbeiterin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) hoffnungsvoll die Familienohrringe zu Markt, die noch jeder Liebe gebracht haben, und wird, statt heim an die Wolga zu reisen, von einem Weihnachtsmann mit Rauschebart ins Mühlenmuseum entführt. Der verkleidete Artjam (Sascha Alexander Gersak) will mit Geisel Nadeshda neue Ermittlungen erzwingen, obwohl Sohn Kirills (Oleg Tikhomirov) Schuld an der Ermordung des Liebhabers von Gerichtsmediziner Boerne indizienfest nachgewiesen wurde. Bei Wodka und Weihnachtsplätzchen wird es stockholm-syndromgemäß zwischen Nadeshda und Artjam besinnlich, während beim Luxusjuwelier am Markt nach und nach alle Zeichen auf Mäusekönigkriegsvorbereitung stehen.

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„Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben“

Die Schwester des angeblich von Kirill Ermordeten, Sabrina Bux (Sophie Lutz), schleift im Kellerdunkel halbheimlich glitzerfunkelnde Diamanten, ähnlich traurig, wie weiland Aschenputtel Erbsen aus der Asche las. Merke: Teure Geschenke sind das Blut nicht wert, das an ihnen klebt. Ihre feuerrothaarige Chefin Elisabeth Lange (Heike Trinker) erhält Verstärkung von einem dubiosen „Prince Charming“ mit fieslinggegeltem Haar und Verbrechervisage (David Bennent). Während Boerne und Thiel bangen und Zweifel an ihrer Arbeit bekommen, nachts auf dem Friedhof zusammen mit „Alberich“ (Christine Urspruch) Grabschändung begehen und die Touristen ungerührt wacker die Domkulisse belagern, rückt der Heiligabend-Showdown im Münsteraner Weihnachts-„Tatort“ „Väterchen Frost“ immer näher.

Dieses Mal stehen die Zeichen ganz auf Märchen im Buch von Stefan Cantz und Jan Hinter, den Erfindern des Duos Boerne und Thiel. Die Kalauerdichte mag niedriger sein als zumeist, dafür gibt es mitunter eine traditionsmotivbewusste Bildgestaltung, die an Stummfilmvorbilder wie „Nosferatu“ anschließt (Kamera Carl-Friedrich Koschnick). Regisseur Torsten C. Fischer hält es mehr mit den plötzlichen Schrecken der „Rauhnächte“ als mit dem sanft erhebenden „Bereite dich, Zion, mit zärtlichen Trieben“. Alles in Maßen, versteht sich. Auch dieser Münsteraner „Tatort“ bleibt ein Fest für Fans. Der eigentliche Kriminalfall ist dabei mehr als einfach gestrickt, die russische Entführungsromanze trägt ein gerüttelt Maß an Weihnachtsfilmcharme, und der leichte Gruseltouch der Frohen Botschaft bleibt größtenteils familientauglich.

Der Tatort: Väterchen Frost aus Münster läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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