„Polizeiruf“ aus München

Das letzte Verhör

Von Thore Rausch
05.09.2021
, 17:11
Noch Fragen: Verena Altenberger und Thomas Schubert.
Im „Polizeiruf 110: Bis Mitternacht“ geht nur um eins: dass ein Mörder gesteht. Der Polizei bleiben zwei Stunden. Wofür nutzt sie die? Für einen Geschlechterkampf auf der Wache. Das wird spannend.
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Dönersoße auf dem Tisch, Machogehabe und eine gehörige Portion Altherrenwitz: Man kann nur hoffen, dass die Münchener Mordkommission im „Polizeiruf 110: Bis Mitternacht“ arg fiktionalisiert wurde. Ausgerechnet in diesen Männerhaufen wird Kriminaloberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) versetzt und von allen nur „Bessie“ genannt. Nach dem Mörder muss Eyckhoff gar nicht suchen, denn Jonas (Thomas Schubert) sitzt bereits in Handschellen im Verhörraum. Er hat eine Frau umgebracht und einer anderen zwölf Mal mit dem Messer in den Rücken gestochen.

Worum geht es denn nun in diesem Krimi, fragt man sich, als schon nach knapp zwanzig Minuten die Tat gezeigt und das Motiv psychologisch eingeordnet wird. Jonas, im bunten Oma-Strickpulli, hört sich wahnsinnig gern reden und ist wohl das, was herauskommt, wenn Drehbuchautor Tobias Kniebe einen „hochintelligenten Psychopathen“ erfindet. Das Ergebnis ist ein frauenhassender Incel, der doch eigentlich nur will, dass ihm jemand zuhört.

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Der Beweis fehlt

Das Einzige, das den Beamten fehlt, ist der Beweis. Wenn es nicht gelingt, Jonas bis Mitternacht zu einem Geständnis zu überreden, kommt er frei. Das scheint auch der Täter zu wissen. Er hält der Kommissarin langwierige Vorträge über Frauen oder, wie er sagt, „Menschen weiblichen Geschlechts“. So entwickelt sich der Krimi zu einem Duell, in dem sich Jonas und „Bessie“ die Dialogzeilen nur so um die Ohren schlagen. Zwei Stunden bis Mitternacht bleiben zu Beginn des Verhörthrillers, der nahezu in Echtzeit erzählt wird – und die Uhr tickt.

Der Männerhaufen schaut aus dem Nebenraum zu und ist mit Eykhoffs „Kuschelkurs“ unzufrieden. Es wird geflucht, frustriert auf den Schreibtisch gehauen – ein Fehler, und der Tatverdächtige wird freigelassen. Der Frust trifft nun auch „Bessie“, die man vom Verhör abziehen will. Dienstleiter Schaub (Christian Baumann) hat noch ein Ass im Ärmel: Den „erfolgreichsten Vernehmer, den diese Dienststelle“ je hatte – Josef Murnauer (Michael Roll), ein alter Haudegen in Mantel und Hut. Kaum verbringt dieser gerade etwas Zeit mit seiner Tochter – offenbar zum ersten Mal seit Ewigkeiten –, klingelt sein Telefon: München braucht ihn. „Habts ihr a Hubschrauberlandeplatz?“, fragt Murnauer. Als der legendäre Ermittler dann von oben über die schlafende Stadt blickt, weiß man als Zuschauer: Der Mann hat eine Mission. Kaum angekommen, nennt ihn die Belegschaft „Boss“. Die Erwartungen sind hoch, als Murnauer im Verhörraum ankommt. Groß hingegen ist die Enttäuschung Eyckhoffs (und der Zuschauer), dass sich Murnauers Methoden auf Taschenspielertricks und Rumonkeln beschränken.

„Bis Mitternacht“ ist ein Krimi ohne klassische Tätersuche, Spannung bezieht der Film durch den Machtkampf unter den Polizeibeamten. Eyckhoff und der Männerhaufen liefern sich einen erbitterten Kampf darum, wer richtig liegt, sie verstoßen dafür sogar gegen Dienstvorschriften. Dabei schaffen es die Männer partout nicht, die junge Kollegin ernst zu nehmen. Wird sie laut, soll sie „mal durchatmen“, akzeptiert wird nur die Staatsanwältin (Birge Schade), die sich mit derben Sprüchen zigarettenrauchend in die Macho-Gruppe integriert.

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Verena Altenberger trägt „Bis Mitternacht“ durch ihre überzeugende schauspielerische Leistung als „Bessie“ Eyckhoff, mit stillen Psychospielchen im Verhörraum, Machtkampf hinter den Kulissen und Zusammenbrüchen auf der Toilette. „Bis Mitternacht“ ist ein „Polizeiruf“, der gar keiner sein will, und ist gleichzeitig der Beweis, dass auch anderthalb Stunden Dialog in einer Münchner Polizeiwache einen guten Krimi ausmachen können.

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Der Polizeiruf 110: Bis Mitternacht läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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