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TV-Kritik „Maischberger“

Wer stoppt die deutschen Raser?

Von Julia Bähr
 - 03:31
Sandra Maischberger mit ihren Gästen (v.l.n.r.): Panagiota Petridou, Stefan Pfeiffer, Gigi Deppe, Maximilian Warshitsky, Nico Klassen und Ute Hammer

Vor drei Tagen wurde in Berlin der Prozess um die Raser wieder aufgerollt, die bei einem illegalen Autorennen einen Mann töteten. Elf rote Ampeln hatten sie zuvor überfahren, das Auto des Unfallopfers flog 72 Meter weit. 2017 wurden die Männer wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, aber der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hob das Urteil wegen ungenügender Begründung auf. Und so lautet auch die erste Frage, mit der Sandra Maischberger ihre Gäste beschäftigt: War das Mord?

„Aus persönlicher Sicht ja“, sagt Maximilian Warshitsky, der Sohn des Opfers. „Man nimmt es billigend in Kauf, das ist die schwächste Form des Vorsatzes – da kommt Mord immerhin in Betracht“, erklärt die ARD-Rechtsexpertin Gigi Deppe. Das mag strafrechtlich relevant sein, aber ist doch für die Frage, ob solche Raserei künftig verhindert werden muss, nicht ausschlaggebend. Über den Mordvorwurf wird das Gericht entscheiden. Die „Maischberger“-Redaktion jedoch hat eine gute Runde zusammengestellt, um alle Seiten zu beleuchten, die über juristische Abwägungen hinausgehen. Vom Kick, den die Fahrer suchen, und von der Gleichgültigkeit, die damit einhergeht, berichten der ehemalige Raser Nico Klassen und die Verkehrspsychologin Ute Hammer: „Geschwindigkeit ist was Schönes.“ Es stellten sich Überlegenheitsgefühle ein, die Illusion: Mir kann keiner was.

Aber so faszinierend das alles psychologisch sein mag – entscheidend ist, wie solche Fälle in Zukunft vermieden werden können. Der Gesetzgeber hat auf den Berliner Fall reagiert und aus der Ordnungswidrigkeit, die illegale Rennen bis dahin darstellten, einen Straftatbestand gemacht. Jetzt drohen den Tätern bis zu zehn Jahren Gefängnis, außerdem werden ihnen die Autos entzogen, was viele ganz besonders schmerzen soll. Dreißig Wagen hat allein die Berliner Polizei seitdem konfisziert.

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Dritter Prozess
Ku’damm-Raser erneut vor Gericht

Ob die Raser nun in Furcht und Schrecken leben, weiß Nico Klassen, der selbst Ende der Neunziger illegale Rennen fuhr. Es ging um Geld und Ehre. Damals noch im Industriegebiet, seine Freunde und er trauten sich nicht in die Stadt. Heute sei das anders: „Der Abschreckungseffekt ist überhaupt nicht da. Weil du meinst, du wirst nicht erwischt.“ Er selbst hörte erst auf, als ein guter Freund mit seinem Motorrad bei einem Rennen tödlich verunglückte. Auch Autobahnpolizeidirektor Stefan Pfeiffer bestätigt: „Der Verfolgungsdruck auf diese Szene hält sich in Grenzen.“ Es gebe einfach zu wenig Polizisten, und die seien mit anderen Verkehrsdelikten ausgelastet. Weniger Fälle von illegalen Autorennen gibt es nicht, seit das neue Gesetz in Kraft getreten ist – sie werden nur härter sanktioniert.

Für Sandra Maischberger entwickelt sich ein ruhiger Abend: Zwar gibt es kontroverse Meinungen, aber niemand ist in Streitlaune, sondern höflich interessiert an den Positionen der anderen. Die These, dass politische Talkshows ohne Politiker am besten sind, wird an diesem Abend zumindest nicht widerlegt. Und die Fragen bleiben umfassend: Macht ein Mordurteil im Raserprozess etwa jeden zum potentiellen Mörder, der mal mit Tempo vierzig durch die Dreißigerzone fährt?

Besser gestresst als sorglos

Die Moderatorin und Autoverkäuferin Panagiota Petridou gerät hier ein wenig in die Defensive. Ihr Auto habe 195 PS, erklärt sie: „Ich nutze gern die linke Spur, schätze mich aber selbst als offensiv-aufmerksam ein“. Leider waren alle Anwesenden zu höflich, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass das genau die Selbstbeschreibung der schlimmsten Raser und Drängler auf den Autobahnen sein dürfte. Stattdessen wird gezeigt, wie Petridou im Fahrsimulator einen Parcours bewältigen muss, bei dem ihr ständig jemand vors Auto läuft oder Wagen entgegen kommen. Anschließend wird ihr Stresswert dabei ausgewertet.

Aus dieser Technik soll später ein System hervorgehen, das erhöhten Stress beim Fahrer feststellt und ihn daran erinnert, sich zu bremsen. Ob das die Richtigen trifft, wird leider wieder nicht verhandelt – manche Autofahrer setzen ihren Stress nicht in Drängelei um, sondern in üble Schimpfworte, was unbedingt vorzuziehen ist. Und die Fahrer, die im Berufsverkehr nicht gestresst sind, sind wahrscheinlich gefährlicher als alle anderen zusammen: entweder sorglos oder hemmungslos.

Seltsamerweise erwähnt bei diesem Thema lange keiner das Wort Tempolimit. Aber dann sagt Stefan Pfeiffer: „Ich würde nicht sagen, dass die Aggressivität zugenommen hat.“ Es seien stattdessen die hohen Geschwindigkeiten, die fehlerverzeihende Straßen, die PS-starken Autos und die erhöhte Wahrscheinlichkeit, schwere Unfälle zu überleben. Außerdem seien die Geldstrafen für Raserei zu gering. „Wir sind ein Billigland, was die Sanktionierung von Verkehrsverstößen angeht.“

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Nun ist das Tempolimit die heilige Kuh der Deutschen, für die Autofahren schon immer etwas Verwegenes hatte und zugleich als Grundrecht galt: „Freie Fahrt für freie Bürger“, oder: „Mein Auto fährt auch ohne Wald“. Auch Panagiota Petridou schwärmt zwar von Südafrika, wo alle entspannt maximal 120 Stundenkilometer fahren, aber in Deutschland will sie das nicht. „Da muss ich ja zur Arbeit und bin nicht im Urlaub.“ Dass die Diskussionen zu diesem Thema fast immer Tempo 120 als einzige Alternative zum Recht auf Schallgeschwindigkeit nennen, ist allerdings so kontraproduktiv, dass man meinen könnte, die Raser-Lobby selbst hätte diese Dichotomie aufgemacht. Schon ein Tempolimit von 160 wäre sicherer und damit besser als das, was wir jetzt haben.

Aber ums maximale Tempo gefeilscht wird hier leider nicht, stattdessen argumentiert Stefan Pfeiffer nüchtern: „Wir würden uns sehr, sehr viele Schwerstverletzte sparen.“ Außerdem würden in den Ländern mit Tempolimit genauso viele hochmotorisierte Autos verkauft wie hierzulande. Sandra Maischberger fragt, wie man denn ein solches Tempolimit durchsetzen solle, und die Runde ist sich uneinig, wie die Polizei das auch noch leisten könnte. Als gäbe es keine Radarkontrollen, die heute schon Fahrer blitzen, die schneller fahren als erlaubt.

Immerhin entwickelt sich das Gespräch in der letzten Viertelstunde noch zum Service-Block, da macht die ARD ihrem Bildungsauftrag alle Ehre. Wir lernen: Nicht bremsen, wenn jemand drängelt. Ruhe bewahren. Wenn ein Mitfahrer das filmen kann, soll er. „Der Klügere gibt nach“, sagt Pfeiffer. Er selbst drehe manchmal den Spiegel weg. Selbst soll man auf keinen Fall rechts überholen oder drängeln, es gilt der halbe Tacho Abstand – aber einmal Lichthupe ist okay. Notfalls kann man die 110 wählen, wenn jemand mit Tempo 80 nicht von der linken Spur weicht, und den Verkehrsbehinderer melden. Aber bloß nicht mit dem Handy am Ohr fahren.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
Redakteurin im Feuilleton.
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