TV-Kritik: „Hart aber fair“

Privatisierung der Schulpflicht

Von Frank Lübberding
Aktualisiert am 26.05.2020
 - 08:33
Streitgespräch über Schulen in Corona-Zeiten: „Hart aber fair“ mit Frank Plasberg
„Vorsicht, Explosionsgefahr.“ Mit diesen Worten begann Frank Plasberg seine Sendung über die Schulen in der Coronakrise. Allerdings wurde nicht deutlich, was uns allen um die Ohren zu fliegen droht.

Das Homeschooling via Fernunterricht funktioniert hervorragend. Die Schüler erleben dort Teamgeist, häufig sogar im internationalen Kontext zur Vertiefung von Fremdsprachenkenntnissen. Soviel Kosmopolitismus gab es in früheren Zeiten nicht. Gleichzeitig lernen sie den Unterschied zwischen Taktik und Strategie kennen, wenn es um den gewünschten Erfolg geht. Das alles und noch viel mehr funktioniert allerdings lediglich in der Schule des Lebens, die bei Jugendlichen heute unter anderem vor der Spielekonsole stattfindet. Marktführer ist der japanische Hersteller, der den Walkman erfand.

Ansonsten funktioniert der schulische Fernunterricht vor allem bei den Schülergruppen mit einer hohen intrinsischen Motivation. Denen könnte man die Aufgaben aber auch mit der Post oder per Fax schicken. So sind die bisherigen Erfahrungen nach zehn Wochen Pandemiebekämpfung in den Schulen ernüchternd. Es hat sich zwar niemand mehr angesteckt, aber auch nur wenige haben etwas gelernt. So ging es in der Sendung mit dem Titel „Kinder und Eltern zuletzt – scheitern Schulen an Corona?“ darum, die Gründe zu finden, dabei aber gleichzeitig jede Verantwortung von sich zu weisen. Hier half der erstmals wieder mit der Lust auf Kontroverse auftretende Frank Plasberg, um Klarheit zu schaffen. Ansonsten wäre diese Sendung in jener Unverbindlichkeit versackt, wo sich alle sich selbst den guten Willen konstatieren, um gleichzeitig vor Pauschalurteilen zu warnen. Das berüchtigte Verdikt des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder über Lehrer als „faule Säcke“ ist schließlich noch in Erinnerung.

Wie will man die Leistung eines Lehrers bewerten?

Auf diese These von den Einzelfällen ließ sich Plasberg aber nicht ein. So konnte er den Lehrervertreter Udo Beckmann in einen Argumentationsnotstand versetzen, wenn dieser die weiterhin praktizierten Brückentage rechtfertigen sollte. Gleiches passierte der baden-württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) als sie sich zum Zusammenhang von Leistung und Verbeamtung bei der Lehrerschaft äußern sollte. Die Frage stellte eine vom derzeitigen Schulleben erkennbar frustrierte Zuschauerin aus ihrem Bundesland. Diese argumentierte mit der Reputation einer Zahnärztin. Die Ministerin konnte den Sinn des Berufsbeamtentums nicht erklären, der sich gerade nicht aus einem Leistungsbegriff ableiten lässt. Wie will man überhaupt die Leistung eines Lehrers bewerten?

Ein vergleichbares Problem hatte die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Ihre Arbeitstage sind lang und enden häufig als Gast in einer Talkshow. Trotzdem ist sie dem Selbstverständnis der Vereinbarkeit von Familie und Beruf verpflichtet. Dann muss sie scheinbar noch für ihre Kinder die Funktion der Ersatzlehrerin ausüben. Es war ein bemerkenswertes Schauspiel, wie Plasberg sie unter Druck setzte, darüber Auskunft zu geben. Offenbar kann noch nicht einmal mehr eine unter Termindruck stehende Ministerin zugeben, dass sie keine Zeit hat, sich auch noch nach Feierabend um 22:45 Uhr mit den Kindern wegen der Hausaufgaben zu streiten. Die Erwartung, Kinder lernten im homeschooling voller Enthusiasmus Latein-Vokabeln, kann wohl nur der haben, der auf dem Walkman schon Goethe gehört hatte.

Kurz vor dem Burnout

Dann braucht sich auch niemand über die Lage der Frauen wundern, die an diesem Spagat zwischen Beruf und Ersatzlehrerin scheitern müssen. Es gibt keine Vereinbarkeit, obwohl sogar die zuständige Ministerin diesen Anspruch formuliert. Frau Giffey gab sich für ihre Qualitäten als Ersatzlehrerin die Schulnote „gut.“ Im Gegensatz zur Journalistin Collien Ulmen-Fernandes, die sich ein „ungenügend“ diagnostizierte. Warum der Moderator Frau Ulmen nach der Sichtweise ihres Ehemannes Christian Ulmen fragte, blieb ein Rätsel. Dieser ist einem breiteren Publikum durch seine Rolle als Tatort-Kommissar in Weimar bekannt geworden. War das ein Hinweis auf die Progressivität des Moderators, der die Fürsorglichkeit des Vaters einklagt? Oder eines Reaktionärs, der eine Frau nur als Frau Tatort-Kommissarin ernst nehmen kann? Es ändert jedenfalls nichts an dem Problem, dem sich neben dem Ehepaar Ulmen Millionen Eltern stellen müssen: Eine(r) muss es machen.

Verena Pausder, Expertin für digitale Bildung, sah „Eltern, Schüler und Lehrer kurz vor dem Burnout.“ Sie könnten „alle nicht mehr bei diesem Unterrichtsstoff. Wir müssen uns einfach trauen, etwas wegzulassen.“ Diesen Anspruch hatten die Kultusminister schon bei der Einführung des G-8 Gymnasiums formuliert, weshalb mittlerweile fast alle Bundesländer wieder zum früheren System zurückgekehrt sind. Spötter könnten aber meinen, dass das Weglassen zur Zeit eine gewisse Priorität genießt: In den meisten Fächern findet Unterricht faktisch nicht statt. Frau Pausder machte jenen Denkfehler, dem einige Reformpädagogen schon immer aufgesessen waren. Schule bedeutet als Schulpflicht Verbindlichkeit. Sie zwingt Schüler seit deren Einführung zur Unterordnung unter den Vorgaben des Staates. Deshalb steht der Schulbesuch nicht in der Disposition der Eltern, gleichgültig ob sie Bildung als Voraussetzung für beruflichen Erfolg, als Bedingung für ein selbstbestimmtes Leben oder auch nur als notwendiges Übel betrachten. In den vergangenen Wochen erlebten die Eltern aber die Situation, dass die Schulpflicht in die Obhut der Eltern übergeben worden ist. Sie sollen umsetzen, was der Staat nicht mehr leisten kann. Nur konnte der Staat in den vergangenen Jahren bisweilen noch nicht einmal die Verbindlichkeit des Schulbesuchs durchsetzen, vom Erfolg der schulischen Bildung gemäß den eigenen Ansprüchen ganz abgesehen. Plötzlich sollen das aber Eltern vor dem heimischen Bildschirm bewerkstelligen, obwohl selbst das Minimum eines verbindlichen Tagesablaufs nicht mehr vorhanden ist.

Es ist ein historischer Treppenwitz, wenn die Schulpflicht derzeit als Präsenzunterricht mit maximal fünf Wochenstunden interpretiert wird. Dafür braucht niemand einen Apparat mit hunderttausenden verbeamteten Lehrern an den allgemeinbildenden Schulen und Ausgaben in Höhe von über 60 Milliarden Euro im Jahr. Deshalb verfehlten die enthusiastischen Erwartungen von Frau Plausder an die Digitalisierung der Schulen des Pudels Kern. Wer das Homeschooling zu Ende denkt, kann die Schulpflicht im derzeitigen Verständnis gleich ganz abschaffen. Eltern wären nicht mehr auf die Unzulänglichkeiten einer staatlichen Schulpolitik angewiesen, wenn sie auf digitalisierten Bildungsmärkten bessere Angebote finden sollten. Sie brauchen sich nicht mit einem überalterten Lehrkörper oder der Ignoranz der Schulbürokratien auseinanderzusetzen. Die Schulpflicht reduzierte sich auf die Zertifizierung von Bildungsabschlüssen.

Die auch gestern beklagte soziale Spaltung fände auf diese Weise ihre Vollendung. Staatliche Schulen besuchten nur noch die Schüler, die ansonsten überhaupt kein Bildungsangebot bekämen. Was wir unter den derzeitigen Bedingungen erleben, ist nichts anderes als die Abschaffung der Schule als Institution. An deren Stelle tritt die Privatisierung der Schulpflicht mittels Digitalisierung. Gestern Abend wurde deutlich, dass Überforderung das bei vielen Eltern noch das alles dominierende Gefühl ist. Man sollte sich aber über die Konsequenzen keine Illusionen machen, wenn sich an den derzeitigen Verhältnissen nach den Sommerferien nichts ändert. Ein verlorenes Schuljahr ist noch zu verschmerzen. Aber niemand braucht einen Staat mit hunderttausenden Lehrern, der die Schulpflicht an die Eltern delegiert. Daran könnte auch der Vorschlag von Udo Beckmann nichts ändern, alle Schüler und Lehrer mit einem Laptop auszustatten. Erstere würden es zweifellos begrüßen, wenn der wenigstens als Gaming-Computer verwendbar wäre.

Quelle: FAZ.NET
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