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TV-Kritik „Maybrit Illner“

Knapp vorbei ist leider auch daneben

Von Michael Radunski
 - 04:44
ZDF-Sendung "Maybrit Illner" mit Sabine Kropp, Tilman Kuban, Tobias Hans, Maybrit Illner, Norbert Walter-Borjans, Katja Kipping, Robin Alexander

Annegret Kramp-Karrenbauer zieht sich von der CDU-Spitze zurück und in der CDU geht es drunter und drüber. Wie steht man zur Linkspartei, wie zur Kanzlerin, wie zur Werteunion oder wie zur AfD – und alles mündet in der Frage: Wer soll die Partei zukünftig führen? Die scheidende Vorsitzende plant, dass die CDU diese Frage erst in einem Jahr beantworten solle. Es ist ein eher realitätsfernes Vorhaben. Und so stellt auch Maybrit Illner in ihrer Sendung die drängende Frage „Machtkampf in der CDU – wer kann Kanzler außer Merkel?“

Doch zunächst geht es nicht um Aktualität oder gar Zukunft, nein, die Sendung startet mit Vergangenheitsbewältigung. Es geht zurück in den September 2015. Damals sagte Angela Merkel: Als Gerhard Schröder und die SPD den Parteivorsitz vom Kanzleramt getrennt haben, war mir klar, dass das Konsequenzen haben werde. Tja, sie selbst scheint daraus wohl keine Konsequenzen gezogen zu haben, zumindest nicht für ihre eigene Partei im 15. Jahre ihrer Kanzlerschaft.

Der CDU nicht mehr getraut

Dass Frau Illner daraus jedoch allen Ernstes die Frage ableitet, ob Frau Kramp-Karrenbauer sich als Parteivorsitzende selbst überschätzt habe, ist doch sehr verwunderlich. Tilman Kuban als Vorsitzender der Jungen Union nimmt diese schräge Vorlage jedenfalls dankbar auf und schickt der scheidenden Parteichefin ein vergiftetes Kompliment hinterher. Er respektiere diese persönliche Entscheidung, denn im Grunde müsse sich jeder fragen, ob man sich, seiner Familie und seinem Umfeld die Kanzlerschaft zutraue. Es sind dann Tobias Hans (CDU-Ministerpräsident des Saarlands) und Robin Alexander (stellvertretender Chefredakteur der Zeitung „Welt“), die diesen schrägen Sendungsbeginn geraderücken: AKK habe für die Partei gehandelt, urteilt Tobias Hans, während Robin Alexander es noch klarer auf den Punkt bringt: Annegret Kramp-Karrenbauer habe nicht sich selbst nicht getraut, sondern sie habe der CDU nicht mehr getraut.

Anschließend versuchen sowohl Katja Kipping (Parteivorsitzende der Linkspartei) als auch Norbert Walter-Borjans (Parteivorsitzender der SPD) die CDU-Personalfrage in eine inhaltliche Debatte zu verwandeln, was Maybrit Iller jedoch unverblümt ablehnt, das wäre eine inhaltliche Frage. Nun gut, aber ihre eigene Frage nach der Zukunft von Angela Merkel mündet bedauerlicherweise in Floskeln wie „Sie ist der Stabilitätsanker der Großen Koalition“ (Tilman Kuban) und „Wir haben die Aufgabe, die Regierung gut zu gestalten“ (Tobias Hans). Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, die Frage nach einem möglichen Ende der Merkelschen Kanzlerschaft nicht den beiden CDU-Gästen zu stellen, die sich an dieser Frage nicht die Finger und damit die eigene Zukunft verbrennen möchten.

Aber zumindest wurde danach der Blick endlich nach vorne gerichtet. Jens Spahn, Friedrich Merz und Armin Laschet gelten als die aussichtsreichsten Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz. Während die beiden Erstgenannten bereits ihre Bereitschaft signalisiert haben, hält sich Armin Laschet noch zurück. Weil man ihm als NRW-Ministerpräsident zuhören würde, erklärt Robin Alexander. Herr Laschet wolle einen strukturierten Prozess, an dessen Ende sich die drei Kontrahenten auf ihn einigen sollen, orakelt der Welt-Journalist und zählt die Vorzüge der einzelnen Kandidaten auf: Die CDU-Mitglieder würden mehrheitlich Merz unterstützen, jemanden der die klassische CDU vertrete, ein konservativer Transatlantiker, der für ein scharfes Schwarz-Gelbes Angebot stehe. Jens Spahn hingegen würde eher vom politischen Berlin geschätzt, während Armin Laschet für das alte bundesrepublikanische Deutschland stehe. Er könne mit jedem und wäre ein Kandidat, der in die Mitte reinstrahle, meint Alexander. Es bleibt die klarste Analyse an diesem Abend.

Weitere Kumpanei mit der AfD?

Tobias Hans mahnt, man müsse das genau durchdenken und wahltaktisch überlegen, wie die einzelnen Kandidaten auf die Wähler wirkten. Tilman Kuban nutzt seine Energie entweder, um anderen Gästen – vorzugsweise Katja Kipping – ins Wort zu fallen oder um die SPD in Person von Norbert Walter-Borjans zu attackieren. Es ist das alte Spiel, von eigenen Durcheinander abzulenken, in dem man mit dem Finger auf andere zeigt. Blieben noch besagte Katja Kipping und Norbert Walter-Borjans. Der SPD-Vorsitzende zweifelt an der Wirtschaftskompetenz von Friedrich Merz und verweist auf dessen Rolle als ehemaliger Verkäufer der WestLB. Fast läuft die Sendung an dieser Stelle Gefahr, inhaltlicher zu werden. Aber statt den Punkt der Wirtschaftskompetenz zu erörtern, oder gar auf die anderen Kandidaten zu übertragen, bleibt die Moderatorin still. Vielmehr setzt Katja Kipping zu ihrer ganz eigenen Analyse an: Sie prophezeit, dass Friedrich Merz vor allem für eine weitere Kumpanei der CDU mit der AfD stehe.

Anschließend fallen sich Herr Kubman und Frau Kipping gegenseitig so lange ins Wort, bis dank Robin Alexander wieder Inhaltliches in die Runde findet. Friedrich Merz habe nie für die Zusammenarbeit mit der AfD geworben, er sei vielmehr ein klassischer CDU-Mann. Einen Rechtsruck könne er an der Person Merz jedenfalls nicht festmachen. Die Politikwissenschaftlerin Sabine Kropp würde derzeit jedenfalls auf Friedrich Merz wetten, merkt jedoch an, der er vor allem bei den Themen Digitalisierung oder Regelung des Arbeitsmarktes großen Nachholbedarf habe. Kropp sieht Kandidaten- und Inhaltsfragen eng miteinander verbunden, denn die zukünftige Richtung der CDU könne nicht über den Kopf eines neuen Vorsitzenden hinweg entschieden werden. Hier widerspricht Robin Alexander vehement. Inhaltlich würde jetzt bei der CDU rein gar nichts passieren, er verweist exemplarisch auf den Werdegang des aktuellen CDU-Generalsekretärs Paul Ziemiak. Ziemiak war bei der vorangegangenen Wahl des CDU-Vorsitzenden solange Unterstützer von Friedrich Merz bis dieser verlor, und er selbst unter der Gewinnerin Kramp-Karrenbauer neuer Generalsekretär wurde. Alexanders Fazit: Es ist die Zeit der Deals, nicht der Inhalte.

Inhaltlich wollte dann aber auch Maybrit Illner werden und fragte nach dem Verhältnis der CDU zur Linkspartei und zur AfD. Es ist im Grunde die aktuelle Gretchenfrage der CDU, an dieser Stelle droht der CDU die Zerreißprobe – und das nicht erst seit der Wahl des FDP-Politikers Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten in Thüringen mit den Stimmen von CDU, FDP und AfD. Kurze Einspieler illustrierten denn auch diese tiefe Zerrissenheit in wenigen Sätzen: Während Bayern Ministerpräsident Markus Söder (CSU) jede Art von Verbindung zur AfD ablehnt, plädieren CDU-Politiker aus Thüringen und Sachsen-Anhalt vehement für eine Zusammenarbeit mit der AfD.

Der Boden für eine hitzige Diskussion ist bereitet, doch scheinbar ist der Illner-Redaktion bei der Gästeauswahl ein Fehler unterlaufen. Denn beide anwesenden CDU-Politiker vertreten an diesem Abend unnachgiebig die gleiche Position: die zuletzt oft genannte Brandmauer in Form der CDU-Unvereinbarkeitsklausel, wonach es weder eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei noch mit der AfD geben werde. Tilman Kuban beruft sich auf vermeintliche 99 Prozent der Mitglieder, die hinter diesem Beschluss stehen würden. Tobias Hans nennt Björn Höcke von der AfD einen Faschisten, der schlicht unwählbar sei für einen Christdemokraten. Hans-Georg Maaßen, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz und aktuellem Mitglieder der „Werteunion“, legt Hans zudem nahe, dass CDU-Parteibuch zurückzugeben. Ein Ausschlussverfahren würde ihm schlicht zu lange dauern.

Es ist wieder Robin Alexander, der frische Denkanstöße in die Diskussion brachte. Hans-Georg Maaßen sei einst vom SPD-Innenminister Otto Schily zum Verfassungsschutz geholt worden. Er mache sich jedenfalls Sorgen um die Union, wenn nun schon Entscheidungen eines Sozialdemokraten zu rechts für die CDU seien. Auch könne er den Begriff der Brandmauer nicht mehr hören. Die CDU solle sich vielmehr fragen, wie man das mögliche Feuer hinter jener Brandmauer löschen könne.

Sendung der verpassten Chancen

Und so endet eine Sendung der verpassten Chancen. Zwar hat man die spannenden Themen der Woche erkannt: den Kampf um den CDU-Parteivorsitz und den Richtungsstreit in der Union. Doch in beiden Fällen bleibt man Antworten, Analysen oder zumindest Denkanstöße schuldig. Im Hinblick auf den Machtkampf um den CDU-Vorsitz: Natürlich geht es hier um Personen. Aber diesen Kandidaten werden Positionen zugeordnet. Welche? Etwas mehr Informationen als „konservativ“ oder „Mann, der in die Mitte ausstrahlt“ wären für den Zuschauer sicherlich interessant gewesen. Wie auch die Frage, ob diese Etiketten den jeweiligen Personen zurecht nachgesagt werden? Und auch im Hinblick auf den Richtungsstreit innerhalb der Union wird die Chance auf eine tiefere Erkenntnis verpasst: Es ist eine gute Idee, zu einem Richtungsstreit zwei CDU-Politiker einzuladen, aber dann sollten diese beiden auch die unterschiedlichen Richtungen innerhalb der Partei repräsentieren. Bei Tobias Hans und Tilman Kuban ist das nicht der Fall. Und so bleibt dem Zuschauer die alte Binsenweisheit: Knapp vorbei ist eben auch daneben.

Quelle: FAZ.NET
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