TV-Kritik: „Hart aber fair“

Sterben als gesellschaftlicher Bedarf

Von Frank Lübberding
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 07:36
Im Gespräch über Sterbehilfe bei Hart aber fair: Bischof Georg Bätzing, Dr. Susanne Johna, Internistin, Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik und Olaf Sander.
Der kontroverse Film „Gott“ von Ferndinand von Schirach soll zur Diskussion einladen. Wie wir leben und sterben gilt längst als eine Frage menschlicher Selbstbestimmung. Die Frage ist nur, ob uns die Konsequenzen bewusst sind.

Bei Frank Plasberg gibt es immer die klassische Schlussrunde mit einer Frage des Moderators. Manchmal fällt sie launig aus, um dem vorherigen Ernst in der Debatte etwas die Schärfe nehmen. Bisweilen soll sie auch eine Art Resümee darstellen, so war es gestern Abend. Plasberg diskutierte anlässlich des zuvor ausgestrahlten Films Gott“ von Ferdinand von Schirach über „Gottes Wille oder des Menschen Freiheit. Was zählt beim Wunsch zu sterben?“ Seine Gäste sollten gegenüber dem des Lebens überdrüssig gewordenen Richard Gärtner aus dem Film „Gott“ einen Satz formulieren: Der katholische Bischof Georg Bätzing hätte ihn nach den Namen seiner Enkel gefragt. Die Ärztin Susanne Johna dagegen ihr Verständnis ausgedrückt, die Öffentlichkeit gesucht zu haben. Die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert stimmte dem mit einer Ergänzung zu: Sie könne verstehen, „dass er gehen“, also sterben möchte. Der Altenpfleger Olaf Sander konnte die Motivation Gärtners verstehen, der den Tod seiner Ehefrau nicht verkraftet hatte.

Was niemand formulierte, war ein utilitaristisches Argument. Schließlich erspart der Tod eines ansonsten gesunden Mannes von 78 Jahren der Gesellschaft nicht nur den weiteren Lebensunterhalt auf Grundlage seiner Altersversorgungsansprüche. Zudem fallen in der Kranken- und Pflegeversicherung die meisten Kosten in der letzten Lebensphase an. Als „sozialverträgliches Frühableben“ wurde diese Logik im Jahr 1998 zum Unwort des Jahres. Wobei der Urheber Karsten Vilmar, damals Präsident der Bundesärztekammer, das nicht so zynisch meinte, wie es anschließend interpretiert worden war. Aber wie hätte diese Bühnenfigur des Autors Ferdinand von Schirach auf eine solche Bemerkung reagiert? Wenn sich niemand mehr für seine Motivation zum Freitod interessierte, aber er das tödliche Natrium-Pentobarbital nicht zuletzt wegen des unterstellten gesellschaftlichen Nutzens problemlos bekommen hätte? Die Anmerkung hätten Gärtner und die Zuschauern sicherlich im Wortsinn als obszön empfunden. Es hätte das Moralempfinden der Menschen verletzt, den Freitod in dieser Weise als selbstverständlich zu akzeptieren.

Diese Logik verletzte ein Tabu, obwohl das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 26. Februar diesen Jahres ein „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ postulierte. Wo die „in Wahrnehmung dieses Rechts getroffene Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen“, sogar „als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren“ sei.

Nun machte Ferdinand von Schirach in seinem Stück aus seiner Sympathie für diese höchstrichterliche Entscheidung keinen Hehl. Die Protagonisten wirkten entsprechend. Dem eloquenten Rechtsanwalt, dargestellt von Lars Eidinger, stand eine Kontrahentin gegenüber, die unschlüssig wirkte. Seltsamerweise musste sich Ina Weisse laut Regieanweisung an einem Manuskript festhalten, wo sie bei ihrem Schlussplädoyer noch nicht einmal hineinsehen musste. Der von Götz Schubert gespielte Vertreter der Bundesärztekammer wirkte wie ein Gott in Weiß, nur halt in Anzug und Weste. Lediglich Ulrich Matthes vermochte dem katholischen Bischof Thiel ein Profil zu verleihen, ohne gleich wie eine Karikatur aus dem Satiremagazin Titanic zu erscheinen.

So war es keine Überraschung, dass sich die Zuschauer in Deutschland und der Schweiz, die bei diesem interaktiven TV-Event um ihre Stimme gebeten wurden, mit Zweidrittelmehrheit zugunsten des Natrium-Pentobarbital für Gärtner aussprach. Ihm sollte der Freitod als assistierter Suizid möglich gemacht werden. Wohlgemerkt ging es nicht um den Fall eines schwerkranken Menschen mit geringer Lebenserwartung, der das Leben nur noch als das Warten auf den unvermeidlichen Tod verstehen kann. Es ging um einen Menschen, der seinen Lebensmut verloren hat. Der gleichzeitig die Forderung nach einem staatlich ermöglichten Freitod als Möglichkeit betrachtete, auf die unzulängliche Palliativmedizin beim Sterben seiner an einem Hirntumor erkrankten Frau aufmerksam zu machen.

Das Ende bleibt offen

Ob Gärtner am Ende den Giftcocktail einnehmen würde, blieb im Film ungeklärt. Niemand musste sich mit der Situation beschäftigen, wie trauernde Kinder, Enkel und Freunde von ihm zurückgelassen werden. Es passte nicht zur Dramaturgie eines Films, die den Tod als Akt der Selbstbestimmung vermitteln wollte. Einem klassischen Selbstmord wird diese Wertschätzung bis heute selten entgegengebracht, gilt er doch als Akt der Verzweiflung. Dabei kam bei Plasbergs Gast Olaf Sander die damit verbundene Ambivalenz zum Ausdruck. Seine Mutter hatte sich bewusst für ihren Freitod entschieden, der Sohn und ein Fernsehteam begleiteten sie bei diesem Schritt aus dem Leben. Aber Sander fürchtete die rechtlichen Konsequenzen seiner Mitwirkung, so dass er die sterbende Mutter in ihren letzten Minuten allein lassen musste. Sander schilderte anschaulich das Gefühl der Überforderung, als er sich mit dieser Entscheidung der Mutter auseinandersetzen musste.

Nur ist diese Form der Selbstbestimmung die Ausnahme. Das Sterben ist der Abschied von einem geliebten Menschen. Es ist ein Prozess des langsamen Verfalls der körperlichen Funktionen. Man muss den rasselnden Atem eines Sterbenden gehört haben, oder dessen bisweilen zu erlebenden Panikattacken. Jeder wünscht sich das Sterben im Kreise der Familie. Die Realität sieht anders aus, worauf Plasberg hinwies. Das Sterben ist externalisiert worden, ob in Krankenhäusern oder im Hospiz.

Hier sei eine persönliche Anmerkung gestattet: Meine Ehefrau meinte wenige Tage vor ihrem Tod zu Hause: „Du weißt nicht, wie das ist.“ Sie meinte das Sterben. Wenn sie die Möglichkeit zum assistierten Suizid gehabt hätte, wie hätte sie sich entschieden? Vielleicht hätte sie unserer Familie die Zumutung des Sterbens ersparen wollen. Aber wäre das wirklich jenes selbstbestimmte Sterben gewesen, von dem so oft die Rede war? Eher wohl die Rücksichtnahme auf die Ängste und Tabus von uns Überlebenden, die das Sterben und den Tod nur noch als lästige Begleiterscheinung eines möglichst sorglosen Lebens verstehen.

Schillernder Begriff der Selbstbestimmung

Daran kann auch die Palliativmedizin nichts ändern, auf deren Fortschritte Frau Johna mit guten Gründen hinwies. Der Schmerz ist nicht mehr ein unvermeidliches Schicksal, wie in früheren Jahren. Selbst der Freitod wird akzeptiert, weil das Recht auf selbstbestimmtes Sterben nicht von der Gesellschaft außer Kraft gesetzt werden kann. Deshalb war der versuchte Selbstmord allerdings auch noch nie eine strafbare Handlung. Der Film und die anschließende Diskussion vermieden es aber weitgehend jenen schillernden Begriff der Selbstbestimmung auszuleuchten, der uns heute so selbstverständlich erscheint.

Es betrifft eben nicht nur das Selbstverständnis der katholischen Kirche, wie wir als Gesellschaft unser Selbstverständnis beim Umgang mit dem Tod definieren. Selbstredend verzichtete Bätzing auf den Anspruch seiner Kirche, dem Rest der Gesellschaft ihre Weltanschauung „überzustülpen“. Die Kirche versteht sich nicht mehr als die alleinseligmachende moralische Instanz, weil sie diesen Anspruch auch schon lange nicht mehr durchsetzen kann. Aber sie stellt immerhin noch die richtigen Fragen. Das wurde nicht zuletzt an Frau Schöne-Seifert deutlich, die die Konsequenz einer Politik deutlich machte, die den Staat zum assistierten Freitod verpflichtet. Sie machte zwar einen Unterschied zwischen einem unheilbar Erkrankten und dem Lebensüberdruss von Richard Gärtner im Film, rechtlich hatte das für die Münsteraner Medizinethikerin aber keine Konsequenzen: Beide hätten den gleichen Anspruch auf Beihilfe zum Freitod. Damit wurde die Dynamik deutlich, die der von ihr genannte „gesellschaftliche Bedarf“ auszulösen vermag.

Den Freitod lieber „im Schatten lassen“

So wies Plasberg auf unsere Nachbarländer hin, wo die Liberalisierung zu steigenden Zahlen bei der aktiven Sterbehilfe führte. Bätzing nannte wiederum die Niederlande als Beispiel, wo in manchen Stadtteilen schon 14 Prozent aller Sterbefälle mit dem assistierten Suizid oder mit Tötung auf Verlangen in Verbindung stünden. Frau Schöne-Seifert nannte eine Zahl von vier Prozent aller Sterbefälle, die bei einem liberalisierten Recht der aktiven Sterbehilfe zu erwarten wären. Das beträfe bei uns 38.000 Menschen, zusätzlich noch deren Angehörige. Wer glaubt ernsthaft, das könnte ohne Einfluss auf unser Selbstverständnis beim Umgang mit dem Sterben bleiben? Insofern war der Hinweis des Bischofs von Limburg durchaus konsequent. Er fragte nämlich, ob diese niederländische Erfahrung nicht ein Argument sei, den assistierten Freitod besser „im Schatten zu lassen.“ Frau Johna wies zudem darauf hin, dass eine Erwartung falsch sei: Die Zahl der Suizide werde nach einer Liberalisierung der Sterbehilfe keineswegs abnehmen.

So erlebten die Zuschauer einen Fernsehabend, an dem der assistierte Suizid eines ansonsten gesunden Menschen erst einmal nur ein Planspiel war. Aber er ermöglichte einen Blick in eine Welt, wo das Recht auf selbstbestimmtes Sterben eine Selbstverständlichkeit sein könnte. Ob diese Welt das ist, was wir uns unter Selbstbestimmung vorstellen, ist allerdings zu bezweifeln: Das gilt sogar, wenn diese Gesellschaft das „sozialverträgliche Frühableben“ weiterhin für eine Obszönität halten sollten. Sie muss dann immer noch klären, ob das scheinbar Selbstverständliche nicht in Wirklichkeit die Flucht der Überlebenden vor dem eigenen Sterben ist.

Quelle: FAZ.NET
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