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RTL & „Götz von Berlichingen“

Sag’ ihm, er kann mich . . .

Von Jochen Hieber
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Hut ab: Was sich der Regisseur Carlo Rola und der Drehbuchautor Christian Schnalke für ihre Version des „Götz von Berlichingen“ so alles haben einfallen lassen, zeugt von Risikolust, experimenteller Neugier und großer Spielfreude. Ihr Zugang zu diesem derb-deutschen Raubritter und Kraftkerl der Reformationszeit ist hochgradig originell, gerade weil sie sich um historische Realitäten kaum kümmern, dafür munter vor sich hin fabulieren und darüber eine Handlung gewinnen, die für ein turbulentes Fernsehspektakel sorgt.

In Henning Baum haben sie zudem einen Hauptdarsteller, der über erstaunlich viele Register verfügt. Den ruppigen Raufbold und Fehdenhansel Götz von Berlichingen verkörpert er ebenso glaubhaft wie den reichspolitisch kaisertreuen Fürstenfeind und den um Fürsorge wie Freundschaft bemühten Burgherrn. Lediglich den notorisch protzenden Weiberhelden gibt Henning Baum eher weichgespült, mithin als tendenziellen Frauenversteher unserer unmittelbaren Gegenwart. Aber auch das schadet kaum.

Mittelgroßes Ironie-Kino

Zuallererst vor drei Fragen muss sich jede Adaption des unverwüstlichen Götz-Stoffes bewähren. Wie hält sie es mit dem ominösen Zitat? Wie kommt sie mit der sprichwörtlich „eisernen Hand“ zurecht? Und wie steht sie zum ersten großen Geniestreich des weiland vierundzwanzigjährigen Johann Wolfgang Goethe, dessen Götz-Drama von 1773 die deutsche Bühne revolutionierte und den Sturm und Drang gebar? Voilà: Dreimal kann und soll man der neuen RTL-Produktion die volle Punktzahl geben.

Wir sind in deren 27. Minute. „Sag’s ihm“, lässt der Götz des Henning Baum dem Hauptmann des Bischofs von Bamberg da ausrichten, „er kann mich ... er kann mich ... er kann mich ... im Arsch lecken!“ Allein der stotternde Anlauf zur skatologischen Invektive ist ausgezeichnet. Noch übertroffen wird er von Baums Reaktion auf den Vorhalt eines Mitstreiters, es müsse nicht „im“, sondern „am“ heißen: „Mein Gott noch mal“, lautet die Replik, „ich hab’ mich halt versprochen. Es wird schon nicht gleich in die Geschichte eingehen.“ Das ist zumindest mittelgroßes Ironie-Kino.

Prothesenkunst der Lutherzeit

Von der Eisenfaust wird bei Goethe selbst und übrigens auch in der treuherzig dessen Vorlage folgender Verfilmung von Wolfgang Liebeneiner aus dem Jahr 1979 - für Nostalgiker: der „Seewolf“ Raimund Harmstorf spielte damals den Götz - nur wenig Aufhebens gemacht: Der fränkisch-schwäbische Ritter hat sie eben von Anfang an, wird darob so gefürchtet wie bewundert - damit basta.

Bei Rola und Schnalke wird zunächst ein Attentat in Szene gesetzt, das Götz ans Leben will und ihn dann immerhin die rechte Hand kostet: blutrünstig genug, zugleich schauerromantisch plausibel. Danach fertigt eine hinzuerfundene Figur aus Götzens Tross in mühevoller Detailarbeit eine multifunktionale Eisenhand: Ingenieurs- und Prothesenkunst der Lutherzeit, realistisch durchaus, dabei vom realen Geschehen bewusst und sinnvoll abweichend, hatte der wirkliche Götz seine Hand doch während eines Scharmützels in Landshut und nicht bei einem Anschlag im Bordell verloren.

Der „letzte Ritter“

Zu Goethes Schauspiel „Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand“ verhalten sich Rolas Regie und Schnalkes Drehbuch absichtsvoll ambivalent. So entnehmen sie dem Stück für ihren Film die alles und alle beherrschende Figurenkonstellation: Götz im Kampf gegen den einstigen Jugendfreund und aktuellen Verräter Adelbert von Weislingen (adäquat abgründig: Johann von Bülow) und zugleich gegen dessen Geliebte, die dämonische Witwe Adelheid von Walldorf (umwerfend, gelegentlich auch outriert herrisch: Natalia Wörner).

Darüber hinaus - und zu ihrem Vorteil - ist der RTL-Adaption Goethe jedoch herzlich egal. So ist Götz hier nicht liebender Ehemann und treusorgender Vater, sondern programmatisch Junggeselle. So spielt die Handlung nun eben nicht gegen Ende der Herrschaft des 1519 gestorbenen Kaisers Maximilian I., sondern einige Jahre nach der Inthronisierung des Habsburger-Nachfolgers Karl V.

Nun hat sich Goethe seinerseits um die historische Faktizität keinen Deut geschert. Bei ihm zieht Götz von Berlichingen in den Bauernkrieg, der zu Maximilians Zeiten noch gar nicht entbrannt war, bei ihm kommt Götz in etwa zeitparallel mit dem von ihm verehrten und wie er selbst als „letzter Ritter“ idolisierten Kaiser ums Leben - in Wahrheit lebte der Berlichinger da noch muntere 43 Lenze fort, ehe er 1562 mit für damalige Verhältnisse fast unfassbaren 82 Jahren starb.

Jeder aktuellen Botschaft enthoben

Sowohl in Sachen Bauernkrieg als auch den Lebenslauf des Götz betreffend sind Rola und Schnalke entschieden näher an der einstigen Realität. Aber auch für sie ist jede Art von Realismus lediglich das Alibi für phantasievolle Allotria und bisweilen auch reichlich hanebüchene Aktualisierungen. So rennen Götz und die Seinen derart tarngeschminkt durch die dunklen Wälder, als wären sie Navy Seals im Nacht-Einsatz.

So trägt Lerse (Andreas Guenther), Götzens treuester Vasall, eine Undercut-Frisur. So wird die vernichtende Niederlage der Bauern dadurch eingeleitet, dass der böse Weislingen, als wären wir im Hollywoodfilm „Magnolia“, Frösche auf sie herabregnen lässt. Und so trägt die abgefeimte Adelheid der Natalia Wörner nicht nur einen Prinz-Eisenherz-Schnitt, um ihren unbarmherzigen Machtwahn zu demonstrieren, sondern setzt auch eine Intrige gegen Karl V. in Gang, dank deren die Weltgeschichte seither ganz anders verlaufen wäre - aber, wir verraten nicht zu viel, es wegen Götz dann doch nicht ist.

Der RTL-Film „Götz von Berlichingen“ ist also manches in einem: abenteuerlich und abstrus, sehr unterhaltsam und ziemlich ungeschlacht, herrlich erfindungsreich und hemmungslos geschichtsklitternd. Das sechzehnte Jahrhundert auf die eigene Zeit zurechtbiegend, wusste der junge Goethe genau, was er mit seinem „Götz“ wollte: „die Geschichte eines der edelsten Deutschen“ zeigen, um der Gegenwart deren Schwäche und Kraftlosigkeit vor Augen zu führen. Fast zweieinhalb Jahrhunderte später ist Götz von Berlichingen jeder aktuellen Botschaft enthoben, er muss für nichts anderes mehr stehen als für gutgemachte Action und quotenträchtiges Entertainment.

Dafür braucht es neben Natalia Wörner unbedingt noch eine Frau, eine nicht minder starke, aber eben auf der Seite des Guten streitend - und den guten Götz deshalb von Szene zu Szene mehr liebend. Dafür ausgedacht haben sich Drehbuch und Regie die Heilerin Saleema und diese Rolle mit der in Äthiopien geborenen Schauspielerin Dennenesch Zoudé besetzt. Darauf muss man erst einmal kommen: eine farbige Heilkünstlerin voll ernster Humanität in die fränkisch-schwäbischen Wälder des spätesten, aber immer noch finsteren deutschen Mittelalters zu entlassen und ihr dort ein so klandestines wie emanzipiertes Leben zu inszenieren.

Dass der Götz des Henning Baum dieser Versuchung der Güte und des Guten nicht widerstehen kann, liegt auf der Hand. „Wie habt ihr das nur geschafft, Jungs?“, fragt einer der Getreuen nach der siegreichen Schlacht. Klar, es muss Saleemas Zauber gewesen sein.

Götz von Berlichingen läuft am Donnerstag, 4. Dezember,  um 20.15 Uhr bei RTL.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Hieber
Freier Autor im Feuilleton.
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