Schwester Cristina bei „The Voice Italy“

Die rockende Nonne ist zurück

Von Ursula Scheer
19.04.2014
, 08:19
Duett-Duell: Nonne Cristina Scuccia und ihre Mitbewerberin
Knapp einen Monat ist es her, dass die singende Nonne Cristina Scuccia den Juroren von „The Voice Italy“ die Kinnlade runterfallen ließ. Jetzt ist sie zurück: mit „Girls just wanna have fun“.
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Sie kann einem fast leidtun, die junge Frau mit der wilden Mähne und den trendy Klamotten, die da auf der Bühne von „The Voice Italy“ in einem Gesangs-„Battle“ gegen die Nonne mit dem klobigem Schuhwerk unterm Ordenshabit antritt. Luna Palumbo hat keine Chance. Denn das Publikum macht kein Hehl daraus, bei wem seine Sympathien liegen: „sorella, sorella“ („Schwester, Schwester“) schallt es immer wieder von den Rängen, als sich Suor Cristina Scuccia, die 25 Jahre alte Schwester aus dem Ursulinen-Orden, nach ihrem fulminanten Einstieg bei der italienischen Talentshow vor einem Monat zum ersten Mal wieder auf der Bühne zeigt.

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Die beiden ungleichen Sängerinnen schmettern Cindy Laupers Klassiker „Girls just wanna have fun“ um die Wette, die eine mit rauchigem Groove in der Stimme, die andere mit vollem Körpereinsatz und wippendem Schleier. Eine von ihnen wird die Show danach verlassen müssen.

Als Cristina Scuccia sich Ende März in der Einstiegsrunde der Show präsentierte, bei der die Juroren bekanntlich zunächst mit dem Rücken zur Bühne sitzen und ihre Sessel erst drehen, wenn eine Stimme sie überzeugt hat, sorgte die rockende Nonne nicht nur bei der Jury für Staunen. Ob sie eine echte Nonne sei, lautete damals die erste Frage an die Frau in Schwarz, die zuvor das Publikum mit „No One“ von Alicia Keys von den Sitzen gerissen hatte. Und als Cristina Scuccia antwortete: Aber sicher doch, sie stamme übrigens aus Sizilien und halte die Show für eine gute Gelegenheit, eine göttliche Gabe zu teilen, und warte auf einen Anruf von Papst Franziskus, in dessen Sinne das ja wohl auch sei, waren Rührung und Begeisterung im Saal groß. Einer der Juroren, der Rapper Jay-X, wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln, und als die Nonne ihn zu ihrem Coach wählte, flippte er fast aus.

Aber dann ging es erst richtig los. Das Video des Auftritts avancierte zum Youtube-Renner. 45,5 Millionen Klicks hat es inzwischen gesammelt, von Menschen auf der ganzen Welt. Kein Wunder, denn im Clip kommt so einiges zusammen: Ein guter Song mit guter Stimme, eine Ordensschwester à la „Sister Act“, das beispiellose Erstaunen der sonst so obercoolen Juroren - das alles ließ so etwas wie einen Moment der Unschuld entstehen, in dem der ganze Show-Rummel einen Riss bekommt und den Blick auf etwas Echtes freizugeben scheint. Das macht einfach Laune.

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Der ganz normale Wahnsinn

Plötzlich wollten alle etwas über Suor Cristina wissen oder sagen. Eine Boulevard-Magazin der Rai lauerte ihr mit Mikrofon und Kamera auf der Straße auf und bombardierte sie mit Fragen zu ihren Plänen, auf Youtube schossen Parodien ins Kraut, die Geschichte davon, wie Cristina Scuccia erst eine Nonne in einem Musical spielte und dann selbst eine wurde, wurde rauf und runter erzählt, es gab Talkrunden zum Thema, Lob aus Kirchenkreisen und Stimmen, die monierten, die Schwester habe sich schon bei der religiösen Talentshow „Good News Festival“ im Fernsehen profiliert und sei einfach nur eitel, und die italienische „Vanity Fair“ holte vermeintliche „Geheimnisse“ der Schwester ans Tageslicht, die da wären: Sie hatte, oha, einmal einen festen Freund („Ja, wir waren verlobt, sagt Luciano, 25“), und ihre Familie hat, was kaum verwundert, keine Lust mehr, Fragen zu beantworten. „Ziehen Sie Leine, sonst lasse ich den Pitbull von derselben“, soll jemand bei Scuccias am Telefon gesagt haben.

Kurz, der ganz normale Wahnsinn ist in vollem Gange, aber dass sie damit würde rechnen müssen, dürfte Cristina Scuccia klar gewesen sein, und dass sie sich davon nicht den Spaß verderben lässt, ist nach ihrem zweiten Auftritt ebenso klar.

Magischer Tanz

Da tanzten wieder die Mitschwestern am Bühnenrand und das Gesangsduell wurde zum Fest für den Saal. Der Juror Piero Pelù sagte, das Ganze erinnere ihn an Filme von Bunuel, in denen alle Regeln der Logik außer Kraft gesetzt werden, und obwohl für Jay-X, der die Wahl zwischen den beiden Sängerinnen aus seinem Team treffen musste, ein paar freundliche Worte für Luna Palumbos Talent fand, war keine Überraschung, was kommen würde. Im Gegenteil. Und das, obwohl Luna Palumbos Stimme objektiv besser zu dem Stück gepasst hatte. „Suor Cristina hat diese Gabe, Menschen Freude zu machen“, sagte Jay-X. „Ich mache mit ihr weiter.“

Applaus, Abgang von der Bühne, die Show-Routine hat begonnen, Fortsetzung folgt. Der Zauber des Anfangs ist dahin, nur der kurze Tanz auf der Schwelle zum Showbiz ist magisch. Aber vielleicht kommt da ja noch was. Wenn Papst Franziskus angerufen hat.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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