TV-Kritik: „Maybrit Illner“

„Wir können einfach nicht mehr“

Von Simon Strauß
26.02.2021
, 06:08
Deutschland steht vor der dritten Corona-Welle, aber alle reden über Wege aus dem Lockdown. Ob „sichere“ Lockerungen möglich sind, wollte Maybrit Illner mit Ihren Gästen diskutieren. Dabei wurde eine andere Frage zum unvorhergesehen Hauptthema.

Es ist nicht nur kompliziert, es ist schizophren. Deutschland steht am Anfang seiner dritten Corona-Welle und diskutiert über Lockerungen. Nein, diskutiert nicht nur, sondern tut es schon. Schulen und Kindergärten sind mittlerweile fast landesweit wieder offen, in Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Baden-Württemberg und Bayern sollen ab kommenden Montag Baumärkte, Gärtnereien, Garten- und Blumenmärkte wieder öffnen dürfen. In Thüringen sollen die Fahrschulen wieder aufmachen und Prüfungen abnehmen und in Rheinland-Pfalz dürfen ab dem 1. März nicht nur Friseursalons, sondern auch Fußpflege-Studios mit Abstand und Maske besucht werden.

Auch andere Läden dürfen dort nach vorheriger Terminvergabe einzelne Kunden in ihre Räume lassen, um beispielsweise Kleidung anzuprobieren. Diese Regelung könne beispielsweise für Brautmode-Geschäfte von Interesse sein, stellte die wahlkämpfende Ministerpräsidentin Malu Dreyer gerade in Aussicht.

All diese Lockerungen sind bereits beschlossene Sache, bevor sich die Ministerpräsidentenkonferenz am kommenden Mittwoch trifft, um angeblich ergebnisoffen über Lockerungen zu diskutieren. Zu welchem Ergebnis sie kommt, scheint fast schon irrelevant. Die Zeichen der Zeit stehen auf Freigang. Eine Gesellschaft, die seit über einem Jahr mit großen Beschränkungen lebt, will sich nicht länger zurückhalten.

Testen, testen, testen

„Wir können einfach nicht mehr“, ruft zu Beginn dieser Sendung der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der in seiner Karriere schon mehrfach zum populistischen Buhmann stilisiert wurde, aber im Moment dasteht wie eine Eins. Seine Anti-Corona-Strategie, die schon seit geraumer Zeit auf regelmäßigen Schnelltests basiert, hat bundesweit viel Lob erhalten.

Auf eigene Faust hat Palmer sich für seine Kommune bereits ausreichende Testkapazitäten gesichert und setzt sie nun nicht nur in Altenheimen und Schulen, sondern etwa auch in Friseurläden ein. Palmer plädiert energisch dafür, jetzt auch die Läden in den Innenstädten wieder zu öffnen, damit sich ihr Gesicht nicht unwiderruflich verändere. Testen, testen, testen, lautet sein Credo, er will Lösungen präsentieren, statt immer nur Bedenken vorzutragen.

Fleischgewordene Corona-Warn-App

Das zielt auf Mitdiskutant Karl Lauterbach, den Kölner Impfarzt und verlässlichen Corona-Mahner von der SPD. Wenn wir ihn nicht hätten, dann könnte man jetzt fast ein bisschen Hoffnung bekommen. Aber Lauterbach ist im Grunde das, was auf unseren Handys nicht richtig funktioniert: so etwas wie die fleischgewordene Corona-Warn-App. Die jetzt um sich greifende Mutante sei „ansteckender und tödlicher“ als das bisherige Virus, sagt Lauterbach, „zu schnelle Lockerungen wären daher ein fataler Fehler“.

Palmers Fixierung auf Selbsttests hält er für riskant, denn man dürfe den Fehlerquotienten nicht unterschätzen. In vier von zehn Fällen würde bei eigenhändig ausgeführten Selbsttests Studien zufolge die Erkrankung nicht richtig erkannt. Darüber hinaus könne man die Qualität vieler Selbsttests nicht richtig einschätzen, weil die meisten von ihnen noch nicht in einem Labor geprüft worden seien.

Trotzdem könne man die Tests doch als eine Art „Brückentechnologie“ einsetzen bis ein signifikanter Teil der Bevölkerung geimpft sei, springt Moderatorin Illner dem Tübinger OB bei. Im Prinzip schon, so Isabelle Oberbeck, die patente Leiterin des Weimarer Gesundheitsamtes, allerdings dürfe man sich dann auch nicht wundern, wenn die Inzidenzen stiegen.

Astra-Zeneca: Hervorragender Impfstoff auf Halde

Überhaupt plädiert sie dafür, den Blick nicht nur starr auf die Inzidenzzahl zu richten, sondern auch die Anzahl möglicher Kontaktpersonen und die Schwere einer Erkrankung mit in die Berechnung aufzunehmen. Ihre größte Aufmerksamkeit gelte im Moment sowieso weniger den Schnelltests als dem in Misskredit geratenen Impfstoff Astra-Zeneca. Am kommenden Sonntag werden bei ihr in Weimar nämlich erstmals auch Lehrerinnen und Erzieher damit geimpft, die seit neuestem als Prioritätengruppe gelten.

Damit ist die Talkrunde bei ihrem unvorhergesehenen Hauptthema angekommen, das allerdings wenig Kontroverse erzeugt: Palmer und Lauterbach sind sich darin einig, dass es ein schwerer Fehler war, Astra-Zeneca in Deutschland nicht für die vulnerable Gruppe der über Fünfundsechzigjährigen freizugeben. Aus falschem Sicherheitsdenken heraus habe man so einen hervorragenden Impfstoff diskreditiert und mitverschuldet, dass jetzt zwei Millionen Astra-Impfdosen auf Halde lägen, weil Menschen sich aus Sorge vor angeblich schwereren Nebenwirkungen nicht damit impfen lassen wollen. Dabei habe sich gezeigt, so Lauterbach, dass der Impfstoff auch Achtzigjährige tadellos schütze. Selbst der ehemalige Walddorfschüler Boris Palmer versichert, dass die Angst vor Nebenwirkungen unberechtigt sei.

Neben den beiden selbstsicheren Politikern wirkt Susanne Schreiber vom Deutschen Ethikrat eher vorsichtig und zurückhaltend, nur einmal hebt sie kurz die Stimme, als sie fordert, dass Menschen, die zum jetzigen Zeitpunkt einen Impftermin ablehnen, „sich erst einmal wieder hinten anstellen“ müssten. Auch Harald Lesch, der vielfach preisgekrönte Wissenschaftsjournalist, scheint etwas ermüdet von seinen vielen Versuchen, seinen Zuschauern zu vermitteln, wie sicher die neuen Impfstoffe sind. Ein wenig zu nonchalant rät er als festangestellter Moderator im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen dazu, „ganz langsam und vorsichtig zu lockern“.

Am Abend eines Tages, in dessen Morgenstunden der Branchenverband des Einzelhandels gerade erst wieder auf die verheerenden Konsequenzen des Lockdowns für hunderttausende Geschäftsinhaber hingewiesen hat, klingt das wenig sensibel. Allerdings hatten sich später an diesem Tag auch nochmal die Intensivmediziner zu Wort gemeldet und für Öffnungen frühestens ab April geworben. Auch Lauterbach plädiert für sechs bis acht weitere Wochen harten Lockdown, um der sensiblen Gruppe der Siebzig- bis Achtzigjährigen die Chance auf eine lebensschützende Impfung zu geben.

Auf keinen Fall, so prägt Lauterbach an diesem Abend zumindest eine weitere Corona-Wendung, dürfe man „in die dritte Welle hineinlockern“. Genau das aber will Palmer mit Hilfe seiner vielen Schnelltests. In der Pandemie müsse „Schnelligkeit vor Gründlichkeit“ gehen, verkündet er apodiktisch, im Übrigen müsse man „die Kommunen jetzt laufenlassen“.

„Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“

Was genau er damit meint, bleibt offen. Wie vieles an diesem Debatten-Abend, der von der fahrig wirkenden und mit ihrem Denglisch („ob das safe ist“, „wäre das der Game changer?“, „anyway“) prahlenden Illner mehr schlecht als recht moderiert wird. In der Geschichtswissenschaft wird gerne von der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ gesprochen, um paradoxe Situationen zu beschreiben, in der grundsätzlich Widersprüchliches nebeneinander existiert. Diese Formel passt auch auf unsere Lage, auf diesen Moment, in dem Fallzahlen und R-Werte wieder ansteigen und dennoch über schnelle Öffnungspläne diskutiert wird. Vielleicht sind „wir alle gemeinsam“ in dieser Pandemie jetzt dort angekommen, wo wir im Grunde immer schon waren: im Dilemma, aus dem nur das Risiko den Ausweg kennt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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